Politikexperte Stephan Rammler 02. Sep 2021 Von Bettina Reckter

Zukunftsforscher: Industriegesellschaft nachhaltig modernisieren

Wie sich die Parteien technologiepolitisch zur Bundestagswahl positionieren, ordnet Stephan Rammler, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung Berlin (IZT), ein.

Stephan Rammler, IZT Berlin, meint, bei der Politik müsste eigentlich ‧eine enorme Alarmstimmung herrschen.
Foto: Kerstin Jana Kater

VDI nachrichten: Herr Rammler, spielen Fragen zu Klimaschutz, Digitalisierung und Energietechnik diesmal eine größere Rolle als bei vorangegangenen Wahlen?

Stephan Rammler: Ich würde sagen, sie spielen eine vollkommen unangemessen geringe Rolle im Vergleich zu den Herausforderungen, vor denen wir stehen. Digitalisierung war beispielsweise im letzten Wahlkampf ein Renner, ist aber nur von wenigen Parteien wirklich verstanden worden. Und der Klimawandel ist mit Blick auf das, was aktuell in der Welt passiert, auch nicht angekommen – mit Ausnahme bei einer Partei.

Um es einmal zuzuspitzen: Man würde sich doch wünschen, dass in einer Welt, in der jeder Einzelne mit privatstatistischer Empirie den von den Wissenschaften vorhergesagten Klimawandel nachvollziehen kann, enorme Alarmstimmung bei der Politik herrschen müsste. Tut es aber nicht – und das ist unerträglich.

Technologieentwicklung ist also in der Politik eher unterbewertet?

Die anliegenden Probleme sind doch nicht nur für Zukunftsforscher wie mich seit vielen Jahren offenkundig. Die Politik ist hier nur schwergängig in der Lage darauf zu reagieren.

Welche Partei tritt denn Ihrer Meinung nach mit dem fortschrittlichsten Programm zur Technologieentwicklung an?

Oberste Priorität hat zunächst die Technologieentwicklung für mehr Nachhaltigkeit. Gefragt ist eine Mischung aus Resilienzsteigerung und Nachhaltigkeitstransformation. Wir werden diese Dimension des Klimawandels, aber auch andere technologische Herausforderungen etwa geopolitischer Natur nur lösen, wenn wir bereit sind, ein hohes Maß an Technologien einzusetzen. Allein das ist schon eine strittige Aussage, denn es gibt durchaus Vertreter der Nachhaltigkeitstransformationsforschung, die sagen, Technologie sei der Ursprung und nicht die Lösung des Ganzen. Meiner Meinung nach befinden wir uns zurzeit in einem Zustand, in dem Technologie eine große Rolle spielt. Es geht allerdings um die Frage, wie wir sie anwenden.

Und welche Partei würde dies sinnvoll vorantreiben?

Das sind die Grünen. Sie haben die besten Antworten, weil sie keine Technologieverächter sind und sagen, dass Technologien gesellschaftlich eingebettet werden müssen. Wenn wir neue Technologien nur nutzen, um damit die alten Systeme zu bedienen, haben wir nichts gewonnen. Es geht darum, mit neuen Technologien soziale Innovationsprozesse für mehr Nachhaltigkeit hervorzubringen.

Zukunftsforscher Rammler fordert die nachhaltige Modernisierung der Industriegesellschaft

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn ich das Elektroauto forciere, aber gleichzeitig der Meinung bin, das Kulturmodell der automobilen Massenmotorisierung für etwa 40 Mio. Menschen wäre zukunftsfähig, dann ist da etwas schiefgelaufen. Also: Es macht nur Sinn, diese neue Antriebstechnologie in neue Formen der Mobilitätsgestaltung einzubetten. Will heißen: mehr öffentlicher Verkehr, geteilte Fahrzeuge, mehr Fahrrad usw. Wenig Sinn macht es hingegen, was CDU und FDP vertreten, wenn sie sagen: Wir produzieren synthetische Kraftstoffe mithilfe von regenerativen Energien und alles kann so bleiben wie es ist.

Warum funktioniert das nicht?

Technologie allein löst nicht unsere Probleme. Synthetische Kraftstoffe sind in der Herstellung extrem energieaufwendig. Wenn ich aber dieselbe Energie direkt in den Antrieb stecke, etwa bei einem batterieelektrischen Fahrzeug, dann ist die Energieausbeute viel höher. Dann liegt sie bei etwa 70 %. Wenn wir aber die kostbare regenerative Energie in 2 t schwere Elektro-SUV stecken, haben wir nichts gewonnen. Wir müssen also unsere Industriegesellschaft nachhaltig modernisieren.

Babyboomer sind am Drücker – politisch und vom Konsumniveau her

Sind alle Parteien dieser Ansicht?

Die konservativen und liberalen Parteien, tendenziell auch die SPD, haben die Vorstellung, Technologie würde alle Probleme lösen und alles andere könne für die Bürger bleiben wie es ist. Aber Technologie allein hat noch nie ein Problem auf dieser Welt gelöst. Hinzu kommt, dass gerade die Babyboomer am Drücker sind – politisch, finanziell und vom Konsumniveau her. Die zementieren gerade die Automobilnachfrage. Diese Generation ist gefräßig und konsumgeil und nicht bereit, sich einzuschränken.

Welche Parteien sind denn dann die glaubwürdigsten Vertreter nachhaltiger Technologieförderung?

Ich bin kein Parteigänger der Grünen, aber mit Blick auf die Wahlprogramme ist die grüne Technologiepolitik, ob Digitalisierung, Antriebstechnik, Sektorenkopplung oder erneuerbare Energien, am weitesten fortgeschritten. Wir brauchen Technologie und gleichzeitig brauchen wir soziale Veränderung. Das haben die Grünen ebenso begriffen wie die Tatsache, dass man Digitalisierung regulieren muss. Eine andere Digitalpolitik ist nötig; Infrastrukturen müssen ausgebaut und gleichzeitig reguliert werden, sonst wird daraus nichts. Das scheint mir bei den Grünen am weitesten ausgeprägt zu sein.

Stephan Rammler hält unsere Demokratie für disfunktional und generell zu langsam

Aber auch dort nicht genug?

Nein, weil es auch keine einfache Antwort darauf gibt – außer kämpfen, reden, streiten. Unsere Demokratie ist gemessen an den zivilisatorischen Herausforderungen insuffizient, disfunktional und generell zu langsam. Mit Blick auf das, was auf uns zukommt, werden wir diese Debatte noch in den nächsten Jahrzehnten führen müssen. Das ist nicht schön.

Was kommt denn auf uns zu?

Klimawandel, Klimaadaptation – da muss Deutschland als Land ohne eigene natürliche Ressourcen abhängig von seinem intellektuellen und kulturellen Kapital massiv in die Bildung der jungen Generation investieren. Wir müssen richtig viel Geld in die Hand nehmen, um die vorschulische, schulische und akademische Bildung zu fördern, um die jungen Leute zu ertüchtigen und resilient zu machen. Um sie auf ihrem Weg in die Wissenschaft zu unterstützen.

Deutschland könnte Exportweltmeister bei Nachhaltigkeitstechnologien werden

In welchen Bereichen könnte Deutschland denn international mit Innovationen punkten?

In der Nachhaltigkeitstechnologie, der Kreislaufökonomie, der Digitalisierung, der Energietechnik, den Materialwissenschaften – also in den Resilienz- und Anpassungstechnologien. Es gilt, Dämme zu bauen, flexible Infrastrukturen zu schaffen, die Welt mit Blick auf die Zukunft so zu gestalten, dass sie mit Krisen einigermaßen gut umgeht. So könnte Deutschland Exportweltmeister bei Nachhaltigkeitstechnologien werden.

Und wie?

Etwa beim Geoengineering, beim Abscheiden von CO2 oder anderen klimawirksamen Gasen aus der Atmosphäre, hier könnte ein Technologieführer wie Deutschland seine Alleinstellung im ökonomischen Weltmaßstab erhalten. Aber wir sind gerade dabei, etwa bei Digital-, Mobilitäts- und Energietechnologien unseren Vorsprung zu verlieren. Mit Forschung, Nachhaltigkeits- und Transformationstechnologien könnten wir das Ganze exportfähig machen – in Produktform ebenso wie in Geschäftsmodellen. Damit könnte Deutschland weiterhin ein enormes Maß an Wohlstand generieren.

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