Wuppertal-Studie für klimaneutrales Mannheim 04. Mrz 2021 Von Stephan W. Eder

Energiewende: Nabelschau hilft nicht

Der Regionalversorger MVV Energie beauftragte das Wuppertal Institut damit zu untersuchen, welche Rahmenbedingungen und Schwerpunkte das Unternehmen und die Stadt setzen müssen, damit Mannheim bis spätestens 2050 klimaneutral ist. Fazit: Das klappt. Viele kleine Schritte müssen bei Strom und Wärme vor allem kompensieren, was heute das Großkraftwerk Mannheim zentral zur Verfügung stellt. Vor allem Ökostrom wird Mannheim in Zukunft importieren müssen.

Fernwaermeversorgung im Großraum Mannheim.
Foto: MVV Energie

„Die Stadt Mannheim kann spätestens bis zum Jahr 2050 vollständig klimaneutral werden und damit einen maßgeblichen Beitrag zur Umsetzung der Ziele des Pariser Klimaabkommens auf kommunaler Ebene leisten“, so formuliert der Regionalversorger MVV Energie das zentrale Ergebnis der „Energierahmenstudie Mannheim – Wege zur Klimaneutralität“, die das Unternehmen in Abstimmung mit der Stadt beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in Auftrag gegeben hat. Strom, Wärme, Verkehr und Industrie wurden dabei untersucht.

Energiewende in Mannheim heißt: raus aus der Kohle

Dabei hängt alles am Grosskraftwerk Mannheim (GKM). Der mit Steinkohle betriebene Kraftwerkskomplex nördlich des Mannheimer Rheinauhafens gilt als größter Energiestandort Baden-Württembergs. Für die Großregion Rhein-Neckar erzeugte die Anlage 2018 in drei Kraftwerksblöcken aus fast 2 GW elektrischer Leistung 6,9 TWh Strom für rund 2,5 Mio. Menschen, die Unternehmen und die Industrie sowie Bahnstrom. Hinzu kommen 1,5 GW thermische Leistung, die in jenem Jahr 160 000 Haushalte mit 2,3 TWh Fernwärme versorgten.

Grosskraftwerk Mannheim (GKM).
Foto: MVV-Pressebild

Von den 2018 rund 7,5 Mio. t CO2 an Treibhausgasemissionen entfielen 89 % auf das GKM, allein für den Stromexport (also die Versorgung der Region und der Bahn) 4,1 Mio. t, zusätzliche 1,9 Mio. t CO2 gehen auf das Konto des Mannheimer Eigenbedarfs. Energiewende in Mannheim heißt daher: Wenn das GKM wie geplant 2033 endgültig abschaltet, dann entfällt damit der Großteil der Treibhausgasemissionen. Dabei schaltet das GKM schrittweise ab, der erst 2015 in Betrieb genommene Block 9 ist Anfang 2033 der letzte. Danach, 2035, rechnet das Wuppertal Institut in Mannheim nur noch mit Treibhausgasemissionen von rund 0,9 Mio. t CO2.

Energiezukunft für Mannheim heißt Ökostromoffensive und Stromimport

Das geht aber nur, wenn mit dem Schließen des GKM die Stadt und damit MVV Energie mit klimaneutralen Lösungen bereitstehen. In der Energierahmenstudie beschreiben die Autorinnen und Autoren dafür ein ambitioniertes, aber realisierbares Klimaschutzszenario, das die lokalen Potenziale, Bedarfe und Herausforderungen Mannheims berücksichtigt. Sie geben Handlungsempfehlungen für konkrete Maßnahmen, die neben dem Kohleausstieg für das Erreichen der Klimaneutralität bis spätestens 2050 erforderlich sind.

Vor allem beim Strom bedeutet das, dass die Stadt vom Exporteur zum Importeur werden wird. Zwar baut MVV Energie seit Jahren systematisch ein Ökostromportfolio auf, aber das Klimaschutzszenario der Studie arbeitet heraus, dass die Stadt langfristig mehr als doppelt so viel grünen Strom erzeugen kann, als von Privathaushalten und Gewerbe benötigt wird, und um auch die gesamte industrielle Stromnachfrage vor Ort zu decken.

„Die Ergebnisse der Energierahmenstudie bekräftigen den von MVV eingeschlagenen Weg zur Klimaneutralität und geben uns Rückenwind für die nächsten Schritte zu einer CO2-freien Fernwärme“, erläuterte MVV-Chef Georg Müller. MVV orientiert sich dabei seit Jahren an einem 1,5-Grad-Pfad.

Solarstromoffensive für Mannheim

Die wichtigste Rolle spiele dabei die Nutzung von Sonnenenergie, so das Wuppertal Institut. Daher plädieren die Autorinnen und Autoren der Studie für eine städtische Photovoltaikoffensive. Mannheims OB Peter Kurz erwartet zwar eine landesweite Vorschrift für kommerzielle Neubauten in Sachen Photovoltaik, das könne man auch durch ökonomische Anreize lokal ergänzen, aber: „Dazu wäre ein enormer finanzieller Aufwand nötig.“ Und den, so macht er klar, könne eine Stadt nicht alleine stemmen, hier gelte es auch die soziale Frage zu bewerten.

Wie die meisten deutschen Großstädte werde daher auch Mannheim zukünftig auf überregionale Energiebezüge angewiesen sein, machten Karin Arnold vom Wuppertal Institut und der Institutsleiter Manfred Fischedick deutlich. MVV-Chef Müller betonte aber, dass in einem neuen dezentraleren Energiesystem auf Basis erneuerbarer Quellen die Selbstversorgung eines Industriestandorts wie Mannheim nicht ins System passt: „Nur ein Gesamtsystem kann erfolgreich sein.“ Nabelschau, so seine Botschaft, helfe bei der Transformation des Energiesystems nicht. Mannheim mit der Region, das sei das Motto. Dabei kommt der zukünftig benötigte Ökostrom eben dann aus dem ländlicheren Umland – oder aus Norddeutschland.

Mannheimer Wärmewende auf Basis lokaler Ressourcen

Die Fernwärme-Nachfrage könne – so ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie – hingegen völlig auf Basis erneuerbarer Energiequellen lokal gedeckt werden. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, den Fokus in der Wärmeerzeugung auf die Erschließung der beträchtlichen geothermischen Potenziale in der Region zu legen, da diese einen wesentlichen Standortfaktor gegenüber anderen Kommunen darstellen. Um gleichzeitig den Bedarf an Wärme zu senken, sprechen sie sich zudem für eine deutliche Forcierung der Gebäudesanierung aus.

Heute schon, so MVV-Technikvorstand Hansjörg Roll, arbeite der Versorger an all seinen Fernwärmestandorten an dem Umbau zur grünen Wärme. Er verweist auf die Anbindung der eigenen thermischen Abfallbehandlungsanlage an das Fernwärmenetz im Frühjahr letzten Jahres. Damit gewinne man bereits rund 30 % des jährlichen Fernwärmebedarfs „in unserem regionalen Netz aus klimaneutraler Erzeugung“, so Roll.

Fernwärme aus vielen Quellen – tragende Rolle von Geothermie und Flusswärme

„Derzeit prüfen wir weitere erneuerbare technische Optionen (Biomasse, Geothermie, Flusswärmepumpen …), um in den kommenden Jahren die Fernwärme Schritt für Schritt und parallel zum Ausstieg aus der fossilen Erzeugung zu dekarbonisieren“, erläuterte Roll den VDI nachrichten. Mit dieser Dekarbonisierung gehe eine Dezentralisierung einher. „Insofern erwarten wir für uns zukünftig ein Erzeugungsportfolio mit fünf bis zehn Standorten und einem Mix an den genannten Technologien.“

Eine generelle Temperaturabsenkung im Fernwärmenetz, wie das bei anderen Wärmenetzen der neuesten Generation auch umgesetzt wird, sieht Roll nicht. Aber die niedrigen Temperaturen hätten den Vorteil, dass man dort auch lokal erzeugte Wärme leichter integrieren kann, zum Beispiel verschiedene Formen der Abwärme. Neue Netzgebiete würde MVV Energie hingegen ausschließlich in Niedertemperatur bauen.

Biomethan soll Versorgungssicherheit im Wärmenetz herstellen

Temperaturabsenkungen im Wärmenetz seien, so Roll, wo erforderlich und sinnvoll, nur auf der Verteilnetzebene zu erwarten. „Um hierbei auch die Flusswärme, bei der niedrigere Vorlauftemperaturen sinnvoll sind, effizient nutzen zu können, werden wir voraussichtlich ein Nachheizkonzept auf Basis erneuerbarer Energien umsetzen, um im Winter die Vorlauftemperatur von 100 °C bis 120 °C bedienen zu können.“

Versorgungssicherheit auf Basis eines n-2-Prinzips gelte auch beim Umbau zur grünen Wärme, betonte der MVV-Technikchef. „Dafür und um den Kohleausstieg zügiger realisieren zu können, planen wir in Mannheim aktuell den Bau von Reserve- und Spitzenkesseln an zwei Standorten. Diese können mit Biomethan, das wir heute schon selbst erzeugen und ins Gasnetz einspeisen, betrieben werden. Somit stehen diese Spitzenkessel nicht im Widerspruch zu klimaneutraler Fernwärme.“

Kritik an der Studie des Wuppertal Instituts kam nach einem Bericht der Rhein-Neckar-Zeitung von Seiten mehrerer Umweltverbände aus Mannheim, die vorgestern eine eigene Studie vorstellten. Die Analyse „Klimafreundliche Fernwärme ohne GKM“ hatten der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sowie die Initiativen „Heidelberg kohlefrei“ und „Mannheim kohlefrei“ bei der Fraunhofer-Gesellschaft in Auftrag gegeben. Zentraler Kritikpunkt ist demnach vor allem, dass die Treibhausgasminderungspotenziale im Wärmebereich nicht früher und nicht konsequent genug ausgeschöpft würden.

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