Wissenschaftler alarmiert 21. Apr 2020 Von Regine Bönsch

Kritik an Corona-Apps

Forscher aus der ganzen Welt warnen vor einer noch noch nie dagewesene Überwachung der Gesellschaft durch Apps, die Begegnungen mit Corona-Infizierten identifizieren sollen. Doch es sind auch noch andere Hürden zu nehmen.


Foto: panthermedia.net/Arturs Budkevics

Rund 300 Wissenschaftler – von Australien über Europa bis Kanada – haben gestern in einem offenen Brief vor einer möglichen Überwachung durch Corona-Nachverfolgungs-Apps gewarnt. Sie befürchten Missbrauch durch die Speicherung von Daten. Und sie fordern, dass nur so viele Daten gesammelt werden dürften, wie zur Eindämmung der Pandemie notwendig seien.

Die Forscher von diversen Universitäten und Instituten stellen sich auch gegen bestimmte Details des europäischen Projekts Pepp-PT, das über eine Plattform die Entwicklung nationaler Corona-Apps vorsieht. (s. VDI nachrichten 16–17, S3) Die Technologie sei „nicht offen und transparent genug“, so argumentieren sie. Die Kontaktverfolgungs-Apps, an denen aktuell gearbeitet würde, könnten „schleichend zu Systemen führen, die eine noch nie dagewesene Überwachung der Gesellschaft als Ganzes ermöglichen würden“, heißt es in dem Schreiben.

Nutzung muss freiwillig sein

Zu den Unterzeichnern der Stellungnahme gehören zahlreiche Mitglieder wissenschaftlicher Akademien, Fellows von prominenten IT-Verbänden wie Association for Computing Machinery (ACM), Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) und International Association for Cryptologic Research (IACR) sowie viele deutsche Wissenschaftler, die im Bereich IT-Sicherheit und ähnlichen Themen arbeiten. Sie alle betonen, dass immer die technische Option gewählt werden müsse, die die Privatsphäre besser schütze. Schließlich müsse die Nutzung der Apps freiwillig sein. Die Systeme sollten nach der aktuellen Krise abgeschaltet werden und die Daten müssten alle gelöscht werden können.

Zentrale Speicherung hinterfragt

Umstritten ist unter Wissenschaftlern nun, ob die – wie bei Pepp-PT – anonymisierten IDs der Infizierten und die Kontakt-IDs auf einem zentralen Server gespeichert oder dezentral auf den Smartphones abgelegt werden. Die Unterzeichner des offenen Briefs befürchten bei der zentralen Speicherung, dass „eine Form der Überwachung durch die Regierung oder den privaten Sektor“ ermöglicht werde. Dies könne das Vertrauen in eine App und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft „katastrophal beeinträchtigen“. Stattdessen befürworten die Unterzeichner eine dezentrale Lösung, bei der lediglich die Smartphones von Betroffenen miteinander kommunizieren. Daten zu Begegnungen sollen dabei das Gerät nicht verlassen.

Damit begrüßen sie auch den von Google und Apple gewählten Ansatz, die Daten zu Begegnungen, die über Bluetooth erfasst werden, nur auf den Geräten zu lagern. Erste Schnittstellen dafür sollen im Mai verfügbar sein, heißt es. Doch auch hier stecken noch viele Tücken im Detail. Unklar ist auch, in welchem Abstandsbereich tatsächlich gemessen wird.

Mängel bei Tests in den Niederlanden

Ein Test von sieben Corona-Warn-Apps hat derweil in den Niederlanden große Mängel ans Licht gebracht. Keine der Apps habe sich bisher als geeignet erwiesen, räumte das Gesundheitsministerium heute in Den Haag gegenüber dem niederländischen TV-Sender NOS ein. Es seien gravierende Mängel festgestellt worden: Sechs von sieben Apps wiesen Sicherheitslücken auf. Bei einer war sogar eine Datenlücke festgestellt worden. Fast alle getesteten Apps hatten nach Ansicht der Experten Konstruktionsfehler.

Alte und Arme haben keine Smartphones

Und noch eine andere Krux kommt hinzu: Experten zweifeln an, ob das Konzept für eine Corona-Warn-App auch auf Altgeräten eingesetzt werden kann. Die Funktechnik Bluetooth Low Energy kurz BLE, die hier eingesetzt wird, sei weltweit auf rund 2 Mrd. Geräten – und damit jedem vierten Gerät – nicht verfügbar, erklärte Neil Shah, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Counterpoint Research. Rund um den Globus haben viele Menschen nur einfache Handys und keine Smartphones. Betroffen sind laut Ben Wood, Analyst beim Marktforschungsunternehmen CCS Insight, überdurchschnittlich viele ärmere und ältere Menschen – also Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von Covid-19 bedroht sind.

IT-Industrie fordert schnelle Einführung

IT-Branchenverbände wie der Bitkom und der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) kritisierten derweil das Verhalten der Wissenschaftler: Die Entwicklung der Apps dürfe „nicht durch langwierige akademische Debatten hinausgezögert werden“. Bitkom-Präsident Achim Berg sagte, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft seien gefordert, Vertrauen und Transparenz zu schaffen. „Wir brauchen diese App jetzt und dürfen keine weitere Zeit verlieren.“ Der Geschäftsführer des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW), Marco Junk, warnte vor einem Scheitern des App-Projekts. „Angesichts dessen, dass wir uns derzeit der größten Krise seit 1945 stellen müssen, ist es vollkommen unverhältnismäßig, den Erfolg eines der wenigen zur Verfügung stehenden Lösungsweges so zu gefährden.“

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