Rüstungsindustrie 20. Feb. 2026 Sebastian Becker Lesezeit: ca. 5 Minuten

Rüstungsindustrie: Wie Polen auf einen gewaltigen Entwicklungsmarkt setzt

Polen forciert seine neue, vielschichtige Militärstrategie. Ein Teil davon betrifft besondere Technologien – ein riesiger und anspruchsvoller Markt.

Wachstumsmarkt: Polen investiert kräftig in Drohnen und weiteres Militärgerät
Wachstumsmarkt: Polen investiert kräftig in Drohnen und weiteres Militärgerät.

Polen, das früher als arm und rückständig galt, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gegenüber dem Westen aufgeholt. Ein Segment, wo man dies besonders sieht, ist das Militär: So hat Warschau 2025 fast 5 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dafür ausgegeben. Der Wert ist nicht nur einsame Spitze in der Nato, sondern auch noch höher als die Ausgaben der USA von rund 3 %, die politisch die Welt dominieren. Deutschland kam auf rund 2 % und befindet sich innerhalb des Militärbündnisses weit dahinter.

Jetzt hat das größte östliche EU-Land einen wichtigen Schritt gemacht, um seine vielschichtige Militärstrategie umzusetzen: Im Krakauer Technologiepark (KPT) wurde das Innovationszentrum „Fort Kraków – Diana Accelerator Poland“ eröffnet, in dem sieben internationale Firmen spezielle Technologien entwickeln. Der KPT betreibt es gemeinsam mit der Technischen Akademie für Bergbau und Hüttenwesen. Dieses Projekt hat zum Ziel, die Verteidigungsbereitschaft der Nato gegen Russland zu stärken.

Rüstungsindustrie: Deep Technologies aus Polen

„Wir müssen uns auf die Beschleunigung konzentrieren – das heißt, auf die Steigerung des Tempos“, sagte der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz, der keine Investitionsvolumina nennt. Es gehe darum, „Deep Technologies“ zu stärken, also komplexe technologische Lösungen für das Militär zu entwickeln. Das Vorhaben, das auch mit Mitteln des polnischen Finanzministeriums unterstützt wird, findet im Rahmen des gleichnamigen Nato-Netzwerkes „Defence Innovation Accelerator for the North Atlantic“ (DIANA) statt, das Start-ups und Technologiefirmen verbindet. Es ist das erste Mal, dass in Polen ein solches Zentrum entsteht.

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„Unserer Land hat sich um dieses Projekt beworben, weil wir nicht nur Förderer von Talenten sein wollen, sondern auch ein Land, das Innovatoren einlädt, mit ihnen zusammenarbeitet und ihnen Wissen vermittelt“, erklärte Bartosz Józefowski, der stellvertretende Direktor für Industrie 4.0. beim KPT, gegenüber VDI nachrichten. Krakau sei ausgewählt worden, weil die Einrichtung, die eine der größten Zentren für Innovation in Polen sei, schon früher mit der Regierung zusammengearbeitet habe. „Wir haben große Erfahrung mit anspruchsvollen Industrien, so Józefowski.

Polen: Kauf von Drohnenabwehrsystem mit EU-Mitteln

Zu Jahresanfang reagierte Polen mit einem ganzen Bündel an Aktionen auf die ständige Bedrohung durch Russland. Dabei sieht die vielschichtige Militärstrategie unterschiedliche Maßnahmen vor: So hat die polnische Regierung eine Woche nach der Eröffnung des Zentrums den Kauf des Drohnenabwehrsystems SAN präsentiert. Dies wird mit EU-Mitteln finanziert. Der internationale Dienst Aviacion Line berichtet von einem Wert von umgerechnet 3,8 Mrd. $. Im September hatte Russland massiv mit Drohnen den polnischen Luftraum verletzt. Mitunter waren die Flugobjekte sogar über Warschauer Regierungsgebäuden aufgetaucht – und hatten die ganze Verwundbarkeit Polens in dieser Hinsicht gezeigt.

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Darüber hinaus sicherte sich die Regierung gleichzeitig eine weitere Investition des deutschen Herstellers MAN Trucks, der ganz in der Nähe von Krakau, in Niepołomice, ein Werk betreibt. Es geht unter anderem darum, Lkw zu produzieren, die „dual use“ verwendet werden können. Das bedeutet, die Fahrzeuge werden sowohl für die Armee als auch für zivile Zwecke genutzt. Der polnische Fachdienst Forsal.pl spricht von einer Investitionssumme von 5 Mrd. Złoty oder 1,2 Mrd. €. Es gehe um rund 1000 neue Arbeitsplätze. „Eine gigantische Investition“, schreibt das Nachrichtenmagazin „Wprost“.

„Zeigt, wie attraktiv Polen für internationale Investoren ist“

„Dies zeigt, wie attraktiv Polen für internationale Investoren ist“, sagte Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz. Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung des Nato-Innovationszentrums betonte das Regierungsmitglied noch einmal die Bedeutung der Zusammenarbeit mit MAN, ohne allerdings die indirekte Militärkooperation mit Deutschland zu unterstreichen, die damit verbunden ist. Politisch bleibt das Verhältnis zwischen beiden Ländern nach wie vor schwierig – des Ukrainekriegs und des gemeinsamen Gegners zum Trotz. „Die polnische Regierung ist seit zwei Jahrzehnten Partner von uns“, erklärte ein Sprecher von MAN auf Anfrage von VDI Nachrichten noch einmal vorsichtig die Hintergründe.

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Genauso wie MAN spielt das neue Nato-Innovationszentrum in Krakau eine wichtige Rolle in der Militärstrategie. „Wir unterstützen die Armee und die Soldaten dabei, die Herausforderungen und den technologischen Bedarf zu benennen“, sagte Józefowski vom KPT. Das Geschäft, neue Technologien und die Armee – dies seien Welten für sich. „Und wir sind diejenigen, welche die Welten erklären“, so Józefowski. In der Praxis suche das Zentrum neue Innovatoren, um reale Probleme zu lösen. „Darüber hinaus signalisieren wir unseren Wissenschaftlern, welche Richtung wichtig ist“, fügte er hinzu. Andererseits sei das Institut Partner des Ministeriums, um ihm die Sprache der Technologiefirmen und die Entwicklungen zu erklären, die am Markt stattfinden.

Militärausgaben explodieren weltweit

Hintergrund: Das KPT will somit vom Militärmarkt profitieren, der global nahezu astronomische Ausmaße hat. So schätzt das Stockholmer Institut für Friedensforschung Sipri die Umsätze der größten 100 Rüstungshersteller weltweit für 2024 auf umgerechnet 679 Mrd. $. Den Löwenanteil machen mit rund 50 % die USA aus. Europa mit Großbritannien kommt auf mehr als 20 %. Russland, das 2024 gegenüber dem Vorjahr um 23 % zugelegt hat, erreicht 4,6 %. Der Ukrainekrieg sei ein Grund, warum die globalen Erlöse gegenüber dem Vorjahr um 5,9 % gewachsen seien, so das Sipri.

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Somit lässt sich dieser relativ neue technologische Teil des Marktes, den das KPT im Auge hat, wohl auch auf eine sehr hohe Summe im Milliarden-Dollar-Bereich taxieren. Denn der Großteil der Waffen funktioniert mittlerweile auf der Grundlage von Technologie. Die Branche gilt als eine der schwierigsten Märkte weltweit. Ein Grund dafür ist, dass das Militär unter extremen Bedingungen operiert. Deswegen muss die Technologie ungewöhnlich entwickelt sein. Oft gibt es auch nur einen Käufer: nämlich die Regierung des jeweiligen Landes.

Polen will „im Weltraum einen Vorsprung aufbauen“

„Seit einem Jahr gehören zu unseren wichtigsten Projekten autonome Fahrzeuge, die fliegen – also Drohnen –, und solche, die zu Land fahren“, erklärt Józefowski. Ein weiteres wichtiges Feld sei die kosmonautische Technologie. „Wir müssen uns darauf konzentrieren, im Weltraum einen Vorsprung aufzubauen“, so der Fachmann. Und bei der Erschließung dieses Marktes hat sich die polnische Einrichtung zur Aufgabe gemacht, in Polen eine Pionierarbeit zu leisten. Denn bislang wissen nur sehr wenige davon, dass es diesen Markt überhaupt gibt.

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„Das Bewusstsein unter den jungen Ingenieuren, Technikern und Programmierern, was für Herausforderungen die Armee hat, ist nur schwach entwickelt“, so Józefowski. „Wir unterrichten deswegen unsere Talente in dieser Hinsicht“, fügte der Fachmann hinzu, der die zukünftige Entwicklung übrigens unabhängig vom Krieg in der Ukraine sieht: „Das Ende des Krieges ist zwar für alle wichtig“, sagte der KPT-Vertreter. Doch selbst wenn er beendet sei, werde weiterhin die Notwendigkeit bestehen, Militärprodukte zu entwickeln. „Selbst wenn Russland nicht direkt mit der Armee in das Nato-Gebiet einmarschiert, dürfte der hybride Krieg andauern oder der Rüstungswettlauf wird wohl weitergehen, wie wir ihn in bereits auf der Geschichte kennen“, glaubt Józefowski. Die Pläne seines Instituts erstrecken sich erst mal über drei Jahre. „Doch hält die Bedrohung insgesamt noch wohl zwischen 20 und 30 Jahren länger an.“ Und das werde für Ingenieure ein sehr interessantes Feld bleiben.

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