MEDICA 27. Jun 2019 Klaus Jopp

Hightech gegen Blutvergiftung

Pro Jahr sterben knapp 56 000 Menschen an einer Sepsis. Ein deutsches Start-up entwickelt jetzt das erste Multiorganunterstützungssystem.

Entgiftung: Die Multiorganunterstützung hilft Niere, Leber und Lunge und hält den Säure-Basen-Haushalt des Körpers im Gleichgewicht.
Foto: Hepa Wash GmbH

Die Gründe für eine Blutvergiftung sind vielfältig: infizierte Wunden, Entzündungen, Erkältungen, OPs oder Traumata können sie auslösen, wobei Infektionen auf Bakterien, Viren oder Pilze zurückgehen.

„Über den Blutkreislauf breiten sich deren Toxine, also Giftstoffe, im Körper aus – und die körpereigene Abwehrreaktion schädigt dann eigenes Gewebe“, beschreibt es Oliver Gödje, Leiter Vertrieb und Marketing bei der Hepa Wash GmbH. Das Münchner Start-up-Unternehmen hat das weltweit erste Verfahren für die erweiterte Multiorganunterstützung entwickelt, das neben der Niere zugleich Leber und Lunge entgiften und den Säure-Basen-Haushalt des Körpers im Gleichgewicht halten kann.

Das Advos (Advanced Organ Support) genannte Verfahren basiert im Kern auf dem Prinzip der Albumindialyse. Albumin ist ein körpereigenes Protein, das dazu dient, an sich wasserunlösliche Stoffe wie Fettsäuren, Bilirubin, Spurenelemente, bestimmte Vitamine, Hormone, Metalle sowie Arzneistoffe im Blutstrom zu transportieren. Alle diese Stoffe werden erst durch die Bindung an das Eiweiß transportfähig.

Im Gegensatz zur normalen Nierendialyse, bei der nur wasserlösliche Toxine eliminiert werden, entfernt Advos durch Beimischung von Albumin im Dialysat zusätzlich auch eiweißgebundene Hepato- und Nephrotoxine, die auf die Leber bzw. auf die Nieren wirken, sowie Kohlendioxid.

Innerhalb des Systems wird der Dialysatkreislauf in zwei Teile aufgetrennt: Im Säureschenkel wird Salzsäure zugeführt, die den pH-Wert herabsetzt und positiv geladene Substanzen wie Kupfer und Kohlendioxid entfernt. Im Basenschenkel wird Natronlauge zugesetzt, die den pH-Wert erhöht und negativ geladene Substanzen wie Bilirubin und Gallensäuren ausschleust.

Sind die Toxine in diesen Teilkreisläufen abfiltriert, werden beide Schenkel wieder zusammengeführt. Salzsäure und Natronlauge neutralisieren sich zu Kochsalz und Wasser. Das gereinigte Albumindialysat wird so recycelt und kann erneut am Blut vorbeigeleitet werden.

„Wir erreichen hohe Flussraten und benötigen durch das Recycling nur wenig Albumin“, erklärt Gödje. Zudem wird für die drei Hauptentgiftungsorgane Lunge, Leber und Niere nur noch ein Gerät gebraucht. Durch das flexible Flüssigkeitsmanagement entfällt die Notwendigkeit eines Osmose-Wasseranschlusses am Behandlungsort.

Der integrierte Dialysatcontainer auf Rollen lässt sich auf Intensiv- und Normalstationen einsetzen – unabhängig von einer Wasserquelle oder einem Wasserabfluss. Für eine kontinuierliche Behandlung des Patienten sind in 24 h nur zwei Containerwechsel erforderlich. Damit entfällt auch der ständige Austausch der sonst üblichen Flüssigkeitsbeutel.

Inzwischen sind in Deutschland 20 Therapiezentren in 15 Städten mit Advos ausgerüstet. „Wir haben das neue Verfahren als erste in Deutschland eingesetzt“, berichtet Valentin Fuhrmann, Geschäftsführender Oberarzt am Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE).

„Es erlaubt uns eine effektivere Behandlung von Multiorganversagen, die rasch und mit vielen Maßnahmen gleichzeitig angegangen werden müssen“, so Fuhrmann. Gerade bei einer starken Übersäuerung des Blutes durch Schock oder einer Erkrankung der Atemwege sei das Verfahren gut geeignet, den Säure-Base-Haushalt zu regulieren. „Insgesamt verzeichnen wir gute Behandlungserfolge.“

Das neue Gerät vereint hohe Ingenieurskunst der Bereiche Mechanik, Hydraulik, Elektronik, Software, Regelungs- und Bioverfahrenstechnik, Materialwissenschaften mit medizinischem Expertenwissen. Damit ist die Entwicklung der Münchner ein typisches Beispiel für moderne Medizintechnik, die immer mehr Fachdisziplinen zusammenführt.

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