EMISSIONEN 06. Dez 2018 Susanne Donner

Das Grenzwertdilemma

In die Diskussionen um die Höhe des Jahresgrenzwerts für Stickoxide kommt Schärfe. Manche Experten halten den Wert von 40 µg/m3 für zu niedrig angesetzt und wissenschaftlich nicht belegbar.

Sind Fahrverbote wirklich nützlich um Luftschadstoffe zu vermeiden?
Foto: panthermedia.net/AntonioGuillemF

Die ganze Republik diskutiert derzeit über Fahrverbote, weil in über 60 Städten der Jahresgrenzwert von 40 µg/m3 Luft an Stickstoffdioxid überschritten wird. Vor allem die Abgase von Dieselfahrzeugen tragen dazu bei.

Nun gerät der vor zehn Jahren beschlossene Imissionsgrenzwert für Stickoxide in die Kritik. Alexander Kekulé, Biochemiker und Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle, forscht zwar nicht an Luftschadstoffen, hat sich aber dennoch dem Thema wissenschaftlich angenommen. Glaubt man ihm, ist das Limit ein Auswuchs kopfloser Politik.

„Die EU-Mitarbeiter hatten die Zahl 40 ungeprüft aus einem Gutachten übernommen, das eine Arbeitsgruppe der amerikanischen Umweltbehörde EPA gerade für die WHO angefertigt hatte. Dabei ist offensichtlich, dass diese Ziffer nicht taugt, um sie auf den Straßenverkehr zu übertragen, sie basiert auf älteren Studien mit Gasherden“, schreibt er in einem Kommentar auf zeit.de. Das suggeriert: EU-Beamte könnten Gasherde von Autos nicht unterscheiden und hätten im Blindflug Törichtes beschlossen.

Wer sich allerdings durch hunderte Seiten lange historische Dokumente der WHO und der EU arbeitet, dem wird zweierlei klar: Das Lesen macht keinen Spaß. Und so, wie Kekulé es darstellt, ist die Sache nicht gelaufen. Es ist vielmehr so, dass jetzt drei Expertengremien für Luftreinhaltung im Licht der Studien sogar einen niedrigeren Jahresmittelwert anstreben. Zwei davon wurden konkret. So hält die VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft einen empfohlenen Jahresmittelwert von 20 µg NO2/m3 unter Gesichtspunkten der gesundheitlichen Vorsorge für anstrebenswert. Sie ist in Deutschland für die Standardisierung in der Luftreinhaltung zuständig.

Zudem verlangte auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen einen niedrigeren Jahresgrenzwert von 20 µg/m3. Der Rat ist ebenfalls ein umweltpolitisches Schwergewicht, der sich seit Jahrzehnten mit der Stickoxidbelastung beschäftigt und die Bundesregierung in Umweltfragen berät. Und schließlich analysierte eine Expertengruppe im Auftrag der WHO 2013 zahlreiche neue Studien zur Stickoxidbelastung. Sie regte dazu an, die WHO-Richtwerte abzusenken. Der Umweltmediziner Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt in Dessau erwartet, dass die WHO diesem Votum folgt: „Sie erarbeitet derzeit neue Richtwerte. Es ist wahrscheinlich, dass diese niedriger als bisher liegen werden.“

Es ist keineswegs so, dass es nur oder gar hauptsächlich Studien mit Gasherden gäbe. Im Gegenteil: Viele der Studien beziehen sich auf Stickoxide in der Außenluft, flankiert von Tierexperimenten und Experimenten in Innenräumen. Unstrittig ist, dass Stickoxid in hoher Konzentration besonders für Asthmatiker und Atemwegserkrankte ein Problem darstellt. Die kleinen Gasmoleküle können bis tief in die Lungenbläschen eindringen und greifen so die Schleimhäute an. Es führt zu Atemwegserkrankungen, zudem steigt das Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu sterben. Die Langzeitwirkungen von Stickoxiden in geringeren Konzentrationen sind schwieriger zu erfassen: Denn die Luft im Freien ist nicht nur mit Stickoxiden belastet, sondern mit zahlreichen anderen Schadstoffen wie Feinstaub, Schwefeldioxid und Ozon. Alles zusammen schadet der Gesundheit.

Wenn schlechtere Luft also in epidemiologischen Studien mit einem kürzeren Leben, mehr Atemwegserkrankungen, mehr Frühgeburten und mehr Krebs einhergeht, geht es darum, den Beitrag der Stickoxide zu ermitteln. „Das lässt sich schwer trennen“, benennt Straff das Dilemma. Dafür messen Forscher beispielsweise an mehreren Orten, an denen die Schadstoffe in unterschiedlichen Verhältnissen auftreten. Damit können sie mathematisch den Beitrag jeder einzelnen Substanz abschätzen.

Daraus ergab sich, was zuletzt die WHO-Arbeitsgruppe 2013 festhielt: Die langfristige Stickoxidbelastung geht mit einer höheren Sterberate einher, mit häufigeren Herzkreislauferkrankungen und Atemwegsbeschwerden bei Erwachsenen und Kindern, wobei Kinder sensibler reagieren. Und zwar sogar unterhalb von 40 µg/m3. Eine Studie des Umweltbundesamtes bestätigte das 2018: Unterhalb des Stickoxidwertes von 40 µg/m3 träten immer noch Gesundheitsschäden auf.

Kritiker wenden jedoch ein, diese Effekte würden fälschlich auf Stickoxide zurückgeführt. Sie wären anderen, nicht ausreichend berücksichtigten, Schadstoffen zuzuschreiben. „Das ist nicht auszuschließen“, sagt der Ökotoxikologe Markus Salomon vom Sachverständigenrat für Umweltfragen. „Allerdings gibt es deutliche Hinweise, dass Stickoxide eben dafür verantwortlich sind.“ Für seinen Kollegen vom Umweltbundesamt, Wolfgang Straff, gilt das Argument der Kritiker dennoch nicht: „Gerade dann, wenn andere mit Stickoxid vergesellschaftete Schadstoffe mitverantwortlich sein sollten, wäre es sinnvoll, Stickoxid zu begrenzen, da sein Gefolge dann mit gemindert würde.“

Diese Logik ist freilich nicht zwingend, sondern eine Frage der Haltung. Denn die wissenschaftlichen Daten sind eben nicht von der Eindeutigkeit einer mathematischen Gleichung. Sie lassen Interpretationsspielräume und Platz für politische Akzente. Es ist auch eine Frage, welche Risiken für die Gesundheit Politiker und Gesellschaften in Kauf nehmen wollen. Innerhalb Europas haben sich die Mitgliedsstaaten der EU deshalb auf 40 µg/m3 Luft geeinigt. Und die US-Umweltbehörde blieb bei 100 µg/m3 Luft stehen. Die als streng bekannte kalifornische Behörde sah das wiederum anders und schrieb für den Bundesstaat 58 µg/m3 vor – immerhin 45 % über dem europäischen Grenzwert und nahe dessen (60 µg/m3), was für Büroarbeitsplätze sowie Privaträume im Wochenschnitt als Richtwert gilt.

Das Dilemma der unterschiedlichen Grenzwerte gibt es nicht nur beim Stickoxid. Bei vielen Substanzen kommen Länder zu abweichenden Limits. Vom Arsen im Reis zum Feinstaub in der Luft zu Nitrat in Gewässern. „Es ist immer ein Stück weit eine politische Entscheidung. Das ist auch gewollt“, sagt Straff.

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