Gewebe- und Organspende 02. Jan 2023 Von Bettina Reckter

Transplantation: Mangel an Herzklappen, trotz gestiegener Zahlen an Gewebespenden

Immer mehr Menschen spenden Gewebe. Doch was fehlt, sind lebenswichtige Herzklappen. Diese ernüchternde Bilanz zieht die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) für das vergangene Jahr.

Eine Gewebetransplantation kann Leben retten. Trotz mehr Gewebespenden mangelt es an Herzklappen.
Foto: DGFG

Es ist ein neuer Rekord, und dennoch viel zu wenig: Im Jahr 2022 spendeten 3070 Menschen Gewebe, so die aktuellen Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG). Mit 448 Gewebespenden lag Nordrhein-Westfalen an der Spitze der Bundesländer, dicht dahinter Sachsen mit 446 Gewebespenden. Immerhin: 7111 Patientinnen und Patienten erhielten im vergangenen Jahr ein Gewebetransplantat aus dem Netzwerk der DGFG.

Dennoch: Die Zahl der Spenden ist viel zu gering. Vor allem mangele es an Herzklappen, vermeldet die DGFG. Den Grund dafür sieht sie im allgemeinen Rückgang der Organspende, aus der der Großteil an Herzklappen gewonnen wird. Zusätzlich erschwere das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende aus dem vergangenen Jahr die Patientenversorgung erheblich, so die DGFG. Die darin festgeschriebenen Zugriffsbeschränkungen auf das geplante Register würden den Spendeprozess behindern und zu einem erheblichen Einbruch der Spendezahlen führen.

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Fatale Folgen für die Patientenversorgung mit Gewebespenden

„Das im März 2022 in Kraft getretene Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende wird in dieser Form zu einem Ausbremsen unserer Arbeit in der Gewebespende führen“, meint Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG. Für jeden einzelnen Fall sei man auf die Auskunft aus dem Register, die nur über bevollmächtigte Klinikangestellte mit einem elektronischen Heilberufeausweis abgerufen werden könne, angewiesen. „Bei rund 45 000 Fällen pro Jahr, die wir bei der DGFG bearbeiten, und begrenzten Zeit- und Personalressourcen auf Klinikseite kann das nicht funktionieren.“

Die Zeitfenster, innerhalb derer eine Gewebespende überhaupt möglich ist, seien mit diesem extremen Organisationsaufwand für das Abrufen einer möglichen Entscheidungsdokumentation nicht einzuhalten, beklagt Börgel. „Diese Gesetzesreform macht deutlich, dass auf politischer Seite eine völlige Unkenntnis über die Prozesse in der Gewebespende bestehen. Noch immer haben wir in der Gewebespende mit einem Mangel, vor allem an Herzklappen zu kämpfen. Das Netzwerk der DGFG stemmt die Hälfte der Patientenversorgung mit Gewebetransplantaten. Damit das so bleiben kann, muss dringend gehandelt werden.“

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Immer mehr Transplantationen von Augenhornhaut, immer weniger Herzklappen

Von den 7111 gezählten Gewebetransplantaten im vergangenen Jahr waren 4366 Hornhauttransplantate. Mit 83,5 % ist damit die Augenhornhaut das am häufigsten gespendete Gewebe. Insgesamt meldet die DGFG Spenden von Augenhornhäuten, Herzklappen, Blutgefäßen und Amnionmembranen sowie von Knochen, Sehnen und Bändern, den sogenannten muskuloskelettalen Geweben (MSG). Im Rahmen dieser 28 MSG-Spenden konnten 388 Präparate gewonnen werden.

Im Jahr 2022 spendeten mehr als 3000 Menschen Gewebe, wie z.B. Augenhornhaut.
Foto: DGFG

Dramatisch aber sieht es bei der Versorgung mit Herzklappen aus: Nur 144 Herzklappen konnten 2022 zur Transplantation vermittelt werden. „Bei mehr als 300 Anfragen für eine Herzklappe ist das bedeutend zu wenig“, sagt Börgel. „Gerade junge Patientinnen sind auf humane Herzklappen, die mitwachsen können und keine blutverdünnenden Medikamente erfordern, angewiesen.“

Im Unterschied zur Organspende ist die Gewebespende nicht an die Hirntoddiagnostik gebunden. Eine Entnahme von Herzklappen und Gefäßen ist bis zu 36 Stunden, eine Augenhornhautspende sogar bis zu 72 Stunden nach Todeseintritt möglich. „Wir haben in der Gewebespende nicht die Situation, dass eine Herzklappe genau wie ein Herz binnen vier Stunden nach Entnahme implantiert werden muss. Wir haben bis zu 36 Stunden Zeit, das Herz zu entnehmen und in eine Gewebebank zur Aufbereitung zu bringen“, erklärt DGFG-Geschäftsführer Börgel.

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