Stromnetze 20. Nov 2015, 13:27 Uhr Josephine Bollinger-Kanne

Preisverfall bei Regelleistung

Um das Stromnetz zu stabilisieren, schreiben die Übertragungsnetzbetreiber Regelleistung aus.
Foto: Billerbeck

„Der Regelleistungsmarkt ist für viele Anbieter attraktiv. Bei einigen Regelleistungsprodukten hat der zunehmende Wettbewerbsdruck allerdings auch zu sinkenden Erlösen für die Anbieter geführt“, sagt Werner Christmann, verantwortlich bei Tennet für die Beschaffung von Regelleistung (s. u.).

Regelleistungsmarkt

Regelleistung ist die Stromleistung, die benötigt wird, um das Verhältnis von Produktion und Verbrauch im Stromnetz auszugleichen wird – so bleibt die Netzfrequenz von 50 Hz stabil. „Positiv“ heißt dabei, dass ins Netz zusätzlich Strom eingespeist werden muss, weil der Verbrauch höher als die Erzeugung ist. Umgekehrt muss dem Netz Strom entzogen werden, wenn der Stromverbrauch unter den eingespeisten Mengen liegt („negative“ Regelleistung).

Die Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW schreiben auf regelleistung.net den Bedarf an Primär- und Sekundärregelleistung wöchentlich und die Minutenregelleistung (MRL) aus.

Primärregelleistung (PRL) muss innerhalb von 30 s verfügbar sein. Anbieter müssen 1 MW bereitstellen können. Der Bedarf wird europaweit auf 3000 MW dimensioniert, der Bedarf in Deutschland beträgt aktuell 783 MW. Der mittlere Leistungspreis ist im Verlauf des Jahres von rund 3500 €/MW auf knapp unter 3000 €/MW gesunken.

Sekundärregelleistung (SRL) muss innerhalb von 5 min abrufbar sein. 5 MW gelten als Mindestleistung. Rund 2000 MW werden für die positive und negative Sekundärregelleistung benötigt. Mitte November 2015 lag der mittlere Leistungspreis für negative SRL in der Nebenzeit bei knapp 80 €/MW. Bis Ende Oktober 2015 war der Wert noch dreistellig und bis Anfang 2014 sogar vierstellig.

Minutenregelleistung (MRL) muss binnen 15 min abrufbar sein. Auch hier gelten 5 MW als Voraussetzung, um an den Ausschreibungen mitbieten zu können. Für die MRL liegt der Wert unter 2000 MW.

Batterien müssen über Reserven und ein zeitliches Nachlademanagement verfügen.

Tennet gehört zu den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB), die anderen sind 50Hertz, Amprion und TransnetBW. Sie sorgen in Deutschland im Stromnetz für ein ausgeglichenes Verhältnis von eingespeisten und verbrauchten Strommengen, so dass die Frequenz von 50 Hz konstant bleibt. Denn „wenn Abweichungen im Netz sind, muss die Regelleistung einspringen und praktisch in letzter Minute das Netz wieder stabilisieren, indem positiv mehr Strom eingespeist oder negativ Strom entzogen wird“, weiß Regelleistungsexperte Christmann.

Anbieter bekämen für Vorhaltung und Abrufung von Regelleistung eine Vergütung. Dabei müssen Christmanns zufolge die Anlagen bestimmten technischen Anforderungen genügen und ansteuerbar sein. Daher formulieren die ÜNB geeignete IT-Bedingungen, die im Zulassungsverfahren – der Präqualifizierung von Anlagen auf dem Regelleistungsmarkt – geprüft werden. Aktuell gebe es viele Betreiber mit Biogasanlagen, die negative Regelleistung bereitstellen. Da der Markt aber begrenzt sei, führe dies zu einem scharfen Wettbewerb mit fallenden Preisen. Vor diesem Hintergrund dächten Investoren zweimal nach, ob sich das lohne, weiß Christmann zu berichten.

So sieht zum Beispiel Syneco, die Handelstochter des Stadtwerkebündnisses Thüga, keinen wirtschaftlichen Sinn mehr in der Regelleistungsbereitstellung. Anlass war ein rapider Preisverfall, der ein Überangebot verursachte. Syneco konzentriert sich dafür auf die Vermarktung von Strom aus erneuerbaren und konventionellen Anlagen inklusive Direktvermarktung.

Aus Sicht von Christmann ein gewünschter Effekt. „Wir bemühen uns um ein großes Anbieterpotenzial, damit nicht hohe Preise für Regelleistung die Netzkosten belasten.“ Tennet bereite sich aber darauf vor, dass im Lauf der nächsten Jahre konventionelle Anbieter vom Markt gehen. Es gebe daher viele Gespräche mit Anbietern neuartiger Konzepte, aktuell von Stromspeicherbetreibern.

Seit Mitte Juli 2015 ist erstmalig eine Power-to-Gas-Anlage bei Tennet dabei. Die Stadtwerke München (SWM) steuern und vermarkten die rund 6 MW starke Anlage von Audi in ihrem virtuellen Kraftwerk. Die Anlage stellt negative Sekundärregelleistung bereit, indem sie dem Netz innerhalb von 5 min Strom entzieht, wenn der Strombedarf geringer ausfällt als das Erzeugungsangebot.

Markus Henle, Projektleiter für das virtuelle Kraftwerk, erwartet in Sachen Preisverfall keine Erholung, „da der Kreis der Anbieter wächst, die Nachfrage seitens der Übertragungsnetzbetreiber aber nicht nennenswert steigt“. Langfristig könnten gegebenenfalls erst gravierende, strukturelle Veränderungen in der Energieversorgung, wie der Kernenergieausstieg oder die Überführung von Braunkohlekraftwerken in Reserve, den Regelleistungsmarkt beflügeln. In Summe vermarkten die SWM derzeit über ihr virtuelles Kraftwerk M-Partnerkraft rund 150 MW Regelleistung.

Dank Windenergie sollen mehr Ökostromquellen am Regelleistungsmarkt teilhaben

Im Juli 2015 präqualifizierte Tennet – in Abstimmung mit den anderen deutschen ÜNB – den Verbund privat genutzter Solarstromspeicher des Batteriesystemlieferanten Caterva und seines Nürnberger Partners, des Energieversorgers N-ergie, zur Erbringung von Primärregelleistung. Der Verbund besteht aus 68 Energiespeichersystemen mit je 20 kW Leistung. So lässt sich das Mindestangebot von 1 MW Leistung inklusive Reserve zur Primärregelleistung, die für Batterien mitsamt Nachlademanagement vorgeschrieben ist, innerhalb von 30 s positiv und negativ abrufen.

Private Solaranlagenbetreiber im 8000 km2 großen Netzgebiet von N-ergie nutzen diese Lithium-Ionen-Akkusysteme aus dem Haus des Batterieherstellers Saft. Die Leistungselektronik kommt vom Technologiepartner Siemens. „Die Vermarktung von Primärregelleistung macht Speichersysteme wirtschaftlicher“, sagt Caterva-Geschäftsführer Markus Brehler.

Auf mehr Wirtschaftlichkeit ist auch Lichtblick mit mobilen Akkus im Pool aus, um sie für die negative Sekundärregelleistung fit zu machen. Ist das technisch schon möglich, gilt die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als Stolperstein, da sie in der Sekundärregelleistung stärker negativ zu Buche schlägt. Deswegen setzt sich Lichtblick in einem Positionspapier vom Oktober dafür ein, Stromspeicher im Einsatz auf dem Regelleistungsmarkt von der EEG-Umlage und Netzentgelten zu befreien.

Das hält auch Franz Josef Feilmeier, Geschäftsführer vom bayerischen Batterieunternehmen Fenecon, für sinnvoll. Sein Unternehmen stellt seit einigen Monaten aus seinem virtuellen Kraftwerk Energy Pool Primärregelleistung bereit, die der Schweizer Partner Ampard vermarktet und in Deutschland über ein präqualifiziertes Energiehandelsunternehmen anbietet. Im Pool sind zum Jahresende 2015 etwa 500 kW Batterieleistung verknüpft, die sich aus 9-kW- und 40-kW-Akkus zusammensetzen.

Die größte Herausforderung bestand nach Feilmeier in der Präqualifizierung, und darin, das Nachlademanagement und die Bilanzkreisläufe aufeinander abzustimmen.

Um noch mehr Ökostromquellen in den Regelleistungsmarkt einzubinden, ist Windenergie im Gespräch. „Wir entwickeln zur Präqualifizierung von Windenergie für die Minutenregelleistung ein neues Verfahren“, lässt Christmann wissen. Darauf wartet die Windbranche.

Direktvermarkter Statkraft verkündete im Februar 2015, dass sein Windpark Dornum negative Minutenregelleistung bereitstellt, indem die Erzeugung innerhalb von 15 min abgeregelt werden kann. Doch Tennet entzog Statkraft wegen eines Datentechnikfehlers die Präqualifizierung für Dornum wieder. Bis Jahresende könnten Rahmenbedingungen veröffentlicht und spätestens im ersten Quartal 2016 Windanlagen präqulifiziert werden, stellt Christmann in Aussicht. Zuverlässige Prognosen der dargebotsabhängigen Erzeugung und angepasste Zeiträume, in denen die Regelleistung abrufbar sein muss, seien dabei zentrale Punkte.

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