Medizintechnik 26. Feb 2016 Brigitte Stahl-Busse

Kombiverfahren bei Prostatakarzinom

Probleme mit der Prostata? Vielen Männern kann mittlerweile mit Behandlungsmethoden geholfen werden, die das umliegende Gewebe schonen.
Foto: panthermedia.net/dolgachov

Moderne Hifu-Geräte arbeiten mit dem Import von zuvor erstellten MRT-Bildern, die während des Ultraschalleingriffs die Prostata und das entsprechende Tumorareal markieren. Ein neuartiges, dünnes Ultraschallgerät der kanadischen Firma Profound Medical kommt hingegen, wenn es in der Harnröhre positioniert ist, direkt im Magnetresonanztomografen zum Einsatz – mit dem Vorteil einer Echtzeittemperatur- und hochauflösenden Therapiekontrolle.

Für Kassenpatienten kostenfrei

Insgesamt 20 Hifu-Geräte des Typs Focal One werden in deutschen Kliniken im Rahmen einer medizinischer Studie betrieben.

Die Nutzung dieser Geräte ist für Kassenpatienten kostenfrei verfügbar, sofern sie zur Studie zugelassen werden.

Vom Typ Sonablate 500 (dritte Generation), das nach dem gleichen Prinzip wie Focal One arbeitet, gibt es in Deutschland nur ein Gerät: an der Klinik für Prostata-Therapie in Heidelberg.

Das neue Gerät MRI-Tulsa wird im Rahmen einer Zulassungsstudie demnächst in Heidelberg und Köln betrieben.

Es könnte vielen Männern das Leben retten. Denn allein in Deutschland erhalten rund 65 000 Patienten pro Jahr die Diagnose Prostatakrebs. Die jährliche Todesrate liegt deutschlandweit bei etwa 12 000. Mögliche Behandlungen reichen – je nach Stadium und Aggressivität des Tumors – von einer aktiven Überwachung ohne Operation über eine Verödung per Ultraschall oder eine Strahlentherapie bis hin zur Totaloperation mit anschließender Nachbestrahlung.

Gefürchtet sind vor allem die möglichen Folgen einer radikalen Prostatabehandlung, allen voran Inkontinenz und Impotenz. Daher besteht bei lokal begrenzten Tumoren ein großes Interesse daran, schonendere Methoden wie etwa Hifu einzusetzen. Die hierbei entstehende Hitze von 80 °C bis 100 °C Celsius zerstört das im Fokus befindliche Gewebe.

Hifu wird seit über 15 Jahren eingesetzt und durchläuft momentan eine Modernisierung. Seit 2014 bietet die Firma Edap TMS im französischen Vaulx-en-Velin mit Focal One ein Gerät an, das mit zuvor erstellten MRT-Bildern arbeitet. Das gleiche Prinzip verfolgt das amerikanische Unternehmen SonaCare Medical mit dem Gerät Sonablate 500.

Über ein solches System verfügt seit Dezember 2015 auch die private Klinik für Prostata-Therapie in Heidelberg. Zunächst wird dorthin eine dreidimensionale MRT-Aufnahme der Prostata sowie von dem verdächtigen Tumorareal übermittelt. Anschließend, so berichten die Geschäftsführer Thomas Dill und Martin Löhr, wird ein Therapieplan erstellt, der festlegt, welche Areale die Hifu-Sonde computergesteuert mit ihrem Ultraschallbrennpunkt während des Eingriffs durchlaufen muss, damit der Tumor Punkt für Punkt zerstört werden kann.

Nur der vom Tumor befallene Teil der Prostata wird behandelt. Der Rest der Drüse bleibt erhalten

Ziel einer solchen fokalen Therapie ist die Teilbehandlung der Prostata. Nur der Tumor soll beseitigt werden, nicht aber der Rest der Drüse. Die neuen und auch ältere Hifu-Systeme arbeiten mit Sonden, die über den Enddarm an die Prostata herangeschoben werden, und diese dann von außen beschallen. Nicht alle Tumore können so erreicht werden. Gleichzeitig muss die mittig in der Prostata liegende Harnröhre geschont werden, um Vernarbungen durch die Hitze zu vermeiden.

Die kanadische Firma Profound Medical geht daher den Weg durch die Mitte: Mit einer neuartigen Sonde wird die Prostata von innen durch die Harnröhre erreicht. Zehn miniaturisierte Ultraschallköpfe reihen sich bei dem Gerätetyp Tulsa-Pro hintereinander. Tulsa steht dabei für Transurethral Ultrasound Ablation.

Der Durchmesser des neuen Geräts entspricht dem eines üblichen Harnröhrenkatheters. Darüber hinaus ist das Gerät MRT-tauglich. Die Ultraschallbehandlung wird also durchgeführt, während zeitgleich hochauflösende Bilder des MRTs die aktuelle Lage und individuelle Anatomie der Prostata aufzeigen.

Da die Wasserstoffatome im Gewebe durch Wärme ihren Spin ändern, kann das behandelnde Ärzteteam synchron die Hitzeentwicklung in der Prostata kontrollieren und so mit geringeren Temperaturen von deutlich unter 100 °C arbeiten. So wird das Eiweiß in den Zellen denaturiert. Die Zellen sterben ab, die Zellstruktur wird jedoch nicht zerkocht.

Die Ultraschallköpfe des Profound-Systems können so moduliert werden, dass die Wärmeentwicklung millimetergenau an die Prostatakapsel angepasst werden kann. Durch eine Rotation des länglichen Gerätes um 360 Grad wird in rund 40 min das gesamte Volumen der Prostata von innen heraus erreicht, wobei die Prostata als Struktur bestehen bleibt. Nerven, Enddarmwand und Harnblase sowie das empfindliche Muskel- und Nervengeflecht rund um Blase, Prostata und Rektum werden folglich geschont.

Eine erste klinische Studie zur sicheren Durchführung der Methode veröffentlichten die beteiligten Kliniken aus Kanada, den USA und Deutschland im Januar in der Zeitschrift European Urology.

„In dieser klinischen Phase-1-Studie wurden 30 Patienten behandelt. Das therapeutische Ziel war die konservative Abtragung der gesamten Drüse, inklusive einem Sicherheitsabstand von 3 mm zur Kapsel, sodass ca. 10 % des Prostatagewebes überlebt“, sagt Steve Plymale, CEO von Profound Medical. In einer anschließenden Studie mit 100 Patienten soll der Sicherheitsabstand zur Kapsel reduziert werden, so Plymale. Dadurch verringert sich für die Patienten das Risiko, dass der Krebs erneut ausbricht.

„Wir erwarten die CE-Zulassung für Tulsa im März 2016 für die Ablation der gesamten Prostatadrüse. In naher Zukunft sehen wir Tulsa aber natürlich auch als Anwendung für eine fokale Therapie“, fügt er an. In Deutschland startet die 100-Patienten-Zulassungsstudie voraussichtlich im Mai an der Universitätsklinik Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sowie an der Universitätsklinik Köln.

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