Ökostrom 19. Jul 2018, 10:41 Uhr Angela Schmid

Kleinwindrad für den Stadtrand

Die ersten Anlagen hat die Berliner Firma Enbreeze errichtet. Als bisher größter Hemmschuh, kleine Windkraftanlagen aufzubauen, erweist sich der Behördendschungel.

Eine 15-kW-Windkraftanlage errichtete Enbreeze dieses Jahr für das Berliner Elektrotechnikunternehmen Elpro. Sie soll noch an einen Batteriespeicher angeschlossen werden.
Foto: Enbreeze

Geht es um Windenergie, dreht sich alles im Megawatt-Bereich. Für Kleinwindanlagen interessiert sich dagegen kaum jemand; ein Markt, der fast nicht existiert. Jacques Fischbach, Geschäftsführer beim Hersteller Enbreeze, ist aber felsenfest überzeugt, dass sich das ändern wird. Es sind die Klimaziele, die sich auch Kommunen und Bundesländer stecken, die der Kleinanlage den Weg ebnen.

Enbreeze GmbH
Gründung: 2011, sitzt im Berliner Stadtteil Alt-Hohenschönhausen

Branche: Kleinwindanlagen

Produkte: Angefangen hatte Enbreeze mit einem 10-kW-Modell, aktuell bauen sie ein 15-kW-Windrad. swe

Ein Markt, in dem Enbreeze sich etablieren will. Noch ist das harte Arbeit. Alles fing an, als Jan Dabrowski sich Gedanken über seine Diplomarbeit machte und sein Interesse für die kaum beachtete kleine Windenergieanlage entdeckte.

Eine Windmühle für den Hausgebrauch fand Dabrowski ideal. Ein Plan, der an der Praxis scheiterte. Einheitliche gesetzliche Regelungen zum Aufstellen der Windräder im Garten gibt es nicht. Jedes Bundesland hat eigene Gesetze, manchmal sogar jede Kommune. Hinzu kommen relativ hohe Kosten für Tiefbauarbeiten für einen relativ geringen Energieertrag.

Die Idee, dass Hausbesitzer ihren eigenen Strom mit einer 1,5-kW-Anlage selbst erzeugen, hat Dabrowski vorerst verworfen und die Nennleistung der Anlage auf das Zehnfache hochskaliert. Geblieben ist sein Idealismus: „Wir glauben daran, mit unserer Technologie einen Unterschied machen zu können, und stellen uns eine Welt vor, in der die Bürger einer Stadt an der Energiewende teilhaben, Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung nachkommen und engagiert Wege beschreiten, um neue Energiequellen zu erschließen.“

Durch den Behördendschungel kämpft sich Dabrowski allerdings immer noch: Allein am Firmensitz in Berlin unterscheiden sich die Bauvorschriften von Bezirk zu Bezirk. Der Aufwand, bevor eine Anlage aufgestellt werden könne, sei sehr hoch. „Das ist ein großes Manko, mit dem wir zu kämpfen haben.“

Eine steife Brise braucht die Anlage von Enbreeze nicht. Ein laues Lüftchen reicht aber auch nicht aus, damit der Stromertrag wirtschaftlich ist. Bei einer Nennwindgeschwindigkeit von 8,3 m/s erreicht die Mini-Windkraftanlage auf 20 m Nabenhöhe eine Nennleistung von 15 kW. In der Stadt ist diese Windgeschwindigkeit allerdings eher die Ausnahme: 3 m/s bis 6 m/s sei Standard, erklärt Fischbach. „Bei einem Mittelwert von mindestens 4,5 m/s liefert die Anlage einen Energieertrag von 30 000 kWh. Damit lässt sie sich wirtschaftlich betreiben“, so der Geschäftsführer. Geeignet ist sie damit für Unternehmen mit hohem Stromverbrauch, kommunale Einrichtungen sowie Forschungs- und Lehreinrichtungen.

Die Stromgestehungskosten liegen bei 13 Cent/kWh bis 15 Cent/kWh. Im Vergleich zu den Megawatt-Anlagen, wo sie zum Teil auf bis zu 4 Cent/kWh gepurzelt sind, ist das relativ hoch. Der meist weite Stromtransport zum Ort des Verbrauchs ist dabei allerdings nicht mit eingerechnet. Der entfällt zwar bei der Enbreeze-Anlage, da sie die Energie genau dort erzeugt, wo sie gebraucht wird. Dennoch will auch Dabrowski die Kosten pro Kilowattstunde noch senken. Schließlich steht die Entwicklung im Vergleich zu den Megawatt-Giganten fast noch am Anfang.

In der für Schwachwindgebiete konzipierten Anlage stecke das Know-how vor allem in den Rotorblättern, die breiter als vergleichbare seien, um die Effizienz zu erhöhen, erklärt Fischbach. Es ist eine Pitch-geregelte Leeläufer-Windenergieanlage mit einer aktiven Windrichtungsnachführung und drei Rotorblättern, um die maximale Leistung aus der Kraft der Natur herauszuholen. Und sie verzichtet im Betriebsführungssystem dabei völlig auf Elektronik. Die Rotoren messen bescheidene 11 m und erzeugen einen Geräuschpegel von unter 45 dB, das entsprich in etwa normaler Musik.

Der Clou der Anlage ist die Form das Maschinenhauses. „Blowball“ heißt das runde Design, dass die Philosophie von Dabrowski und Mitgründer Martin Riedel reflektiert: „Unsere Anlage soll eine Symbiose mit der Natur bilden, kein Störfaktor sein, sondern natürlich mit der Landschaft verschmelzen.“ Unternehmen soll es vor allem zum individuellen Markenbranding dienen und der Anlage damit einen Mehrwert verschaffen, um die Amortisationszeit auf unter zehn Jahre zu senken. Fischbach: „Es visualisiert, dass man die Energiewende mitgestalten will.“

Seit der Gründung von Enbreeze mussten die Jungunternehmer vor allem Überzeugungsarbeit in einem eher unüberschaubaren Markt leisten. Erst in diesem Jahr starten sie mit der Serienproduktion. Erste Anlagen haben sie in Berlin in Betrieb genommen – bei der Stadtreinigung am Stadtrand und bei Elpro im Industriegebiet, wo die Windkraftanlagen noch an einen stationären Speicher angeschlossen werden sollen, der eine Tankstelle für Elektroautos mit Strom versorgt. Die Begeisterung für die Anlage im Kilowatt-Bereich ist in Deutschland zögerlich. Größeres Interesse kommt aus dem Ausland. Die Berliner stehen bereits in Kontakt mit Energieagenturen in China und Brasilien.

Geschäftsführer Jacques Fischbach ist über ein Praktikum beim damaligen Start-up Enbreeze hängengeblieben.
Foto: Enbreeze

„Wir wollen eine Anlage bieten, die zuverlässig über 20 Jahre mit möglichst wenigen Wartungen Strom produziert“, erklärt Fischbach. Er ist ein Mann der ersten Stunde. Während seines Studiums kam er zu Enbreeze – machte bei dem gerade gegründeten Start-up sein Praktikum und ist einfach dort geblieben. „Ich war so begeistert von dem Unternehmen, dass ich das Studium dann eher nur noch nebenbei gemacht habe“, erzählt der 31-Jährige.

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