Gesundheit 25. Sep 2015 Renate Ell

„Bakterienfresser“ statt Antibiotika

Eine Alternative zu Antibiotika- Können Phagentherapien sie ersetzen?
Foto: panthermedia.net/ billiondigital

Derzeit wird die Therapie von infizierten Brandwunden mit Bakteriophagen – auf deutsch: Bakterienfressern – im EU-Projekt Phagoburn getestet; beteiligt sind Spezialkliniken in Frankreich, Belgien und der Schweiz sowie die kleine, auf Bakeriophagen spezialisierte Firma Pherecyces Pharma in Romainville nahe Paris.

„Bei Brandverletzungen ist das Risiko sehr hoch, dass Patienten an einer Infektion sterben, weil dem Immunsystem die Hautbarriere fehlt“, erklärt der Zellbiologe Jérôme Gabard von Pherecydes.

Die Firma hat Bakteriophagen für alle gängigen pathogenen Bakterien isoliert und so aufbereitet, dass sie als wässrige Lösung aufgetragen werden können. Sie suchen sich gezielt die Bakterienarten, auf die sie spezialisiert sind, injizieren denen ihre eigene DNA – und benutzen sie so quasi als „Brutnest“ für ihre Nachkommen. Diese werden frei, wenn die Bakterienzelle platzt, und damit stirbt.

Der Prozess läuft so lange, bis es keine Bakterien mehr in der Wunde gibt; dann sterben mangels Wirtszellen auch die Phagen. Das Ganze hat keinerlei Nebenwirkungen für den Menschen.

Entdeckt haben die Bakteriophagen vor rund 100 Jahren unabhängig voneinander der Brite Frederick Twort und der Franzose Félix d’Hérelle; letzterer befasste sich über Jahrzehnte mit der von ihm entwickelten Bakteriophagentherapie.

Mit dem Aufkommen der Antibiotika gerieten Bakteriophagen in westlichen Industrieländern in Vergessenheit – denn Medikamente sind schneller verschrieben und verabreicht. In Osteuropa aber  waren Antibiotika Mangelware, dort wurden Phagen angewendet und weiter erforscht.

Am Georg-Hirszfeld-Institut der Akademie der Wissenschaften im polnischen Breslau und am Giorgi-Eliava-Institut in Georgiens Hauptstadt Tiflis, benannt nach einem weiteren Phagen-Pionier, wird diese Tradition fortgesetzt. Beide behandeln Patienten, etliche aus dem Ausland, deren letzte Hoffnung Phagen sind. Etwa um die Amputation von Gliedmaßen mit nicht heilenden Wunden nach Unfällen oder Operationen zu verhindern – was immer wieder gelingt.

„Phagen wurden zwar schon lange verwendet, aber nie von heutigen Genehmigungsbehörden bewertet“, weiß Jérôme Gabard. Insofern betritt das Phagoburn-Projekt mit dem klinischen Test Neuland. „Die Produkte wurden ein bisschen wie Antibiotika bewertet, aber weil es ein lebendes Medikament ist, auch nach Kriterien für die Produktion von Impfstoffen.“

Passende Phagen zu finden, ist nicht schwer – sie kommen überall da vor, wo es auch Bakterien gibt. „Aber die Regelungen für die Aufbereitung sind sehr, sehr streng, die Anforderungen an die Reinheit treiben die Produktionskosten hoch“, erklärt Gabard. Im Projekt verwenden die Ärzte Phagenmischungen mit „Spezialisten“ gegen mehrere pathogene Bakterien.

Der Intensivmediziner Jean-Damien Ricard von der Diderot-Universität Paris möchte diesen Mix auf einem ganz anderen Gebiet anwenden. 30 % der Intensivpatienten, die künstlich beatmet werden, bekommen eine Lungenentzündung, da Bakterien über den Tubus leicht in die Atemwege gelangen. Diesen Patienten möchte Ricard die zusätzliche Belastung durch Antibiotika ersparen, sie könnten stattdessen ein Aerosol mit Phagen inhalieren.

Bei Mäusen, die mit einem Bakterium vom Stamm E.coli infiziert wurden, klappt das schon: „Ohne Behandlung sterben alle Mäuse. Bekommen sie aber nur eine Dosis Bakteriophagen, überleben alle. Die Zahl der Bakterien in der Lunge geht genauso stark zurück wie bei einer Behandlung mit Antibiotika – die aber muss man mehrmals geben.“ Und haben, anders als Phagen, oft Nebenwirkungen. Für einen klinischen Test fehlt Ricard allerdings die Finanzierung.

Auch in Deutschland sind Krankenhausinfektionen ein Problem, antibiotikaresistente Bakterien eine wachsende Bedrohung. Sollte da nicht ein Verbandsmaterial, das gefriergetrocknete Phagen enthält, hochwillkommen sein?

Dirk Höfer hat es entwickelt, am Hohenstein-Institut für Textilinnovation im schwäbischen Bönnigheim. Experimente mit künstlichen Wunden, also Bakterienkulturen, zeigten, dass genug Phagen durch die Feuchtigkeit einer Wunde „wiederbelebt“ werden können, um die Bakterien zu bekämpfen und damit die Wundheilung zu ermöglichen, selbst wenn die Wunde von abgestorbenem Gewebe bedeckt ist. Trotzdem liegt das Verbandsmaterial seit vielen Jahren in der Schublade, weil sich kein Unternehmen findet, das gemeinsam mit dem Institut einen klinischen Test durchführt.

Noch in der Laborphase sind zwei Phagentherapeutika der Phasan AG im hessischen Butzbach. Das erste soll bei Patienten, vor allem auf Intensivstationen, eine bakterielle Infektion der Nase und deren Ausbreitung in den Rachenraum unterbinden. Das zweite ist ein Therapeutikum für Wunden, hier arbeitet die Firma mit der Deutschen Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung zusammen.

Es ist zu hoffen, dass Phagoburn als EU-Projekt das Eis bricht für weitere klinische Tests. Schon deshalb, weil sich die Europäische Arzneimittelagentur im Zuge des Genehmigungsverfahrens erstmals mit Phagen befassen musste. Im Juli 2016 soll es Ergebnisse geben.

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