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Samstag, 17. Februar 2018

Hightechfrühling

"Einfachheit ist so wichtig wie Zuverlässigkeit"

Von Heike Freimann | 22. November 2013 | Ausgabe 47

Als Student fing Thomas May im American-Football-Team der Ansbach-Grizzlies die gegnerischen Pässe ab. Weitsicht, Teamgeist und voller Einsatz sind auch in der Geschäftsführung von Ifm Electronic sein Erfolgsrezept. Seit 2007 treibt der promovierte Biologe hier die Entwicklung von Sensoren und Kommunikationstechnik für die Industrieautomation voran.

Thomas May
Foto: Heike Freimann

Kontinuierliche Hightechentwicklung: Ifm-Geschäftsführer Thomas May zeigt im Bild links die neue Generation der Fotomischdetektoren (PMD), die gegenüber dem Vorgängermodell (rechts) noch kompakter und kleiner gestaltet ist. Zu begutachten ist sie auf der Messe SPS/IPC/Drives vom 26. bis zum 28. November 2013 in Nürnberg.

Die "Spielfreude" auf dem Feld der Sensortechnik merkt man Ifm-Geschäftsführer Thomas May deutlich an: "Es ist schön, wenn man im Markt erkennt, dass man mit einem guten Produkt ein gutes Leben erreichen kann."

Der „Spielführer“ Thomas May

Als May 1990 vom Max-Planck-Institut zum Sensorhersteller in Tettnang wechselte, sollte er eigentlich die Möglichkeiten der Biosensorik ausloten: "Eine Aufgabe, die mir auf den Leib geschnitten war." Als Ifm das Thema nicht weiterverfolgte, bekam er das Angebot, die damals ganz neue Produktgruppe der Drucksensoren aufzubauen und bewies Stärke. Ab 1996 übernahm er erste Geschäftsführungsaufgaben in Tochterunternehmen, weitere folgten.

"Bei unserer Produktentwicklung geht es meist darum, mechanische Komponenten durch elektronische Lösungen zu ersetzen", erklärt May. "Einfachheit ist dabei genauso wichtig wie Zuverlässigkeit." Jede Fertigungsumgebung habe andere Anforderungen. "Deshalb gehen wir mit unseren Kunden nicht ins Büro, wir gehen in die Fabrik und diskutieren über Lösungsansätze."

Es seien oft Kleinigkeiten am Produkt, die beim Handling einen großen Unterschied machen, erklärt May an einer Kabeldose, die Ifm für einen Kunden mit starken Vibrationen an der Maschine entwickelt hat. "Eine spezielle Verrasterung verhindert hier, dass sich die Verschraubung der Kabeldose löst und Flüssigkeit in den elektrischen Bereich dringt."

Sensoren von Ifm erfüllen ihre Mess-, Steuerungs- und Regelungsaufgaben in unterschiedlichsten Branchen: auf Montagestrecken der Automobilhersteller, in der Lebensmittelindustrie, in Stahlwerken, Molkereien, Windkraftanlagen und sie sind bei den zugehörigen Ausrüstern im Einsatz. Rund 9 Mio. Sensoren pro Jahr produziert das Unternehmen weltweit. Eine rund 1100 Mitarbeiter starke Mannschaft stemmt den Verkauf in mehr als 70 Ländern. "Wenn man so unterschiedliche Kunden in so vielen Ländern bedient, hat man ein unheimlich breites Spektrum", sagt May begeistert.

Die große Klammer über allem sei die Fertigungsautomatisierung, auch wenn es Ifm-Sensoren heute beispielsweise als Teil von Keyless-Entry-Systemen an Fahrzeugen gebe. Der 54-Jährige weiß: "Die Automatisierungstechnik ist eine Wachstumsbranche." Und Ifm ist bis heute kräftig mitgewachsen.

Rund 4800 Beschäftigte zählen aktuell zur Belegschaft. Gut 10 % sind Ingenieure aus den Bereichen Mechanik und Elektronik. Lag der Umsatz 2005 bei rund 330 Mio. €, waren es 2012 schon über 615 Mio. €. 2018 will Ifm hier die Milliardenmarke knacken. Dazu May: "Ich erwarte ein dynamisches Wachstum bei optischen Sensoren." Wachstumsimpulse kämen vor allem aus China, den USA und Deutschland.

Der „Spielführer“ Thomas May

Dabei hat Ende der Sechzigerjahre alles ganz klein angefangen. Damals begegneten sich der Vertriebler Gerd Marhofer aus Essen und der Elektroingenieur Robert Buck aus dem Schwäbischen bei einer Maschinenabnahme im Elsass. Gemeinsam entwickelten sie einen Positionssensor, den induktiven Näherungssensor, der wie die damals üblichen mechanischen Grenzschalter nur zwei Adern brauchte, um das Schaltsignal weiterzuleiten. "Dadurch konnten wir die mechanischen Geräte eins zu eins substituieren", erzählt May. Da weder Buck noch Marhofer Senior die angestammte Heimat verlassen wollte, blieben sie damals einfach zu Hause. Buck baute in Schwaben die Produktion auf und Marhofer im Ruhrgebiet den Vertrieb. Bis heute sind die Produktentwicklung und knapp 90 % der Fertigung in Tettnang und der Bodenseeregion angesiedelt. In der Unternehmenszentrale in Essen hat das Produktmanagement Augen und Ohren nah am Markt. Mit dem Elektrotechnikingenieur Martin Buck und dem Betriebswirtschaftler Michael Marhofer hat 2001 die zweite Generation das Firmenruder übernommen.

Rund 600 Mitarbeiter arbeiten in der Forschung und Entwicklung. Damit Innovationen nah am Markt entstehen, arbeiten Teams aus Produktmanager und technischem Manager in enger Partnerschaft. "Sie müssen Chancen erkennen, die uns nach vorne bringen." 85 Patente hat das Unternehmen allein 2012 neu angemeldet. Über 600 Patente sind es insgesamt.

Wichtig sei auch der Blick über den Tellerrand, sagt May: "Wir integrieren neue Technologien und machen bei uns industrietaugliche Sensoren daraus". In Kooperation mit dem Siegener Mikroelektronikhersteller PMD Technologies, seit 2013 eine hundertprozentige Tochter von Ifm, hat das Unternehmen seit 2004 optische Sensoren, sogenannte Fotomischdetektoren (PMD) für stark belastete Industrieumgebungen entwickelt. Die Optosensoren bestimmen den Abstand von Objekten über die Laufzeitmessung eines vom Sensor ausgesendeten Lichts. Das Besondere: "Wir messen die Lichtlaufzeit im Halbleiter und integrieren das Sensorelement und die Signalverarbeitung auf Basis des PMD-Chip-Designs", erklärt May.

Mit dieser Halbleitertechnologie könne Ifm sehr kompakte Bauformen realisieren. "Daraus resultieren geringere Kosten und dadurch können wir einen breiteren Markt bedienen." Mit den ersten PMD-Sensoren gewann Ifm auf der Hannover Messe 2005 den Innovations-Preis Hermes Award. Auf der SPS/IPC/Drives stellt der Sensorhersteller jetzt im November eine neue PMD-Serie vor. Die Geräte sind deutlich kleiner und kompakter geworden. "Sie kommen jetzt hinsichtlich des Preises noch näher an die herkömmliche Lichtschranke heran", sagt der Geschäftsführer stolz.

Mit der Ifm-Tochter Datalink, vormals Handke Industrie-Technik, gehört seit 2012 auch ein Industrie-Softwareentwickler zur Unternehmensfamilie. Zwar gab es bis dato schon Software von Ifm zur Parametrisierung der Sensoren. Mit dem Zukauf betritt der Hersteller aber Neuland. "Die Idee ist, dass man auf Basis von Sensordaten auch Auswertungen fahren kann und Trends, z. B. zur Lebensdauer einer Maschinen, erkennt." Entstanden sei ein standardisiertes Softwaremodul auf der Basis einer Tracebility-Software von Handke. Unternehmen wie Bosch Thermotechnik, Leoni, Valeo und Vaillant zählten hier bereits zu den Kunden. "Aber das ist noch ein junger Spross", bremst May, "da sind wir am Anfang."

Der Automatisierungsexperte ist überzeugt: Mehr Datenverarbeitung, mehr Software, das sei künftig der Trend in der Fabrik. In Zukunft werde man auch eine stärkere Vernetzung sehen. "Industrie 4.0 ist eine außergewöhnliche Chance und der Standort Deutschland braucht eine außergewöhnliche Chance", sagt der Geschäftsführer entschieden. Man werde die Fabrik in Zukunft anders erschließen. "Unsere Aufgabe ist es, daraus Ansätze für mehr Produktivität und Effizienz zu gewinnen."

Seit ein paar Jahren setzt Ifm verstärkt auf eine Internationalisierung von Produktion und Entwicklung und hat seit 2011 neue Standorte in Singapur, in den USA und in Polen aufgebaut. "Wir sind ein international agierendes Unternehmen, da ist es gut, wenn wir auch technisch international aufgestellt sind", kommentiert May. Anders als in Deutschland sei hier auch der Zugang zu dringend benötigtem Ingenieurnachwuchs leichter. Für die deutschen Standorte sieht der gebürtige Franke aber keine Konkurrenz: "Hier ist unsere Heimat."

Was dem American-Footballer von seinem Sport bis heute geblieben ist, ist die Begeisterung – die Begeisterung, sich immer neu den Ball zu erobern und mit guten Produkten ein gutes Spiel zu machen. "Es macht Spaß, wenn die Rechnung aufgeht."  HEIKE FREIMANN

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