Corona-Pandemie und Digitalisierung 18. Aug 2020 Von Regine Bönsch

Bei Senioren blieb der digitale Schub aus

Sie streamen etwas mehr, nutzen häufiger Onlinebanking und Videotelefonie. Doch die Zahl der Silbersurfer ab 65 Jahren ist auch mit Corona in der ersten Hälfte 2020 kaum gestiegen, so eine Studie des Branchenverbands Bitkom.


Foto: PantherMedia/mikdam

Nur einige der zuvor skeptischen Senioren konnten im Lockdown von der Digitalisierung überzeugt werden. Der große Durchbruch bei älteren Menschen blieb aber aus. Das zeigt eine Studie des Branchenverbands Bitkom, für die im Januar und Juli 2020 jeweils repräsentative Befragungen unter mehr als 1000 Menschen über 65 Jahren durchgeführt wurden.

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Demnach gaben im Juli sieben von zehn Personen ab 65 Jahren an, dass sie die Digitalisierung als Chance sehen – ein Zuwachs von fünf Prozentpunkten im Vergleich zum Jahresanfang. Eher eine Gefahr in der Digitalisierung sehen derzeit 29 % der Senioren, im Januar waren es 33 %. Inzwischen zeigt sich fast jeder Zweite technologischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, zum Jahresanfang sagten dies 38 %.

Der Anteil der älteren Internetnutzer hat sich hingegen in der ersten Zeit der Corona-Krise kaum verändert: Nach wie vor ist jeder Zweite ab 65 Jahren online. Zwar hätten sich digitale Technologien während der Corona-Pandemie in vielen Bereichen bewährt, argumentiert Bitkom-Präsident Achim Berg. Doch er weiß: „Der Schritt ins digitale Neuland fällt Senioren aber immer noch schwer – es braucht noch mehr Hilfsangebote.“

Mehr Nutzer von Videotelefonie

Wer das Internet nutzt, war während der Corona-Pandemie noch intensiver als zuvor online und hat neue Dienste ausprobiert. Praktisch alle Onliner unter den Senioren schreiben zumindest ab und zu E-Mails und suchen nach Informationen zu persönlichen Interessen (93 %). Speziell Onlinenachrichten zum aktuellen Geschehen waren gefragt (88 %). Und auch Onlineshops und Onlinebanking konnten sich innerhalb des halben Jahres um 5 % bzw. 3 % steigern. Auch Videostreaming wird mehr genutzt: Vier von zehn der älteren Onliner schauen über das Internet Videos, Filme und Serien, ein Anstieg um vier Prozentpunkte.

Wen wunderts: Den größten Sprung bei der Beliebtheit von Onlinediensten macht die Videotelefonie. Rund 40 % der Bestager ab 65 Jahren nutzen sie mittlerweile, vor der Pandemie waren es nur 31 %. Gut jeder dritte Online-Senior ist auch in sozialen Netzwerken unterwegs. Die beliebteste Plattform, so die Bitkom-Studie, sei dabei mit 57 % Facebook.

Senioren vermissen Unterstützung

„Auch wenn das Internet unter älteren Menschen kaum zusätzliche Fans gewonnen hat: Wer sich einmal in der digitalen Welt bewegt hat, möchte sie nicht mehr missen“, so Berg. Sechs von zehn älteren Internetnutzern können sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Und fast alle konnten dank des Internets ihr Wissen erweitern. Stärkeren Kontakt zur eigenen Familie hat durch das Internet mehr als die Hälfte der Silbersurfer.

Die Nicht-Onliner hingegen vermissen den Nutzen am Internet. Jeder Zweite und jede Zweite ist der Überzeugung, das Netz nicht zu brauchen. Ähnlich vielen fehlen die technischen Möglichkeiten für einen Internetzugang. Viele bemängeln den fehlenden Support beim Zugriff auf das Internet. Ein Argument, das Berg so nicht weiter akzeptieren will: „Wir dürfen nicht zulassen, dass grundsätzlich Interessierte der digitalen Welt fernbleiben, weil ihnen die passende Unterstützung fehlt. Gerade ältere Menschen brauchen Begleitung bei den ersten Schritten in die digitale Welt.“

Nur 20 % nutzen einen Tablet-PC

Das wichtigste Gerät ist für Senioren der traditionelle Tisch-PC. Über 50 % verwenden ein solches Gerät, über 40 % ein Notebook und nur 20 % ein Tablet. 41 % nutzen ein Smartphone, ein Viertel telefoniert aber noch mit einem gewöhnlichen Handy ohne Touch-Display oder Apps. Ein Smart-TV kommt bei drei von zehn zum Einsatz. Und jeder Neunte verwendet einen Fitnesstracker.

Doch die über 65-Jährigen scheinen immer häufiger bereit, Angebote im Bereich digitaler Gesundheitslösungen zu nutzen. 38 % der Internetnutzer lassen sich inzwischen Erinnerungen für Arzttermine per SMS oder E-Mail schicken, weitere 53 % können sich dies vorstellen. 37 % vereinbaren solche Termine heute bereits online. Per E-Mail oder Messenger kommuniziert jeder Fünfte mit seinem Arzt.

Eine telemedizinische Überwachung nutzen heutzutage nur 6 % der Onliner unter den Senioren, die Hälfte ist jedoch dazu bereit. Auch digitale Gesundheitsleistungen, die erst in den kommenden Jahren verfügbar sein werden, stoßen bei älteren Internetnutzern auf großes Interesse. So kann sich mehr als jeder Zweite vorstellen, die elektronische Patientenakte zu nutzen, 40 % das E-Rezept. Viele Senioren zeigten hier „eine beeindruckende Offenheit“, sagt Berg.

IT-Sicherheit gefordert

„Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Digitalpolitik, gerade auch älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt zu erleichtern“, erklärt Berg. Aus Bitkom-Sicht könnten digitale Streetworker dabei helfen, ältere Menschen in die Onlinewelt zu begleiten. In Kommunen sollten zudem flächendeckend Erfahrungs- und Erprobungsräume für neue Technologien eingerichtet werden, wo Medien und digitale Technologien niedrigschwellig ausprobiert werden können.

Die Silbersurfer jedenfalls haben konkrete Forderungen an die Politik. So wünscht sich eine Mehrzahl mehr Sicherheit im Internet. Ähnlich viele plädieren für mehr Hilfsangebote für Menschen, die nicht mit dem Internet groß geworden sind. 44 % wünschen sich auch in ländlichen Gebieten ein schnelles und bezahlbares Internet. Damit haben sie zu guter Letzt vieles mit den jüngeren Generationen gemein.

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