Barrierefreiheit für alle 20. Mai 2021 Von dpa/Wolfgang Schmitz

Digitale Inklusion von Behinderten

Menschen mit Behinderungen können digitale Angebote oft nicht uneingeschränkt nutzen. Doch bei diesen Hürden muss es nicht bleiben.


Foto: panthermedia.net / Andriy Popo

„Barrierefreiheit hat eine tiefe soziale Dimension – und die umfasst so viel mehr als die Rampe vor dem Haus“, sagt Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung und selbst von Geburt an stark sehbehindert. Ein wichtiger Aspekt: Barrierefreiheit im Netz.

Dusel zufolge leben in Deutschland etwa 13 Mio. Menschen mit Beeinträchtigungen. Digitale Inklusion bedeute nicht nur, dass jeder ins Netz komme und digitale Angebote nutzen könne, sagt der 56-Jährige. „Es geht auch darum, interagieren zu können, also zum Beispiel mit anderen über soziale Medien Kontakt aufzunehmen.“ Wenn man etwa ein Bild veröffentliche, bräuchten sehbehinderte oder blinde Menschen einen beschreibenden Begleittext. Menschen mit kognitiven Einschränkungen seien auf bestimmte Formulierungen angewiesen. „Das ist ohne Probleme machbar, wenn man es weiß“, sagt Dusel.

Potenziale für alle nutzbar machen

Digitale Barrierefreiheit umfasse Menschen mit verschiedensten Bedürfnissen, sagt Adina Hermann von den Sozialheld*innen, einem Verband, der sich unter anderem für gleichberechtigte Teilhabe und Inklusion einsetzt. Im Netz müsse man besonders auf Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung achten. Untertitel in Videos oder Audiodeskriptionen seien zum Beispiel wichtig. Aber auch Menschen mit kognitiven Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder anderen Beeinträchtigungen dürften nicht vergessen werden. Diese könne man etwa durch Infos in sogenannter Leichter Sprache besser ansprechen.

Daneben sei es entscheidend, wie gut sich Menschen mit Behinderungen abgebildet fühlten, sagt Hermann, die selbst im Rollstuhl sitzt. Zur Barrierefreiheit gehöre auch, sie in allen gesellschaftlichen Themen, etwa in der Medienarbeit und Werbung, darzustellen. Die Digitalisierung berge für Menschen mit Behinderungen große Potenziale – die seien aber oft nur nutzbar, wenn Plattformen und Produkte von Anfang an barrierefrei konzipiert seien, mahnen Dusel und Hermann.

Barrierefreiheit als Qualitätsstandard

Im Netz müssten alle Menschen Zugang zu Medien und Informationen haben, betont Dusel. „Sie können sich vorstellen: Wenn Sie sich informieren wollen auf einer Homepage und da ist die Schriftgröße bei 1 oder 2, dann würden Sie wahrscheinlich denken: Wie unprofessionell.“ So fühlten sich viele Menschen, wenn sie nicht barrierefreie Angebote vorfänden. Barrierefreiheit sei nicht nur „nice to have“. „Es ist ein Qualitätsstandard eines modernen Landes und seiner digitalen Infrastruktur.“

Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen seien beispielsweise politisch sehr interessiert und würden etwa die Wahlprogramme von Parteien in Leichter Sprache nutzen. Diese müssten im Netz noch präsenter werden, fordert Dusel. Positiv findet er, dass Gebärdendolmetscherinnen und -dolmetscher beispielsweise bei Pressekonferenzen schon viel sichtbarer geworden seien. Hier dürfe es aber nach der Pandemie keinen Rückschritt geben.

Um viele Menschen mit dem Thema erreichen zu können, hat Dusel gemeinsam mit Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung, eine Konferenz organisiert – mit Workshops um Themen wie eine inklusive Medienlandschaft, barrierefreies Posten auf Social Media oder auch Gaming. „So möchten wir Menschen klarmachen: Bitte denkt Inklusion auch im Netz von Anfang an mit!“, sagt der 56-Jährige.

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