Befragung zum Homeschooling im Lockdown 14. Sep 2020 Von Regine Bönsch

Miserable Noten für digitale Schule

Der Wechsel ins virtuelle Klassenzimmer in Corona-Zeiten ist nicht geglückt, das attestiert eine repräsentative Befragung des Branchenverbands Bitkom.


Foto: Panthermedia.net/ SimpleFoto

In Sachen digitale Schule ist sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung einig: Sie stellt Schulen ein unbefriedigendes Zeugnis für das Management des Corona-Lockdowns aus. Besonders hart gehen dabei Eltern schulpflichtiger Kinder mit den Schulen ins Gericht und geben die Note „mangelhaft“, falls – bei erneutem Lockdown – der Schulbetrieb aufrechterhalten werden soll. Dem stimmt auch eine Mehrheit der Bevölkerung zu. Sie ist skeptisch, dass digitaler Fernunterricht stattfinden kann, und benotet die Schulen mit einer 4-.

So lautet eines der zentralen Ergebnisse einer repräsentativen Befragung des Branchenverbands Bitkom. Dabei wurden in Deutschland 1003 Personen ab 16 Jahren, darunter 269 Eltern schulpflichtiger Kinder, befragt. Die Digitalisierung der Schulen solle schnell vorangetrieben werden, wünscht sich eine Mehrheit. Die technische Ausstattung verbessern, Lehrerinnen und Lehrer fortbilden und Materialien sowie Lehrpläne modernisieren – all das gehört dazu. Dem Bund sollte bei der Digitalisierung der Bildung nach mehrheitlicher Ansicht eine sehr viel größere Verantwortung zugestanden werden als bisher.

Bildung vor der Zerreißprobe

„Die Corona-Krise hat unser Bildungssystem vor eine Zerreißprobe gestellt. Bei vielen Bürgern wurde massiv Vertrauen verspielt, weil Unterricht zu oft ersatzlos gestrichen wurde und viele Schulen nicht in der Lage waren, die ihnen anvertrauten Schüler auch nur ansatzweise zu betreuen“, erklärte Bitkom-Präsident Achim Berg auf der Pressekonferenz heute Vormittag. Zusätzlich haben seiner Meinung nach Behörden und Datenschutzbeauftragte die digitalen Vorreiter unter den Schulen und Lehrkräften ausgebremst.

Die Corona-Krise hat den Digitalisierungsdruck auf die Schulen massiv erhöht. Neun von zehn Bürgern sind der Ansicht, dass die Pandemie die Defizite bei der Digitalisierung der Schulen schonungslos offengelegt hat. Nach Einschätzung von Eltern wie auch der Gesamtbevölkerung ist an den meisten Schulen der Wechsel ins virtuelle Klassenzimmer nicht geglückt. Als gerade noch „ausreichend“ wird der Stand der digitalen Bildung in Deutschland bewertet, etwa wenn es um Geräteausstattung, Internetanbindung und digitale Unterrichtsinhalte der Schulen geht. Auf der Notenskala von 1 – „sehr gut“ – bis 6 – „ungenügend“– lautet, so die Bitkom-Umfrage, das Urteil daher 4,2 – Versetzung gefährdet.

Beispielloser Digitalisierungsschub

Beinahe 90 % der Befragten fordern, dass Schulen noch in diesem Schuljahr in die Lage versetzt werden sollten, per Homeschooling zu unterrichten. Knapp die Hälfte ist der Meinung, dass digitaler Unterricht auch nach der Pandemie stattfinden sollte. „Die Corona-Krise hat einen beispiellosen Digitalisierungsschub ausgelöst“, so Berg. „Was zuvor unvorstellbar schien, ist plötzlich erstrebenswert geworden – wie Homeschooling. Daran will jeder Zweite auch in der Zeit nach Corona festhalten.“

Alarmierende Signale

Kurzfristig allerdings glaubt kaum einer an die erfolgreiche Verlagerung des Unterrichts ins Digitale, falls Schulen erneut geschlossen werden sollten, und den Schulen wird ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Berg: „Es ist ein alarmierendes Signal, dass sich zwar eine Mehrheit für Homeschooling ausspricht, aber zugleich nicht daran glaubt, dass unseren Schulen das schaffen.“

Das größte Hemmnis wird in den föderalen Strukturen der Bundesrepublik gesehen. Sieben von zehn Bürgern sehen das als Bremsklotz für die Digitalisierung der Schulen. Bei Eltern sind es sogar 76 %. Umgekehrt befürworten über 70 %, dass ausschließlich der Bund statt der Länder für Bildungspolitik verantwortlich sein sollte.Es sei nicht mehr zeitgemäß, dass jedes Bundesland ein eigenes Bildungssystem habe, so formulierten es viele.

Informatik ab der 5. Klasse

Digitale Geräte, Anwendungen und Inhalte sind für die Mehrheit aus den Schulen nicht mehr wegzudenken – wobei Eltern digitalen Technologien gegenüber grundsätzlich besonders aufgeschlossen sind. Für jeweils neun von zehn Eltern sollte der Einsatz digitaler Technologien wie PC, Smartboards und Tablets an allen Schulen Standard sein. Drei Viertel der Eltern wünschen sich, dass Informatik ab der 5. Klasse verpflichtend unterrichtet wird. Mit ganzen 87 % ist ein Großteil der Ansicht, dass digitale Kompetenzen im Schulunterricht einen höheren Stellenwert genießen sollten. Somit könnten Schülerinnen und Schüler mit dem Einsatz von digitalen Technologien auch besser auf das Leben und Arbeiten in der digitalen Welt vorbereitet werden.

Eine analoge Schule will so gut wie niemand: Nur 3 % der Bürger sagen, dass digitale Technologien wie Computer und Tablets in Schulen nichts zu suchen haben, bei den Eltern sind es nur 2 %.

Ausstattung verbessern

Für den Aufbruch in die digitale Zukunft brauchen Schulen Infrastruktur, entsprechende Inhalte, pädagogische Konzepte und digitalkompetente Lehrerinnen und Lehrer. Was IT-Fragen betrifft, hat die Verbesserung der technischen Ausstattung der Schulen für Bürger und Eltern höchste Priorität, um die Digitalisierung der Schulen voranzubringen. Dazu gehören Geräte wie Laptops oder Tablets für alle Schüler (Bürger: 88 %; Eltern: 93 %) und eine schnelle Internetanbindung für alle Schulen (Bürger: 87 %; Eltern: 93 %).

Auch für Lehrkräfte sollten Geräte bereitgestellt werden, fordert eine Mehrheit der Befragten, ebenso wie die Integration von digitalen Medien in die Aus- und Weiterbildung. Und natürlich müssten auch die Inhalte und Formate im Unterricht erneuert werden, meinen die meisten. Das betrifft die Anpassung der Lehrpläne und den Einsatz digitaler Lerninhalte wie Lern-Apps und interaktiver Arbeitsmaterialien im Unterricht.

Mehr Tempo beim Digitalpakt Schule

Der Digitalpakt Schule, der bis 2024 Bundesmittel in Höhe von 5 Mrd. € bereitstellt, müsse endlich konsequent und unverzüglich umgesetzt werden, fordert Achim Berg. „So wichtig der Digitalpakt ist, so schleppend und bürokratisch läuft die Umsetzung. Das Geld kommt bislang nur tröpfchenweise bei den Schulen an.“ Positiv dagegen wertet Berg die Zusatzvereinbarung im Digitalpakt zu Schülerendgeräten, wonach 500 Mio. € direkt an die Schulen verteilt werden. „So einfach sollte es auch beim Digitalpakt laufen“, meint Berg.

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