Automatisierung und IT wachsen zusammen 22. Nov 2019, 15:00 Uhr Von Martin Ciupek

Helfer für die smarte Produktion

Künstliche Intelligenz gewinnt für Attila Bilgic in der Industrieautomation an Bedeutung. Der Vorsitzende des VDI/VDE-GMA-Vorstands spricht anlässlich der Messe SPS in Nürnberg aktuelle Trends.


Foto: KROHNE Messtechnik GmbH

VDI nachrichten: Die Industrie kann jetzt eigene 5G-Netze aufbauen. Wie geht es mit dem Mobilfunkstandard 5G dort nun weiter?

Bilgic: Die Versteigerung der 5G-Lizenzen hat der Bundesregierung einige Milliarden Euro (Anm. d. Red.: konkret 6,6 Mrd. €) in die Kassen gespült. Da ist für mich die Frage, wie man das von staatlicher Seite wieder in Umlauf bringt, um Technologie zu fördern. Die Frage, welche Lizenzgebühren Industrieunternehmen nun letztlich zahlen müssen, halte ich für zweitrangig. Entscheidender ist, dass es nur wenige Technologieanbieter gibt für den Aufbau der Infrastruktur und auch für die Ausrüstung der Anwender – also das Handy des Kunden oder das Modem in der Industriekomponente. Bei Letzterem sprechen wir im Wesentlichen von gerade einmal zwei bis drei Anbietern: Qualcom aus den USA und Huawei aus China. Daneben gibt es nur noch MediaTek aus Taiwan, die einiges angekündigt haben. Intel hat sich da komplett zurückgezogen und wird keine 5G-Modems mehr anbieten.

Wie gehen wir in Europa damit um? Brauchen wir ein 5G-Euro-Modem?

Ich kenne kein Europäisches Unternehmen, welches das im Moment alleine stemmen kann. Wir sprechen hier von Investitionen von mehreren 100 Mio. €. Zurzeit hat man nur die Wahl, sich entweder in US-amerikanische oder chinesische Hände bzw. Abhängigkeit zu begeben.

Eine europäische Lösung kann ich mir vorstellen, aber das wird sicher kein Alleingang eines einzelnen Unternehmens sein. Es kann also ein Ansatz sein, solche Entwicklungen mit den Lizenzeinnahmen zu fördern, die uns bezüglich der Lieferanten unabhängig machen.

Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Standardisierung rund um Industrie 4.0?

Ich sehe in der Industrie eher ein großes Zerfasern, von Standardisierung kann man da nicht mehr wirklich sprechen. Wir haben schon wieder so viele unterschiedliche Standards und Protokolle und sind sehr weit weg von einer wirklichen anwendungsübergreifenden Vereinheitlichung. Ich vergleiche das mal mit dem Smartphone: Da steige ich in ein Flugzeug in ein beliebiges Land, schalte es nach der Ankunft ein und es verbindet sich automatisch mit dem regionalen Netz – mit Datenroaming sogar inklusive aller Funktionen, die ich auch zu Hause habe. So etwas würde ich mir auch für die Industrie wünschen.

Ist ein übergeordneter Standard trotz unterschiedlicher Anforderungen in der Industrieautomatisierung überhaupt realisierbar?

Technologisch ganz klar ja. Je mehr ich reinpacke, desto komplexer wird ein System natürlich. Im Gegenzug wird damit das Anwendungsfeld umso breiter, und damit sinken die Kosten für alle Beteiligten. Der Mobilfunk ist ja nicht wegen seiner Technologie so günstig, sondern weil es weltweit Milliarden von Nutzern gibt. Gleichzeitig ist es eine der komplexesten Kommunikationstechnologien, die wir haben. In der Industrieautomatisierung liegen die Interessenlagen derzeit noch zu weit auseinander. Immer noch versuchen einige große Hersteller ihren Standard durchzusetzen. Besser wäre es, einen einheitlichen Standard zu entwickeln, sich größere Märkte zu erschließen und die Kosten damit runterzuskalieren. Darüber wird durch neue Anwendungen auch neues Geschäft generiert.

Gibt es noch ein Thema, das die Industrieautomation darüber hinaus prägt?

Das ist eindeutig die künstliche Intelligenz. KI hat ein riesiges Potenzial, wo es wahnsinnig viele Anwendungen geben wird, in denen man mit geringem Einsatz sehr viel erreichen kann. Das sehe ich sowohl im Bereich der Prozessmesstechnik als auch noch viel stärker im breiten Feld der Automatisierungstechnik. Mit Automatisierung haben wir in den vergangenen Jahren schon viel erreicht, aber Autonomie geht noch einmal einen großen Schritt weiter.

Wo beginnt für Sie die Autonomie?

Dort, wo Systeme eigenständig und nicht vorprogrammiert auf Ereignisse reagieren. Bisherige Produkte kommen an ihre Grenzen, wenn etwas geschieht, was in der Programmierung nicht berücksichtigt wurde.

Wie lässt sich das trotz Mangel an KI-Experten in die breite Anwendung bringen?

Über Anwendungsfälle bzw. über konkrete Problemstellungen. Eine Basis bzw. ein Ansatzpunkt für KI kann das maschinelle Lernen sein. Das Wunderbare ist, dass ich das überall machen kann. Ich muss die Menschen mit dem Anwendungs-Know-How und die KI-Experten nicht physikalisch an einen Tisch bekommen. Für die Problemlösung sind aber beide Kompetenzen zwingend notwendig. In Deutschland dominiert aktuell die Automatisierungskompetenz. Uns fehlt es in der Industrie oft an der Kompetenz im maschinellen Lernen. Die ist aber woanders bereits vorhanden, beispielsweise in Start-ups, an Hochschulen oder im Ausland. Kurzfristig führen Kooperationen uns am schnellsten zum Ziel. Mittel- und langfristig sollten wir die KI-Kompetenz in der Industrie aufbauen und an unseren Hochschulen weiter ausbauen, um auch hier Abhängigkeiten zu verringern.

Tags: Industrie 4.0

Stellenangebote

Technische Universität Kaiserslautern

Professur (W3) (m/w/d) Maschinenelemente, Getriebe und Tribologie

Kaiserslautern
Technische Hochschule Ulm

Professur - Softwareentwicklung und Embedded Systems

Ulm
HBC Hochschule Biberach

Stiftungsprofessur (W2) WOLFF & MÜLLER "Baulogistik"

Biberach
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof

Professur (W2) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Leistungselektronik

Hof
Hochschule Bremerhaven

Professur (W2) für das Fachgebiet Werkstofftechnik

Bremerhaven
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

Professur (W2) für Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau

Regensburg
Montanuniversität Leoben

Universitätsprofessors/Universitätsprofessorin für das Fachgebiet Cyber-Physical Systems

Leoben (Österreich)
Technische Universität Dresden

Professur (W3) für Beschichtungstechnologien für die Elektronik

Dresden
Fachhochschule Südwestfalen

Professur (W2) für Mechatronische Systementwicklung

Iserlohn
HSR Hochschule für Technik Rapperswil

Professorin/Professor für Additive Fertigung / 3D Druck im Bereich Kunststoff

Rapperswil (Schweiz)
Zur Jobbörse

Das könnte Sie auch interessieren

Empfehlungen der Redaktion

Top 10 aus der Kategorie Technik