Natur und Technik in Einklang 06. Okt 2015 Von Ralf Roman Rossberg

Wasserkraft: Flache Flunder lässt Fische besser durch

An der Iller bei Kempten im Allgäu geht noch in diesem Jahr ein neues Wasserkraftwerk ans Netz. Eine erstmals eingesetzte Technologie soll dabei Natur und Technik in Einklang bringen und so die Debatte um die Umweltverträglichkeit von kleineren Laufwasserkraftwerken beenden helfen.

Eine von zwei Flachturbinen im Illerkraftwerk Au: Bewährt sich die Technik, gäbe es viele Einsatzmöglichkeiten.
Foto: Rossberg

„Dieses Wasserkraftprojekt ist weltweit einmalig und hat Vorbildcharakter für eine gesicherte Energieerzeugung im Einklang mit Natur und Umwelt“, erklärte Geschäftsführer Michael Lucke vom Allgäuer Überlandwerk, als am 30. Oktober im Beisein von Bayerns Finanzminister Markus Söder die zweite Turbine in ihr Fundament gehoben wurde. Die „Generalprobe“ mit der ersten hatten am Vortag die Mitarbeiter des Illerkraftwerks Au in Sulzberg bei Kempten im Allgäu verfolgen können.

Erstmals in Deutschland kommen hier zwei dieser Turbinen in Verbindung mit einem wassergefüllten Schlauchwehr zum Einsatz. Die Widerstände von Naturschutz und Fischerei gegen die Wasserkraftnutzung hielten sich hier in Grenzen, weil die neue, in Frankreich entwickelte Technik verspricht, ohne nennenswerte Eingriffe in die Natur auszukommen. Außerdem hat am Standort bereits ein Werk bestanden.

Extrem flache Turbinen

Die sogenannten VLH-Turbinen (VLH: Very Low Head) sind extrem flach und haben ein Laufrad mit 5 m Durchmesser, das sich mit nur 10 U/min bis 15 U/min dreht.

Die Verträglichkeit für Fische, ein Schlüssel für die Akzeptanz der Wasserkraft bei Fischerei und Naturschutz, ergibt sich gewissermaßen als Nebeneffekt dieser Turbinentechnik. Abwärts sollen Fische die Anlage gefahrlos durchschwimmen können, aufwärts gibt es eine Aufstiegshilfe.

Die Turbinen des französischen Entwicklers MJ2 Technologies eignen sich für Laufwasserkraftwerke mit geringer Fallhöhe zwischen 1,5 m und 3 m. Bei der Anlage an der Iller sind es im Mittel 2,3 m. Dabei leistet eine Turbine bis zu 450 kW elektrisch, die durchschnittliche Belastung liegt bei etwa der Hälfte. Das Werk soll mit beiden Turbinen jährlich 3,9 Mio. kWh Strom erzeugen.

Schräg in der Strömung

Die VLH-Turbinen stehen schräg in der Strömung und sind in einem Stahlrahmen gelagert. Zur Wartung oder bei extremem Hochwasser lassen sie sich mit Hydraulikzylindern waagerecht stellen, womit der gesamte Durchflussquerschnitt frei wird. Treibgut und Geschiebe können so auf einfache Weise durchgeleitet werden.

Um die ständig schwankende Wasserführung des Gebirgsflusses zu verstetigen, ist die Anlage mit zwei Schlauchwehren von 15 m und 62 m Länge kombiniert. Schlauchwehre sind dickwandige Schläuche, die sich mit Wasser füllen oder entleeren lassen und den Fluss variabel stauen. Bei geringer Wasserdarbietung wird das Stauziel niedrig gehalten, bei Hochwasser angehoben. Bis zu 1 m Schwankung des Oberwasserpegels lässt sich so ausgleichen.

„Die Energiewende ist noch nicht gelungen und sie wird nicht leichter werden“, sagte Finanzminister Söder anlässlich der Turbinen­installation. Das neue Werk trage dazu bei, auch die Wasserkraft optimal zu nutzen. Derzeit deckt die Wasserkraft in Bayern etwa 15 % des Strombedarfs. Knapp 10 % Ausbaupotenzial ließen sich nach Branchenangaben erschließen, wenn die Widerstände aus der Welt geschafft werden könnten. Bayern, so betonte Minister Söder, wolle in Europa kein Importland für Strom werden, „bayerischer Strom ist immer noch der beste“. Die neue Form der Erzeugung werde die Wasserkraft ökologisch machen.

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