Medizintechnik 29. Sep 2016 Susanne Donner

Kunstherz heilt die eigene Pumpe

ReinHeart – das kleinste Kunstherz der Welt, entwickelt am Institut für Angewandte Medizintechnik der RWTH Aachen.
Foto: CVE/AME – RWTH Aachen

Eine Bronchitis hatte sich auf Robert Pfeiffers Herz gelegt. Gewöhnlich faustgroß nahm das Organ die Ausmaße eines Handballs an und pumpte immer weniger Blut. Der 53-Jährige fühlte sich matt und konnte kaum noch sprechen – typische Symptome einer Herzschwäche. Nur ein Spezialgerät, ein Kunstherz, konnte sein Leben noch retten.

Seit dem 9. September 2014 steckt in seinem Brustkorb eine Pumpe aus Metall, so groß wie eine Bonbondose, in der ein Rotor, ähnlich einer Schiffsschraube, das Blut in die Gefäße drückt. Er dreht sich gleichmäßig, sodass Pfeiffer nun keinen Puls mehr tasten kann. Über ein Loch in seiner Bauchdecke führt ein Kabel von einer schwarzen Tasche mit zwei Akkus zum Kunstherz. Ohne Strom würde sein Herz aufhören zu schlagen.

Es ist ein Segen, dass er lebt. Aber er darf nicht mehr duschen oder schwimmen. Würde entlang des Kabels Wasser eindringen, könnte es einen Kurzschluss oder eine lebensbedrohliche bakterielle Infektion geben. Weil sein Leben vom Strom abhängt, scheut Pfeiffer lange Zugfahrten und traut sich nicht mehr ins Flugzeug. Damit sich in der metallenen Pumpe keine Gerinnsel bilden, die einen Schlaganfall auslösen, muss er starke Blutverdünnungsmittel nehmen.

Ein paar Jahre können Patienten mit Kunstherz überbrücken, bis sie mit Glück ein Spenderorgan bekommen. Damit leben sie im Schnitt noch einmal zehn bis fünfzehn Jahre. Pfeiffer ist 53 Jahre alt, Unternehmensberater, und hatte immer ein grenzenloses Urvertrauen in seinen Körper. Nun aber ist ihm plötzlich der Tod so nah.

Mehr als tausend Menschen leben hierzulande mit einem Kunstherz. 1982 bekam der erste Patient an der Universitätsklinik in Utah ein solches Gerät und überstand damit mehr als drei Monate – trotz etlicher Thrombosen. Bis heute ist es Lebensretter, schränkt aber die Lebensqualität ein. Deshalb würden wohl alle Patienten lieber auf das Implantat verzichten.

Pfeiffers Schicksal scheint vorgezeichnet, wäre da nicht eines der großen Mysterien der Medizin. Bei einigen Kranken erholt sich das echte Herz, während der eingebaute Rotor das Blut durch ihren Körper pumpt. Es kann ihnen später sogar wieder entnommen werden – das nennt man Explantation. Am Deutschen Herzzentrum Berlin, das weltweit die meiste Erfahrung damit hat, sind es rund 5 % der Patienten mit Kunstherz. Insgesamt haben Chirurgen dort rund 130 Personen das Gerät wieder entnommen. In einer laufenden Studie in den USA kann sogar etwa jeder Fünfte später wieder auf die Pumpe verzichten.

Warum sich das geschwächte Organ erholt, wenn eine Maschine seine Arbeit zum Teil übernimmt, haben die Spezialisten bis heute nicht ganz verstanden. Die Muskelfasern des Herzens sind anders beschaffen als jene Muskeln, die wir zum Sport brauchen. Letztere werden bekanntlich schwächer, wenn man nicht trainiert.

Beim Herz ist es umgekehrt: Seiner Aufgabe entledigt, regenerieren sich die Zellen. Und nicht nur das. Bei einer Herzschwäche dehnt sich der Muskel oft auf die Größe eines Handballs aus. An der Pumpe schrumpft er meist wieder auf seine natürliche Form.

„Das Kunstherz selbst ist die wirksamste Therapie für das Herz überhaupt. Die Menge des Blutes, das es pumpt, steigt in einem halben Jahr oft um das Fünffache. Das schafft kein Medikament“, sagt Craig Selzman, Herzspezialist an der University Utah. Bei jedem Patienten erholt sich das Herz unter dem Kunstherz zumindest ein bisschen. „Aber bei einigen Patienten geht es soweit, dass wir die Pumpe entfernen können“, sagt Thomas Krabatsch, Kardiologe am Deutschen Herzzentrum Berlin. Es seien vor allem die jüngeren Patienten, die sich gut regenerieren. Und jene, deren Herz nicht viele Jahre geschwächt war.

In den ersten Tagen mit Kunstherz kann Pfeiffer weder laufen, noch sprechen oder essen. Hebt er den Kopf, wird ihm schwindelig. Doch er kämpft, und seine Frau, die fest daran glaubt, dass er wieder auf die Beine kommt, sagt zu ihm: „Die Pumpe, die kommt wieder raus.“ Wenige Wochen später kann er in der Rehaklinik immerhin 600 m in 6 min zurücklegen. Die Ärzte staunen. Sein Herz hat fast wieder Normalgröße erreicht.

Doch die Pumpe auszubauen, ist ein lebensbedrohliches Wagnis. Man kann sie vorher nicht einfach ausschalten und prüfen, ob das Herz wieder bei Kräften ist. Nach wenigen Minuten könnte das Blut in dem Metallgehäuse gerinnen und beim Einschalten würden die Klumpen ins Gehirn schießen und einen Schlaganfall hervorrufen. Deshalb behilft man sich mit einem Trick: Die Ärzte regeln die Leistung der Pumpe für ein paar Minuten herunter. In dieser Zeit misst ein Kardiologe die Herzleistung und den Blutdruck und beobachtet die Herzkammern in einer Ultraschallaufnahme. Als Pfeiffer im April 2015 diese Probe aufs Exempel macht, spielt sein echtes Herz die Aufgabe einwandfrei.

Und doch müssen die Chirurgen etwa 1 % bis 2 % der Patienten, denen sie das Implantat ausbauen, es dann rasch wieder einsetzen, weil das Organ nach kurzem erneut überfordert ist. Der Eingriff ist deshalb bis heute riskant. Dabei hatte der Berliner Herzspezialist Roland Hetzer schon vor zwanzig Jahren zum ersten Mal erfolgreich ein Implantat entfernt. Der damals 40-jährige Patient ist heute 60 Jahre alt und gesund. Doch mit der Explantation kurierte Hetzer keine Krankheit. Er half nur einem Kunstherzträger und damit einem bereits Therapierten. Weil Ärzte dafür kaum Ruhm ernten, gab es nur wenig Nachahmer. Bis heute bieten die allermeisten Kliniken die Explantation gar nicht an. „Sie haben damit keine Erfahrung, und es ist ihnen zu riskant. Und noch wichtiger: Die Patienten können ja auch mit Pumpe leben“, sagt Krabatsch. „Viele Ärzte schauen nicht einmal nach, ob der Herzmuskel sich erholt“, sagt sein amerikanischer Kollege Selzman.

Erst in den letzten ein, zwei Jahren ist Bewegung in die Szene gekommen. Der amerikanische Kunstherzhersteller St. Jude Medical finanziert aktuell die erste große Studie zur Explantation mit insgesamt vierzig Patienten, die an fünf Zentren läuft. Die Erfahrungen des Deutschen Herzzentrums Berlin zeigen, dass eine Pumpe, die das Blut mit einem Puls in die Gefäße befördert, so wie der natürliche Hohlmuskel, die Erholung des Herzens besser unterstützt. Denn nur diese Pumpen entleeren und füllen die Herzkammern rhythmisch. Doch jahrelang gab es nur pulslose Pumpen, weil diese kleiner sind. Aber im Oktober 2015 ließen die EU-Behörden das neueste Gerät des US-Herstellers HeartMate III zu. Es pumpt das Blut mit einem Puls. Auch der US-Konkurrent HeartWare entwickelt derzeit eine solche Pumpe. „Wenn wir damit jeden Patienten, der ein Kunstherz braucht, kurzzeitig ans Gerät anschließen und es dann wieder entfernen könnten, und hinterher ist die Herzkrankheit weg, wäre das ein Traum“, sagt Krabatsch.

Zehn Monate, nachdem Pfeiffer mit Blaulicht ins Herzzentrum gebracht wurde, liegt er wieder auf dem OP-Tisch. Die Ärzte wollen testen, ob sein echtes Herz die Arbeit wieder übernimmt. Der Patient hat diesem Tag entgegen gefiebert. Als er von der Operation erwacht, geht sein Blick sofort neben sein Bett. Die schwarze Tasche mit den Akkus ist nicht mehr da. Die Chirurgen haben ihm das metallene Gerät mit dem Rotor aus dem Brustkorb entnommen. Für ihn ist es das größte Glück.

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