Neue Studie von Acatech zur Bioökonomie 20. Mai 2020 Von Peter Steinmüller

Nachhaltigkeit gerne, aber möglichst ohne persönliche Konsequenzen

Biokunststoff und Biosprit aus Reststoffen stoßen bei den Deutschen auf Zuspruch, Laborfleisch und grüne Gentechnik werden abgelehnt. Das geht aus dem TechnikRadar 2020 von Acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Körber-Stiftung hervor. Neben der allgemeinen Einstellung zu Technik fragt die Studie in diesem Jahr ab, wie die Deutschen zu den Zielen und möglichen Auswirkungen der Bioökonomie stehen.

Wenn es um den Fleischkonsum geht, ziehen die Deutschen ein saftiges Rindersteak immer noch im Labor gezüchteten Muskelfasern vor.
Foto: Peter Steinmüller

70,2 % der Deutschen finden, Deutschland sollte beim Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangehen. Dass der Umweltschutz eine Einschränkung des Konsums erfordert, meinen sogar 74,4 % der Befragten. Das zeigen die heute veröffentlichten Ergebnisse des TechnikRadars 2020. Neben allgemeinen Einstellungen zu Technik fragt die repräsentative Studie ab, was die Deutschen über „Bioökonomie“ denken. Der Begriff bezieht sich auf neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen, die fossile durch biologische Ressourcen ersetzen oder biologisches Wissen nutzen, um zu einem nachhaltigeren und zukunftsfähigen Wirtschaftssystem beizutragen.

Während allgemeine Ziele zum Umwelt- oder Klimaschutz in Deutschland Zuspruch finden, sind persönliche Einschränkungen und Verbote unter den Befragten wenig populär: Höhere Steuern auf fossile Brennstoffe würde nur ein Drittel begrüßen (35 %). Ähnlich wenige befürworten die Einschränkung des privaten Autoverkehrs (33,4 %) – und fast genauso viele Deutsche (29,5 %) lehnen dies ab.

„Die Coronakrise wird die Einstellung der Deutschen zu Technik verändern. Welche Technologien konkret anders bewertet werden, werden wir durch eine Befragung nach dem Abklingen der derzeitigen Infektionswelle gezielt untersuchen und die Ergebnisse Ende des nächsten Jahres vorstellen“, erklärt Ortwin Renn, Acatech-Präsidiumsmitglied und wissenschaftlicher Direktor am IASS Potsdam. „Möglicherweise werden die Bewertungen zu Themen der Bioökonomie, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit oder Klimaschutz, aufgrund der Krisenerfahrung heute etwas anders ausfallen als zum Zeitpunkt der Befragung, aber dramatische Änderungen sind in diesen Technikfeldern nicht zu erwarten. Die vorliegenden Studienergebnisse ermöglichen daher verlässliche Aussagen darüber, wie die Deutschen über diese Ziele denken“, ergänzt Renn.

Geht es um die Rolle der Politik beim Umweltschutz, sind die Befragten geteilter Meinung: Dass der Staat die Menschen zu umweltgerechtem Handeln zwingen sollte, wird je zu etwa einem Drittel befürwortet (34,7 %) oder abgelehnt (32,2 %), ein weiteres Drittel (33,1 %) ist ambivalent. 59 % sind der Ansicht, die Politik müsse für den Klimaschutz Maßnahmen ergreifen, auch wenn die Wirtschaft darunter leide. „Wir sehen, dass nachhaltiges Wirtschaften den Deutschen grundsätzlich ein wichtiges Anliegen ist. Weniger eindeutig ist das Bild, wenn es um die politische Umsetzung oder persönliche Konsequenzen geht“, kommentiert Tatjana König, Mitglied im Vorstand der Körber-Stiftung. „Dass eine Meinungsbildung zur Bioökonomie noch am Anfang steht, bietet auch die Chance, die Menschen mitzunehmen, um die enormen Potenziale, aber auch mögliche Nebenwirkungen in den Blick zu nehmen. Dafür brauchen wir mehr Wissensvermittlung, aber auch eine Debatte auf Augenhöhe mit denen, die diese Technologien entwickeln.“

Plastik durch Biokunststoffe ersetzen

Bisher wurden Kunststoffe aus Erdöl hergestellt. Biokunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zeigen, dass es auch anders geht. Eine deutliche Mehrheit der Deutschen (88,4 %) hält es für sinnvoll, herkömmliches Plastik durch solche bioökonomischen Produkte zu ersetzen. Jede bzw. jeder zweite Befragte (49,7 %) schätzt die neuen Wertstoffe auch, weil sie helfen, Deutschland von den internationalen Ölmärkten unabhängig zu machen und Wettbewerbsvorteile versprechen. Durch den Anbau der hierfür erforderlichen Rohstoffe erwartet allerdings mehr als die Hälfte der Befragten (64,2 %) massive Auswirkungen auf das Landschaftsbild, Monokulturen (62,6 %) und den vermehrten Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen (61,1 %).

Grüne Gentechnik wird abgelehnt

Im Zusammenhang mit der Bioökonomie wird auch über grüne Gentechnik diskutiert. Bei dieser Züchtung werden Gene der eigenen oder einer fremden Art in das Erbgut eingeschleust, um Pflanzen widerstandsfähiger zu machen und Erträge zu verbessern. Dies lehnen 57,5 % der Deutschen ab. Den Nutzen solcher gentechnischen Nutzungsverfahren erkennen nur 20,9 % der Befragten, 66,4 % bewerten die dadurch entstehenden Risiken als hoch oder eher hoch.

Zustimmung für Biosprit aus Reststoffen

Biologische Abfall- und Reststoffe wie Gülle, Restholz, Kompost und Abfälle aus der Gastronomie lassen sich mithilfe biotechnischer Verfahren in Kraftstoffe verwandeln – wenn auch bisher nur im kleinen Maßstab. Eine Mehrheit der Deutschen (76,8 %) hält dies für eine gute Sache. 62,8 % sprechen sich für eine staatliche Förderung des vielversprechenden Verfahrens aus. Rund die Hälfte (53,4 %) meint, dass das für die Herstellung notwendige Know-how die Wirtschaft stärken wird. „Die Aussagen zu Kraftstoff aus Bioabfall sind ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit beim Umweltschutz auseinanderklaffen“, kommentiert Cordula Kropp, wissenschaftliche Projektleiterin und Soziologin vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart die Ergebnisse. „Das Verfahren selbst wird überaus positiv beurteilt – aber viele wären gegen eine großtechnische Anlage zur Biomasseverflüssigung in der eigenen Umgebung“, führt Kropp aus. Denn fast die Hälfte (42,1 %) der Befragten gibt an, dass Anlagen zur Gewinnung von Biosprit in der Nähe von Wohngebieten nicht zumutbar sind.

Kein Fleischverzicht, kein Laborfleisch

Anders ist die Meinung bei der Ernährung: Nur vier von zehn Personen (40 %) sind der Ansicht, dass die Welternährung sich sicherstellen lässt, wenn wir auf Fleisch aus der umweltbelastenden industriellen Tierhaltung verzichten. Am stärksten glauben dies Frauen über 65 Jahren (51,3 %), am wenigsten Männer in der mittleren Altersgruppe zwischen 35 und 65 Jahren (32,3 %). Eine Möglichkeit, auf konventionelle Tierhaltung zu verzichten und gleichzeitig die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern, ist Fleisch aus dem Labor. Aus tierischen Stammzellen werden dabei mit Nährlösung Muskelfasern gezüchtet. Als geeigneten Ansatz, um die globale Ernährung zu sichern, sieht dies nur etwas mehr als die Hälfte (57,8 %) der Befragten. Den Verzehr solchen Fleisches können sich nur 24,1 % der Deutschen vorstellen. 64,8 % befürchten, dass dieses Verfahren zu einer weiteren Entfremdung der Menschen von der Erzeugung ihrer Nahrungsmittel führt und mit 47,1 % hält fast jede oder jeder Zweite Fleisch aus dem Labor für risikoreicher als Fleisch aus konventioneller Tierzucht.

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