STAHLINDUSTRIE 28. Jun 2019, 11:25 Uhr Iestyn Hartbrich

Fakten zur Stahlkrise

Europas Stahlkocher fürchten um ihre Existenz. Sie behaupten, die Konkurrenz aus China exportiere ihre Überkapazitäten, die geplante Verschärfung des Emissionshandels sei ein unzumutbarer Wettbewerbsnachteil. Wie berechtigt sind die Klagen? Fragen und Antworten zur Stahlkrise.


Foto: Patrick Pleul/dpa

Wie hoch sind die weltweiten Überkapazitäten beim Stahl?

Weltweit wurden im Jahr 2015 rund 1,6 Mrd. t Rohstahl erzeugt, davon die Hälfte in China. Die Überkapazitäten lassen sich nicht exakt beziffern. Marktbeobachter schätzen sie auf mehrere hundert Millionen Tonnen jährlich. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl rechnet für 2016 allein in China mit einem Kapazitätsüberhang von 430 Mio. t.

Wie geht die chinesische Regierung in der Stahlkrise vor?

China steckt in einem Dilemma. Die Zentralregierung will Kapazitäten abbauen, die Provinzverwaltungen wollen Entlassungen unbedingt verhindern. Sie fürchten um die Vollbeschäftigung. Selbst hoch verschuldete und seit Langem unrentable Stahlwerke produzieren deshalb weiter.

Nun zeichnet sich allerdings eine Trendwende ab. Der staatliche Konzern Wuhan z. B., bislang nach Tonnage der achtgrößte Stahlerzeuger der Welt, hat angekündigt, nur 30 000 seiner 80 000 Stahlwerker weiter zu beschäftigen. Insgesamt sollen in China 1,8 Mio. Arbeitsplätze in der Kohle- und Stahlindustrie wegfallen. Bis 2017 wollen die Stahl- und Kohleproduzenten ein Zehntel ihrer Kapazitäten abbauen. Doch ob es dazu kommt, ist offen.

Die deutschen Stahlkocher fürchten eine Verschärfung des Emissionshandels ab 2021. Welche Reserven haben sie, CO2 einzusparen?

Die Hauptemittenten von CO2 sind die Hochöfen. Glaubt man den deutschen Stahlerzeugern, sind die Anlagen hierzulande weitgehend auf dem neuesten technischen Stand. „Wir haben beim Einsparen von CO2-Emissionen mit dem klassischen Hochofenverfahren aus physikalisch-technischen Gründen keinerlei weitere Reserven“, sagt Arnd Köfler, der am Standort Duisburg-Beeckerwerth des Branchenprimus ThyssenKrupp die Stahlveredelung leitet.

Wie wird sich der weltweite Stahlverbrauch in den kommenden Jahren entwickeln?

Er wird weiter wachsen, wenn auch weniger stark als in der Vergangenheit. Das Beratungsunternehmen PWC rechnet damit, dass der Verbrauch bis 2025 jährlich um knapp 3 % steigt. „Vieles spricht aber dafür, dass die Stahlnachfrage in den kommenden Jahrzehnten kaum noch zulegen wird. In entwickelten Volkswirtschaften ist der Pro-Kopf-Verbrauch bereits rückläufig“, so Roland Döhrn, Stahlexperte beim Forschungsinstitut RWI in Essen gegenüber den VDI nachrichten. Der Wissenschaftler hat hierfür zwei Hauptgründe ausgemacht: „Der Stahlgehalt vieler Güter sinkt, weil ihr Wert stärker von elektronischen Komponenten bestimmt wird, wie etwa Steuerungen. Außerdem kann Stahl bei vielen Produkten durch andere Werkstoffe ersetzt werden.“


Foto: VDI nachrichten

Braucht Deutschland eine eigene Stahlindustrie?

Ja, unbedingt, sagt eine Untersuchung der Unternehmensberatung Booz im Auftrag der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Danach ist Stahl ein wichtiger Basiswerksstoff für die Produktion. 55 % des produzierenden Gewerbes seien „stahlintensiv“, das heißt, der Anteil des Stahls an den Vorleistungen beträgt hier im Schnitt mehr als 10 %.

Hinzu kommt: Die Stahlindustrie hat nach dieser Untersuchung die höchste Multiplikatorwirkung aller Branchen in Deutschland. Auf einen Euro Nachfrage nach Stahlprodukten kommen weitere 2,73 € Nachfrage – davon 1 € in der Stahlindustrie selbst, 1,73 € bei Zulieferern und Dienstleistern. Im Schnitt aller Branchen in Deutschland liegt diese Multiplikatorwirkung bei unter 2 €.

Wer profitiert vom Preiskampf in der Stahlindustrie?

Der scharfe Preiswettbewerb betrifft vor allem Massen- und Baustähle. Die Abnehmer dieser Produkte dürfen sich über niedrigere Einkaufspreise freuen. „Viele Großkunden wie Autohersteller profitieren hingegen nicht. Sie benötigen hochwertige Spezialstähle, bei denen der Importdruck aus China kaum eine Rolle spielt“, erläutert RWI-Stahlexperte Roland Döhrn.

Warum konzentrieren sich die europäischen Hersteller nicht auf hochwertige Spezialstähle?

„Wir produzieren die Menge Spezialstähle, die unsere Kunden nachfragen. Aber diese Menge reicht nicht aus, um unsere Anlagen auszulasten“, sagt Arnd Köfler von ThyssenKrupp. „Wir müssen deshalb auch Stähle herstellen, mit denen wir dann im Wettbewerb zu chinesischen Dumpingimporten stehen.“

Hinzu kommt, dass beim Stranggießen – das ist der Prozess, in dem aus der Stahlschmelze Brammen gegossen werden – immer Stähle minderer Güte, die sogenannten Commodities, anfallen. „Technikbedingt entsteht zu Beginn und am Ende des Stranggießens ein Stahl, der qualitativ gegenüber dem ,Filetteil‘ in der Mitte abfällt. Diese Stücke machen etwa 10 % der Produktion aus“, erklärt Köfler.

Bei ThyssenKrupp in Duisburg machen die Spezialstähle insgesamt nur 30 % der Produktion aus. Dieser Wert schwankt von Hersteller zu Hersteller.

Welchen Einfluss hat der Preisverfall bei den Commodity-Stählen auf die Preise hoch spezialisierter Stähle?

Die Preise sind stark gekoppelt. Die ersten Produktionsstufen eines Commodity-Stahls und eines Spezialstahls – z. B. für Karosseriebleche in der Autoindustrie – sind in der Regel identisch. Unterschiedlich sind die Veredelungsstufen, die sich anschließen, z. B. Verzinkung. Für diese Veredelung zahlen die Kunden einen Veredelungsaufschlag auf den Preis für den unveredelten Stahl. Ist der Grundpreis bereits niedrig, drückt das auch die Preise höherwertiger Güten.

Wird es in Europa weitere Fusionen über Übernahmen geben?

Ja, es wird weitere Zusammenschlüsse geben, um die Kosten zu senken. Davon ist Dirk Schlamp, Stahlanalyst der DZ Bank überzeugt. Vor allem ThyssenKrupp – nach ArcelorMittal Nummer zwei in Europa – treibe die Konsolidierung der Branche voran: „Der Vorstand will den Konzern stärker auf das Industrie- und Dienstleistungsgeschäft ausrichten. In beiden Sektoren ist es leichter, sich von Konkurrenten abzusetzen, weil der Engineeringanteil höher ist.“

Schlamp hält ein Joint Venture von ThyssenKrupp und Tata Steel für die wahrscheinlichste Lösung. „Entsprechende Ankündigungen könnte es schon bald geben. Bis die Sache in trockenen Tüchern ist, wird es aber dauern. Eine hohe Hürde ist das Kartellrecht. Die EU-Kommission wird einen möglichen Zusammenschluss kritisch beäugen.“

Keineswegs sicher ist für den Analysten, dass im Zuge der Konsolidierung Werke oder ganze Standorte geschlossen werden. „Ob die Überkapazitäten in Europa von 40 Mio. t bis 50 Mio. t tatsächlich abgebaut werden, ist letztlich wohl eine politische Entscheidung. Die jeweiligen Regierungen werden alles daran setzen, möglichst viele Stahlarbeitsplätze zu erhalten.

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