Hannover Messe 2021 16. Apr 2021 Von Martin Ciupek

Industrie möchte Schlagzahl nach der Pandemie erhöhen

Die großen Industrieverbände stehen nach wie vor hinter der Hannover Messe. Das wurde diese Woche trotz des digitalen Messeformats deutlich. Die Industrievertreter sendeten aber auch ein klares Signal an die Politik.

Hannover Messe 2021
Foto: Deutsche Messe AG

„Noch überlagert Corona das Geschehen. Die Regierung hat wichtige Instrumente zur Abfederung der Krise gefunden. Das war gut und richtig. Aber genauso gilt: Die Politik steht genauso in der Pflicht, sich künftig wieder genauso von der staatlichen Intervention zurückzuziehen“, sagte Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), diese Woche auf der digitalen Hannover Messe. Je schneller Deutschland nach der Krise wieder zu alter Stärke zurückfinde und zur erprobten arbeitsteiligen Arbeitsweise zwischen Staat und Unternehmen, desto zukunfts- und wettbewerbsfähiger werde der Standort. „Eigenverantwortung ist der richtige Erfolgsmotor“, verdeutlichte er.

Das Ziel heiße nun aber nicht, zurück zum Status vor der Pandemie, sondern Schlagzahl zu erhöhen und einen Wachstumskurs einzuschlagen, erklärte Russwurm. „In diesem Superwahljahr darf das Krisenmanagement nicht den Blick für die Zeit nach der Pandemie verstellen. Die Devise muss vielmehr lauten: Zukunft gestalten, statt Status und Standort nur zu verwalten.“

Industrie ist kein Corona-Hotspot

Thema waren in Hannover auch verpflichtende Corona-Tests für Mitarbeiter und mögliche harte Lockdowns für Produktionsunternehmen. Karl Haeusgen, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), stellte dazu fest: „Umfangreiche Hygiene- und Schutzkonzepte sind in allen Unternehmen eingeführt und werden ständig weiterentwickelt.“ Das habe sich bewährt. „Es hat sich bisher kein einziger Ansteckungshotspot im Maschinenbau gezeigt. Zugleich sichern die Unternehmen damit Arbeitsplätze und die Versorgungssicherheit der Menschen in unserem Land mit wichtigen Gütern“, unterstrich er.

Mit Blick auf die internationalen Wertschöpfungsketten und Lieferengpässe erklärte der VDMA-Präsident: „Was die Lieferketten zu Beginn der Corona-Krise besonders gestört hat, war die Schließung der Produktionen in Ländern wie Italien und Frankreich. Wenn sich damit ein Appell an die Politik verbinden lässt, dann ist das: Produktion offenhalten!“

Weder im deutschen Maschinenbau noch in der deutschen Elektroindustrie hält man eine Testpflicht für nötig. Das unterstrich auch Gunther Kegel, Präsident im Zentralverband der Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI): „Mehr als 90 % der Unternehmen der Elektroindustrie testen nach unserer Umfrage bereits, und damit ist ein weiterer, verschärfter Lockdown für die Industrie nicht nur nicht notwendig, sondern auch nicht sinnvoll.“ Menschen, die in den Industrieunternehmen noch außerhalb des Homeoffice arbeiteten, würden in der Produktion und in der Verteilung der Waren gebraucht.

Probleme in der Lieferkette?

Nachdem die Elektroindustrie 2020 eher an einer schwachen Nachfrage litt als an Problemen mit der Lieferkette, habe sich das Bild nun geändert. Lieferschwierigkeiten gibt es laut Kegel unter anderem bei Mikrochips, Kunststoffen, Stahl und Kupfer. „Wir sehen nach wie vor von der Angebotsseite her noch erhebliche Risiken. Die Verknappung aus dem Zuliefersektor wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zunächst noch einmal verschärfen, bevor wir dann, zur Jahresmitte, hoffentlich eine deutliche Verbesserung sehen“, berichtete der ZVEI-Präsident. „Wir gehen davon aus, dass unsere Lieferketten sich bis ins dritte, vierte Quartal wieder normalisieren und damit die Lieferengpässe auch wieder der Vergangenheit angehören.“

Mit Blick auf die technologische Zukunft des Standorts Deutschland stellte Russwurm fest: „Die Pandemie legt offen: Andere Länder sind durch unkonventionelle Lösungen schneller und uns damit voraus.“ Er forderte dazu auf, nun in den Zukunftsmodus zu schalten. „Projekte wie Gaia-X bergen die Chance, sowohl die europäische Souveränität zu sichern als auch mittels Cloud-Diensten Behörden von Bund, Ländern und Kommunen zu vernetzen und damit handlungsfähiger zu machen. Das hilft dem Industriestandort ungemein.“ Mit dem aus der Plattform Industrie 4.0 heraus entstandenen Projekt Gaia-X trieben insbesondere Deutschland und Frankreich den Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen, sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa voran.

In Richtung Bundesregierung machte Russwurm deutlich, worauf es der Industrie nun ankommt: „Die Politik sitzt dabei am Hebel für Rahmenbedingungen, die notwendige Innovationen fördern. Statt eines regulatorischen Klein-Kleins bedarf unser Standort eines klugen Ordnungsrahmens – für digitalen Wandel, konsequenten Klimaschutz und eine leistungsfähige Infrastruktur.“

Für VDMA-Präsident Haeusgen hat die europäische Industrie durch ihre technologische Vielfalt, ihre Konzepte und Geschäftsmodelle ein Alleinstellungsmerkmal. Die Firmen in Deutschland und in der EU brauchten Freiraum und Kooperation, damit sie in Europa und weltweit ihren Beitrag zur Gestaltung einer besseren und klimafreundlicheren Zukunft leisten können. „Um die starke internationale Position Deutschlands in der Industrie 4.0 zu halten und auszubauen, braucht es einen digitalen Binnenmarkt in Europa und eine Politik, die Platz lässt für innovative vernetzte Produktion und die die künstliche Intelligenz als Chance sieht und nicht als Risiko und die Vertrauen in die Schwarmintelligenz im Maschinenbau hat“, sagte er.

Erwartete Technologiesprünge

Bei der Frage, wo sie die größten Technologiesprünge erwarteten, setzten die Verbandschefs unterschiedliche Akzente. ZVEI-Präsident Kegel sagte: „Die 5G-Technologie wird sich sprunghaft entwickeln, allein durch die massiven Investitionen, die es uns ermöglichen, mobile Geräte, Anlagen und Maschinen komplett mit in die Netze zu übernehmen.“ Der Mobilfunkstandard werde einen gewaltigen Innovationsschub erzeugen.

VDMA-Präsident Haeusgen entgegnete: „Wenn 5G die Infrastruktur liefert, dann liefert OPC UA die Sprache, mit der sich Maschinen herstellerunabhängig miteinander unterhalten.“ Der Branchenverband unterstützt das Format für den plattformunabhängigen Datenaustausch. Die Standardisierung werde jetzt aus Deutschland, aus der deutschen Industrie, vorangetrieben.

BDI-Präsident Russwurm denkt bereits daran, worüber sich die Maschinen künftig unterhalten: „Die erzählen sich, wie es ihnen geht und wie sie untereinander als autonome Systeme noch effektiver agieren können. Ich glaube, das ist ein ganz großer Schritt.“ Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz hätten jetzt ihren realen Einsatz erreicht. „Das ist nicht mehr nur ein akademisches Konzept, heute kennt jeder von uns Beispiele aus dem realen Einsatz.“


Foto: Deutsche Messe AG

Die künftige Rolle von Hannover

Russwurm denkt dabei auch schon an die Hannover Messe im kommenden Jahr. „Wenn das Messegelände in Hannover einen 5G-Campus hat, dann kann ich als Aussteller sagen: Okay, lieber Kunde, ich zeige dir, wie das funktioniert. Denn eines muss man gerade im Investitionsgüterbereich schon sehen, nur aus Hype kauft ja keiner. Wenn es keinen Kundennutzen bringt, dann sind wir nicht erfolgreich. Den kann man hier in Hannover sehen und hoffentlich im kommenden Jahr auch wieder anfassen“, sagte er.

Insgesamt zeigten sich die Industrievertreter glücklich, dass die Hannover Messe in diesem Jahr zumindest digital vorgeführt werden konnte. „Hannover ist das Fenster zur Welt, das wir brauchen, sonst werden wir als Industrie nicht in der Wichtigkeit wahrgenommen. Das ist die einzige Chance, uns der Politik und der Öffentlichkeit in der Breite zu präsentieren, die wir haben“, verdeutlichte Kegel. Die gelte es auch in einem digitalen Jahr zu nutzen. Kegel weiter: „Insofern, großes Lob an die Hannover Messe, dass man die Marke auch in einer so schwierigen Zeit hochhält und uns die Chance gibt, uns nicht nur unseren Kunden zu präsentieren, sondern auch der Gesellschaft, Politik und allen anderen Stakeholdern.“ Mit Blick auf die Zukunft der Messe machte er deshalb deutlich: „Wir können auf ein Format wie die Hannover Messe nicht verzichten, egal wo der Schieberegler zwischen analogem und digitalem Format steht – im nächsten Jahr vermutlich irgendwo in der Mitte.“

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