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Sonntag, 20. Januar 2019

Upcycling

Geisternetze aus dem Meer gefischt

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 31. Mai 2018 | Ausgabe 22

Das Hamburger Start-up Bracenet sammelt losgerissene oder absichtlich versenkte Fischernetze aus den Weltmeeren und fertigt daraus Sinnvolles an.

Aus den Unternehmen (2)
Foto: Bracenet

Aus alt mach neu: Aus einem Haufen zerrissener Netze entstehen in Handarbeit Armbänder, Schlüsselanhänger und bald auch Hundeleinen und sogar Taschen.

Die Vermüllung der Meere hat dramatische Ausmaße angenommen. Auch aufgegebene oder verlorene Fischernetze, sogenannte Geisternetze, tragen dazu bei. Sie driften durch die Meere und fangen alles auf, was ihnen begegnet. Oder sie werden nach und nach zu Mikroplastik zerrieben und gelangen so in die Nahrungskette.

Bracenet

Schätzungsweise 640 000 t solcher Netze landen jedes Jahr in den Meeren – sie machen etwa ein Zehntel des Plastikmülls dort aus. Seit der Gründung 2015 bis Ende 2017 hat das Hamburger Start-up Bracenet bereits 2 t solcher Netze ohne Inhalt herausgefischt und daraus schicke Armbänder – englisch: bracelets – angefertigt.

Die Firmengründer Madeleine von Hohenthal und Benjamin Wenke stießen im Tauchurlaub an den Küsten von Sansibar und Ostafrika immer wieder auf im Wasser treibende Fischernetze, in denen sich Schildkröten verfingen. Die Netze waren von den Fischern aufgegeben worden. „Jeden Tag wurden wir erneut damit konfrontiert“, erzählt Wenke.

Foto: Bracenet

Die Firmengründer mit dem großen Engagement: Madeleine von Hohenthal (r.) und Benjamin Wenke.

„Uns war aber auch klar, dass es nicht genügen würde, das zu dokumentieren und in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen“, sagt Wenke. Man sehe die Bilder, sei geschockt, klickt weiter, und dann kämen schon die nächsten Nachrichten. „Wir wollten etwas Nachhaltigeres machen.“

Noch während des Urlaubs begannen sie eher spielerisch, mit den Fischernetzen zu basteln, und entwarfen erste Armbänder. Wieder zuhause nahmen sie zunächst Kontakt zu Ghost Fishing und zu Healthy Seas auf. Die beiden Organisationen arbeiten mit ehrenamtlichen Tauchern zusammen, um die Geisternetze zu bergen. So konnten sie an Bergungsfahrten teilnehmen und wieder dokumentieren, wie sich Tiere und Müll in den aufgegebenen Netzen verfangen.

Es sind nicht nur kleine Fischer, die Netze verlieren, weil sie an Wracks hängenbleiben. Oder die löcherige Netze einfach im Meer entsorgen. Auch große Trawler kippen nach monatelangen Fischzügen ihre bis zu 100 km langen Netze ins Meer, um noch 20 t Thunfisch zuladen zu können. Solche Netze können oft schon allein aufgrund von Gewicht und Größe nicht komplett geborgen werden. „Bei unseren größten Bergungsgängen konnten wir jeweils 2 t bis 3 t inklusive Müll einholen“, berichtet Wenke. Das sei jeweils ein Vielfaches des Gewichts eines einzelnen Netzes.

Was anfangs eher ein ehrenamtliches Engagement aus Überzeugung war, hat sich binnen drei Jahre zu einem Start-up entwickelt. Die beiden Hamburger steckten ihr Erspartes für eine Weltreise ins Unternehmen und gaben ihre gut bezahlten Kommunikationsjobs auf. „Wir mussten die Gürtel schon enger schnallen und den Lebensstandard ordentlich reduzieren, aber das war es uns wert“, sagt Benjamin Wenke.

Einen Schlüsselmoment habe es für die Unternehmensgründung nicht gegeben. „Es war eher so, dass wir uns selbst immer wieder daran erinnerten und gegenseitig motivierten“, meint Wenke. Auch schickten Familienangehörige und Freunde den beiden immer wieder Netzfunde. „Irgendwie wurden wir täglich an die Sache erinnert, was das kleine Feuer für die Sache immer wieder entfacht hat.“ Aus anfangs 50 gebastelten Bracenets wurden schnell mehr. Dafür werden die Netze zunächst gereinigt, dann zerteilt. Die Armbänder erhalten einen Verschluss aus rostfreiem Edelstahl. Auf einem HangTag an der Verpackung ist eine Nummer aufgeprägt, anhand derer jeder Käufer herausfinden kann, von welchem Netz sein Armband stammt.

„Die Nummer ist ein Statement am Handgelenk, das nicht nur den Käufer an das Thema Geisternetze erinnert, sondern auch die Aufmerksamkeit von anderen weckt“, hofft Madeleine von Hohenthal.

Das Geschäftsmodell ist einfach: Ein Armband kostet 19 €. 10 % des Erlöses geht an die Partnerorganisation Healthy Seas, die u. a. weitere Bergungsfahrten und Equipment für die Taucher finanziert. Im vergangenen November konnten Wenke und Hohenthal einen Scheck über 7500 € an die Organisation überreichen.

Ihre Website ist professionell gestaltet – kein Wunder: Beide arbeiteten früher in der Werbeagentur Jung von Matt. Und prominente Unterstützer konnten sie mit Reinhold Messner, Michael Kessler und Collin Benjamin auch bereits gewinnen. Matthias Schweighöfer trug ein Bracenet in seinem neuen Film. Zu den Kunden zählen inzwischen die Deutsche Telekom, Werder Bremen, Microsoft XBOX, Austin Airlines, Condor und Lufthansa.

Bracenet arbeitet mittlerweile auch mit der norwegischen Firma Nofir AS zusammen: Die ist schon länger im Geschäft und bewältigt daher größere Volumina. Innerhalb von nur vier Jahren sammelte sie 20 250 t Geisternetze aus vier Kontinenten ein.

Die Bergungsfahrten zeigen inzwischen Wirkung: Fischer geben immer öfter an, wenn sie Netze im Meer verloren haben. Manche liefern alte Netze auch direkt bei den Upcyclingfirmen ab. In Fabriken in Litauen und der Türkei werden sie vorbereitet. Anschließend wird das Material von Healthy Seas zu Econyl-Yarn und von Nofir zu Teppichen und anderen Produkten verarbeitet.

Die Hamburger Gründer befinden sich auf einem guten Weg: Zwei Jahre nach der Gründung konnten sie zusätzlich zu ihren eigenen Stellen eine Vollzeitstelle einrichten. Zudem arbeiten sie mit zwei Behindertenwerkstätten in Neumünster und Duisburg zusammen. Daran soll sich auch nichts ändern, weshalb sie größere Produktionsaufträge, die mit höherem Zeitdruck verbunden gewesen wären, bislang ablehnen mussten.

Auch die Produktpalette von Bracenet hat sich stetig erweitert: Inzwischen gibt es Schlüsselanhänger, Fairtrade-Pullover und Beutel aus Bio-Baumwolle, in Vorbereitung sind Taschen und Hundeleinen. „Die Leinen werden komplett aus den Fischernetzen bestehen, die Taschen sowohl aus Econyl als auch den Netzen“, berichtet Wenke.

Neben dem Upcycling geht es den beiden Gründern vor allem darum, das Entsorgen im Meer zu verhindern. Derzeit sitzen sie an einem Konzept zu „Ideenmanagement und innerbetrieblicher Kommunikation in Unternehmen, um deren Plastikkonsum zu reduzieren.“ber