Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 24. Feb 2022 Von Stefan Asche

Wird es kalt ohne russisches Gas?

Eine aktuelle Untersuchung zeigt auf, wie Deutschland auf ein potenzielles Gasembargo vorbereitet ist.

Russisches Gas wird in Deutschland hauptsächlich zur Wärmeerzeugung genutzt.
Foto: PantherMedia / Pakhnyushchyy

Zunächst mal ein paar Fakten: Russland liefert über die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Erdgases. Und dieses Gas ist wichtig: Es deckte 2020 gut ein Viertel des deutschen Primärenergiebedarfs. Das waren 871 TWh. Hauptsächlich wird der flüchtige Energieträger zur Wärmeerzeugung genutzt: Erdgasheizungen sind aktuell die meistgenutzte Wärmequelle in deutschen Haushalten. Die Bedeutung des Gases wird – trotz aller Bemühungen um regenerative Energiequellen – mittelfristig sogar noch zunehmen. Hintergrund: Im Zuge der Energiewende wird erdgasbetriebenen Kraftwerken eine entscheidende Bedeutung als Brückentechnologie in der Stromversorgung zukommen.

Was also, wenn Putin den Gashahn nun zudreht? Braucht es im Hinblick auf den nächsten Winter Alternativen?

Die Speicher sind wenig gefüllt

Die Antwort der IW-Wissenschaftler: Problematisch könnte es werden, wenn es im nächsten Winter extrem kalt wird. Ein weiteres Risiko seien die aktuell unzureichend gefüllten Speicher. Zu Beginn dieses Winters waren sie in Deutschland nur zu rund zwei Dritteln befüllt. (Üblich sind über 90 %.) Bis Anfang Februar reduzierte sich der Bestand gar auf lediglich 36 %.

Flüssiggas könnte eine Alternative sein

Hoffnungsschimmer: Deutschland könnte das drohende Manko über Flüssiggas (LNG) teilweise kompensieren. Die Bundesrepublik ist durch eine gute Anbindung an Flüssiggasterminals der Nachbarländer, etwa den Niederlanden, kurzfristig gut abgesichert. (Braucht Deutschland eigene Terminals? Ein Kommentar von Stephan Eder informiert.)

Der LNG-Markt ist in den vergangenen Jahren weltweit kräftig gewachsen. „In welchem Ausmaß Flüssiggas im Krisenfall nach Europa umgeleitet werden könnte, kann aber nicht sicher vorhergesagt werden“, sagt Studienautor Andreas Fischer. In den letzten Wochen sei aber bereits ein deutlicher Anstieg der LNG-Importe nach Europa zu beobachten gewesen. „Unsere Auswertung zeigt, dass Deutschland über die notwendige Infrastruktur verfügt, um auf Alternativen zurückgreifen zu können und einen Lieferstopp zumindest kurzfristig auszugleichen.“ Zu rechnen sei aber mit Preissteigerungen.

Wenn alle Stricke reißen: Kohlekraftwerke

Sollte das LNG nicht genügen, gibt es laut Studie Handlungsoptionen: So stünden kurzfristig Reservekraftwerke – meist auf Kohlebasis – zur Verfügung, um mindestens ein Viertel des Gasbedarfs in der Stromerzeugung zu ersetzen. Die Versorgung von privaten Haushalten und sozialen Diensten solle hingegen nicht angetastet werden.

Das IW macht in der Studie darauf aufmerksam, dass es für Putin nicht ohne Risiko wäre, den Gashahn zuzudrehen: Deutschland ist als wichtigster Erdgasabnehmer für Russland von enormer Bedeutung: Fast ein Viertel aller Gasexporte (24 %) strömten im Jahr 2020 in die Bundesrepublik.

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