Studie von LBBW Research 16. Mrz 2022 Von Peter Steinmüller

Wirtschaftliche Schäden durch den Ukrainekrieg werden unterschätzt

Die Folgen des Ukrainekriegs dämpfen nach Ansicht des LBBW Research das deutsche Wirtschaftswachstum stärker und treiben die Inflation mehr als bisher angenommen.

Selbst wenn der Ölpreis wieder sinkt, wird er einen anhaltend hohen Preisdruck auf die deutscheWirtschaft ausüben, warnt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer.
Foto: panthermedia.net/ Detlef Olschewski

Die kurzfristigen Konsequenzen seien bereits deutlich sichtbar, urteilen die Volkswirte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) unter Hinweis auf die rekordhohen Energiepreise. Die Ökonomen sehen in diesem und im kommenden Jahr die Wachstumsaussichten sinken und rechnen mit einer höheren Inflation als bisher.

Sinkender Ölpreis treibt weiter die Inflation

„Wir gehen davon aus, dass der Ölpreis für die Nordseesorte Brent in der Jahresmitte wieder auf 100 $ sinken wird und Ende des Jahres gar nur 90 $ beträgt. Allerdings haben wir auch dann einen anhaltend hohen Preisdruck auf die deutsche Wirtschaft“, urteilt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer. Als Faustregel gilt, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 % die Preise für Haushaltsenergie und Kraftstoffe um 2 Prozentpunkte steigen lässt. In der Spitze hatte der Ölpreis kurzfristig um rund 50 % angezogen.

„Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate kräftig steigt, und zwar deutlich über die in den vergangenen Jahrzehnten gesehenen Maße.“ LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer

Wie stark dies die Volkswirtschaft belastet, zeigen jüngste Angaben des Statistischen Bundesamtes. Demnach sind die Erzeugerpreise für Konsum- und Investitionsgüter im Januar um rund 6 % bis 7 % höher als vor zwölf Monaten. „In der Summe dürfte dies in den kommenden Monaten dazu führen, dass auch die viel beachtete Kernrate weiter anzieht. Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate kräftig steigt, und zwar deutlich über die in den vergangenen Jahrzehnten gesehenen Maße.“ Die Kernrate oder Kerninflation beschreibt die Teuerung, ohne die Entwicklung der Preise von Lebensmitteln, Energie, Alkohol und Tabak zu berücksichtigen.

Geopolitik und Corona bestimmen die Konjunkturaussichten

Das LBBW Research hebt seine Inflationsprognose für Deutschland (nationaler Verbraucherpreisindex CPI) und den Euroraum (harmonisierter Verbraucherpreisindex HVPI) um jeweils einen Prozentpunkt an. Für Deutschland auf 5,5 %, für den Euroraum auf 6,0 %. Die Prognosen für 2023 weiten die Volkswirte der LBBW für Deutschland auf 2,7 % (bislang 2,5 %) und für den Euroraum auf 3,0 % (2,7 %) aus.

Einfrieren des Außenhandels hat wenig Folgen für die Konjunktur

Wie schädlich der Ukrainekrieg und die Sanktionen für die Konjunktur sind, ist etwas weniger offensichtlich als der Einfluss auf die Teuerung. Der direkte Handel mit Russland, Belarus und der Ukraine macht zusammen 2,4 % der Exporte und 3,1 % der deutschen Importe aus. „Das ist ungeachtet des hohen Rohstoff-Exposures Deutschlands gegenüber Russland gering“, urteilt Kraemer. Deswegen werde das Einfrieren des Außenhandels abgesehen von den Rohstoffimporten aus Russland erst einmal begrenzte Folgen haben. „Jedoch haben die Verbraucher durch den starken Anstieg der Preise weniger Geld zur freien Verfügung. Dies drückt auf die private Konsumfreude und dürfte auch Investitionen mit einer verstärkten Unsicherheit belasten. Die volkswirtschaftlichen Frühindikatoren werden in den kommenden Wochen deshalb auf Talfahrt gehen“, sagt der Chefvolkswirt voraus. Er hält einen Rückgang des Ifo-Geschäftsklimaindexes auf weniger als 90 Punkte für möglich, was in etwa einer ökonomischen Stagnation im ersten und zweiten Quartal entspräche. Bislang hatte er ein Plus von 1,5 % für beide Jahresviertel erwartet.

Flüchtlingsstrom sorgt für steigende Staatsausgaben

Auf der anderen Seite steigert gleichzeitig der Staat seine Ausgaben erheblich, besonders für die Bundeswehr und die Versorgung ukrainischer Flüchtlinge. Nach der Flüchtlingskrise 2015 wurde der Effekt der damals 1,2 Mio. Flüchtlinge auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für die Jahre von 2016 bis 2020 auf 95 Mrd. € veranschlagt, was jährlich rund 0,5 Prozentpunkten des BIP entspricht. Überdies profitierte Deutschland in der Vergangenheit teilweise indirekt von steigenden Exporten in die OPEC-Staaten.

Ein Blick auf deutsch-russische Wirtschaftsabhängigkeiten

Das LBBW Research geht davon aus, dass der Nettoeffekt für das BIP „deutlich negativ“ sein wird. Die Volkswirte kürzen ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft von +3,0 % auf +2,2 %. Für den Euroraum senken sie die BIP-Prognose zugleich von 4,0 % auf 3,2 %.

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