Braunkohletagebau 15. Okt. 2026 Lesezeit: ca. 3 Minuten

Nach 62 Mio. t Kohle: Letzter Großbagger verlässt Feld bei Leipzig

Eimerkettenbagger in Dämmerung
Letzte Fahrt in der Morgendämmerung: Der Eimerkettenbagger 353 verlässt nach 27 Jahren das Abbaufeld Schleenhain.
Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Willnow

Gummimatten und eine dicke Schicht Erde auf dem Asphalt, dazu eine Vollsperrung: Am Morgen des 14. Oktober 2026 gehörte die B176 bei Neukieritzsch südlich von Leipzig einem einzigen Fahrzeug. Mit 6 m/min schob sich ein 1030 t schwerer Eimerkettenbagger über die Bundesstraße, begleitet von einem Bandwagen und vier Antriebsstationen.

Das Bergbauunternehmen Mibrag hat damit das letzte Großgerät zur Kohlegewinnung aus dem Abbaufeld Schleenhain abgezogen. Der Bagger mit der Gerätenummer 353 wechselte über eine rund 10 km lange Strecke ins nördliche Abbaufeld Peres des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. In Schleenhain übernehmen nun kleinere, mobile Bagger die Restauskohlung, bis Ende 2026 soll die Förderung dort auslaufen, teilte die Mibrag mit. Unterwegs passierte der Koloss auch den im Bau befindlichen Windpark Breunsdorf, wo bereits zehn Windräder laufen. Abschalten musste sie niemand.

Was ist das für eine Maschine, und was bedeutet der Umzug für den Tagebau?

Was ERs 710 bedeutet

Der Eimerkettenbagger 353 gehört zum Typ ERs 710. Anders als die bekannteren Schaufelradbagger gräbt diese Bauart mit einer umlaufenden Kette, an der Schaufeln hängen, die sogenannten Eimer. Die Eimerleiter ist an Stahlseilen aufgehängt und lässt sich im Winkel verstellen. So kann die Maschine auch unterhalb ihrer eigenen Standfläche arbeiten; der Typ ERs 710 schafft bis zu 16 m Tiefe. Das macht Eimerkettenbagger zum Werkzeug der Wahl, wenn Kohleflöze unter der Arbeitsebene liegen.

Die Typbezeichnung verrät die Bauweise: Das R steht für Raupenfahrwerk, das kleine s für schwenkbar, und die 710 beziffert das Fassungsvermögen eines einzelnen Eimers in Litern. Theoretisch fördert ein ERs 710 bis zu 1400 m³ pro Stunde. Gebaut wurde die Baureihe in den 1970er- und 1980er-Jahren im DDR-Schwermaschinenbau in Magdeburg-Buckau, wie aus der Denkmaldatenbank KuLaDig hervorgeht. Wie alle Tagebaugroßgeräte fährt der Bagger elektrisch und hängt dafür an einer Mittelspannungstrosse.

2,3 Mio. t Kohle pro Jahr

Das Exemplar mit der Nummer 353 ist

Es arbeitete laut der KuLaDig-Datenbank zunächst im Abbaufeld Groitzscher Dreieck und wurde zwischenzeitlich grundlegend modernisiert, unter anderem am Stahlbau und an den Förderwegen.

Am 6. März 1999 nahm der Bagger seine Arbeit im Abbaufeld Schleenhain auf. Seine Bilanz aus rund 27 Jahren beziffert die Mibrag auf 62 Mio. t Kohle und 12 Mio. m³ Abraum. Das entspricht im Schnitt etwa 2,3 Mio. t Kohle pro Jahr.

Gummimatten auf der Fahrbahn

Für die Überfahrt war die B176 bereits am Vortag gesperrt worden. Gummimatten und eine Erdschicht schützten den Belag vor den Raupenketten, anschließend wird die Straße gereinigt und soll am Donnerstagmorgen wieder freigegeben werden. Auf der Route kreuzte der Geräteverband zudem mehrere Gurtbandförderer des Tagebaus, die dafür zeitweise außer Betrieb gingen.

Bemerkenswert ist die Passage am Windpark Breunsdorf, der derzeit errichtet wird. „Dabei werden Beeinträchtigungen der Windenergieanlagen vermieden”, hebt Nicole Slota hervor, Projektleiterin Tagebautechnologie im Tagebau Vereinigtes Schleenhain. „Eine Abschaltung der zehn bislang in Betrieb genommenen Windenergieanlagen ist nicht erforderlich.”

Ein Kohlebagger, der auf seinem letzten Umzug an laufenden Windrädern vorbeirollt: Treffender ließe sich die Transformation im Leipziger Südraum wohl kaum bebildern.

Was aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain wird

Der Tagebau bestand ursprünglich aus drei Abbaufeldern

Das Feld Schleenhain wurde laut Mibrag bereits 1949 aufgeschlossen. Mitte der 1990er Jahre ruhte der Betrieb rund drei Jahre. In dieser Zeit stellte das Unternehmen die Technologie von Zug- auf Bandbetrieb um. Seit 1999 versorgt der Tagebau das damals neu errichtete Kraftwerk Lippendorf über den Kohlemisch- und Stapelplatz Peres. Für die Kohle mussten auch Orte weichen, zuletzt das Dorf Heuersdorf, dessen Einwohner umgesiedelt wurden.

Was aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain wird

Künftig kommt die Braunkohle allein aus dem Abbaufeld Peres. Der Abnehmer bleibt derselbe: Das von Leag und EnBW betriebene Kraftwerk Lippendorf verfeuert sie mit seinen zwei Blöcken von je 875 MW Nettoleistung für Strom und Fernwärme. Nach dem Kohleverstromungsbeendigungsgesetz müssen beide Blöcke spätestens am 31. Dezember 2035 vom Netz. Bis dahin ist der Fahrplan des Tagebaus gesetzt, danach folgen Sanierung und Flutung der Restlöcher.

Im Abbaufeld Schleenhain läuft die Sanierung schon jetzt parallel zur Restauskohlung. Die Mibrag beschreibt sich selbst als Unternehmen im Wandel vom Braunkohleförderer zum Energie- und Industriedienstleister; auf manchen seiner ehemaligen Bergbauflächen entstehen unter anderem Wind- und Solarparks. Der Bagger 353 gräbt sich derweil durch das Feld Peres. Es ist sein drittes, und es wird sein letztes sein.

Mit Material der dpa.

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