Fokus Nachbergbau 24. Jun 2021 Von Claudia Burger, Stephan W. Eder und Bettina Reckter Lesezeit: ca. 5 Minuten

Kohleausstieg: Ewige Lasten, neue Chancen

Die letzte deutsche Zeche ist längst geschlossen, der Strukturwandel in den betroffenen Regionen aber immer noch nicht vollzogen. Die Ewigkeitslasten sind vielfältig.


Foto: : imago images / Rupert Oberhäuser

Der Kohleausstieg ist beschlossen und wird einige Regionen in Deutschland nachhaltig verändern. Im Ruhrgebiet hat der Strukturwandel tiefe Spuren hinterlassen. „Er ist längst noch nicht bewältigt“, sagt Kai van de Loo vom Forschungszentrum Nachbergbau (FZN) an der TH Georg Agricola in Bochum – auch mit Blick auf die Arbeitslosenquote von fast 10 % in der Region.

Generell lässt sich sagen, dass die Kohleregionen nicht an der Spitze der wirtschaftlichen Entwicklung stehen. Studien zufolge entstehen im Zuge des Strukturwandels produktive neue Stellen meist in anderen Sektoren und in anderen Regionen, nicht an den ehemaligen Bergbaustandorten.

Bergwerke kultur- und naturnah neu genutzt

Nach Erfahrungen der Bergbauindustrie weltweit werden stillgelegte Bergwerke und deren Infrastruktur vorwiegend kultur- oder naturnahen neuen Verwendungen zugeführt. Das schafft meist wenig neue Wertschöpfung und Beschäftigung. Kai van de Loo fordert neben Finanzhilfen maßgeschneiderte Angebote für Technologieberatung und -qualifizierung für Unternehmen, die sich in den ehemaligen Kohleregionen ansiedeln wollen.

Von den vielen Menschen im einstigen Revier kümmern sich bei der RAG heute rund 500 um den Nachbergbau. Hatte früher jedes Bergwerk seine eigene Wasserhaltung, konzentriert die RAG sie jetzt an wenigen Punkten: Sechs Pumpstandorte sollen an der Ruhrschiene übrig bleiben, je einer in Ibbenbüren und an der Saar.

Steigendes Grubenwasserniveau verbessert Wasserqualität

Das Grubenwasserniveau soll zudem steigen, damit verbessert sich die Wasserqualität. Es besteht aber die Gefahr der Berghebung. „Nach all dem, was wir heute wissen, erwarte ich keine größeren Hebungen als 50 cm“, sagt Christian Melchers, wissenschaftlicher Leiter des FZN. Auch die RAG schätzt die Risiken als gering ein.

Riskant aber könnte es durch Altlasten werden, die man schon sicher in Schach bzw. im Schacht wähnte. Betriebsstoffe für Maschinen unter Tage, denen bis in die 1980er-Jahre als Flammschutz hochgiftige polychlorierte Biphenyle (PCB) zugesetzt wurden, um Grubenbrände zu verhindern, lagern in den stillgelegten Stollen. Werden diese allmählich geflutet, kommt möglicherweise eine neue Giftwelle ans Tageslicht.

Den Fokus „Nachbergbau“ lesen Sie im aktuellen E-Paper der VDI nachrichten mit diesen Themen:

Grubenwasser spazieren führen

Nachbergbau: Nach dem Ende des Steinkohlenberg­baus baut die RAG die Wasserhaltung an Ruhr und Saar um – und lässt das Grubenwasser ansteigen.

Die Last mit den Altlasten

Gesundheit: Polychlorierte Biphenyle sollten im Bergbau Gefahr abwenden. Doch dann wurden sie selbst zum Risiko für Mensch und Umwelt.

„Wir brauchen maßgeschneiderte Technologieberatung“

Arbeitsmarkt: Der Strukturwandel im Ruhrgebiet ist für Kai van de Loo vom Bochumer Forschungszentrum Nachbergbau (FZN) nicht bewältigt.

Sanierung nach dem Kohleausstieg

Rekultivierung: Sensoren, Scanner und Spektraltechnik ersetzen die Kartentradition des Vermessungswesens. Der Datenschatz aber muss zugänglich gemacht werden.

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