IW-Konjunkturampel 24. Sep 2020 Von Michael Grömling

Wirtschaft und Corona: Die Unsicherheit bleibt

Eine Rückkehr zum gesamtwirtschaftlichen Vorkrisenniveau könnte mancherorts erst 2022 erfolgen.

Erholung schlägt sich noch nicht nieder. Die meisten Indikatoren stehen weiterhin auf Rot. Die Aufhellung der letzten drei Monate hat bislang nicht ausgereicht, um die Einbrüche davor auszugleichen.

Die Corona-Pandemie hat infolge der gesundheitspolitischen Einschränkungen und der vielfältigen Auswirkungen auf die Angebots- und Nachfrageseite der rund um den Globus betroffenen Volkswirtschaften das weltweite Wirtschaftsleben im zweiten Quartal 2020 so stark beeinträchtigt wie kein Ereignis zuvor in den letzten sieben Dekaden. In der Europäischen Union wurde das Vorjahresergebnis um gut 14 % unterschritten. Die stärksten Einbrüche gab es dabei in Spanien (-22 %), Frankreich (-19 %) und Italien (-17 %). In Deutschland sank das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um gut 11 % gegenüber dem Vorjahr. Im Vereinigten Königreich lag die Wirtschaftsleistung um über 20 %, in den USA um knapp 10 % unter dem Vorjahresniveau.

Erholungstempo lässt sich nicht halten

Die Sommermonate 2020 brachten eine ausgeprägte konjunkturelle Erholung in vielen Industrieländern – auch angestoßen durch umfangreiche fiskal- und geldpolitische Impulse. Diese brauchen aber Zeit und zuletzt zeigte sich, dass sich das anfängliche Erholungstempo nicht halten ließ. Die Verbesserungen schlagen sich erst allmählich in der IW-Konjunkturampel nieder. Bei einigen Indikatoren ist deshalb noch keine Verbesserung angezeigt, weil die Erholungen in den letzten drei Monate noch nicht ausreichten, um die Einbrüche der vorhergehenden drei Monate auszugleichen.

Die anhaltenden Ansteckungen, etwa in den USA, Brasilien oder Indien, sowie das Wiederansteigen in europäischen Ländern können das Erholungspotenzial abbremsen. Die jetzigen Infektionen sind zwar in ihrer Wirkung auf das Gesundheitssystem offenbar nicht mit denen der ersten Welle zu vergleichen. Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich das Infektionsgeschehen im Winterhalbjahr 2020/2021 entwickeln wird und welche gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Einschränkungen damit einhergehen können.

Ausnahme China

Als Ausnahme kann derzeit China gesehen werden. Das Infektionsgeschehen, die Beeinträchtigungen und die Trendwende traten dort früher auf als in den anderen Ländern. Die Staatswirtschaft hat die Gesundheitskontrolle und das Wiederanspringen der Wirtschaft stark dirigiert. Es wird sich aber noch erweisen müssen, ob sich China den Anpassungslasten einer insgesamt schwachen Weltwirtschaft dauerhaft entziehen kann. Zudem liegt über der Erholung der Dauerschatten der geopolitischen Konfrontationen und der handelspolitischen Irritationen.

Nicht nur mit Blick auf China überlagern sich derzeit große konjunkturelle Herausforderungen infolge der Pandemie mit den vielfältigen strukturellen Anpassungslasten infolge des Protektionismus, des ungeklärten Brexits, der Neuorientierungen bei den globalen Lieferketten und der anstehenden technologischen Veränderungen durch Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demografie.

Als sicher gilt, dass sich die Erholung im Sinn einer Rückkehr zu den gesamtwirtschaftlichen Niveaus von vor der Krise in den meisten Ländern über das kommende Jahr erstrecken und möglicherweise auch in das Jahr 2022 hineinreichen wird. Ein Impfstoff und geopolitische Entspannungen können einen Auftrieb begünstigen und festigen.

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