Coronapandemie 28. Jul 2021 Von Regine Bönsch

Deutsche wollen mehr Digitalisierung in der Medizin

Corona und seine Folgen haben digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen Auftrieb gegeben. Ob elektronisches Rezept, digitaler Impfausweis oder Videosprechstunde: Die Deutschen finden das gut. Das bestätigen gleich zwei Umfragen des Branchenverbands Bitkom.


Foto: panthermedia.net / HASLOO

Die Coronapandemie scheint es den Menschen vor Augen geführt zu haben: Das hiesige Gesundheitswesen sollte dringend digitalisiert werden. Das meinen zumindest acht von zehn Bundesbürgern laut repräsentativen Umfragen des Branchenverbands Bitkom. Drei Viertel der Befragten sind der Überzeugung, dass mit digitalen Techniken Krisen besser bewältig werden können, nahezu ähnlich viele fordern mehr Tempo. Das muss auch sein, glaubt man dem Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahre 2020. Danach liegt Deutschland von 17 untersuchten Ländern auf Platz 16. Nur Polen ist noch schlechter. Angeführt wird der Index von Estland, Kanada und Dänemark.

Riesenrun auf digitale Impfausweise

„Besonders beim digitalen Impfausweis ist das Interesse riesig“, erklärte heute Morgen Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands. Die Bundesregierung habe mit der Einführung vor den Sommerferien einen „digitalen Sprint“ hingelegt. Der Bitkom hat zum jüngsten Digitalprojekt in der Pandemiebekämpfung eine Extrabefragung durchgeführt. So haben bereits 42 % den Ausweis auf ihr Smartphone geladen, weitere 41 % wollen das künftig tun – davon 26 % „auf jeden Fall“ tun. Nur 12 % gaben an, kein Interesse an dem digitalen Nachweis zu haben, obwohl sie ein Smartphone haben. Allerdings hat auch jeder fünfte Bundesbürger noch immer kein Smartphone und damit keine Chance, den Nachweis zu laden und für Restaurant- oder Kinobesuche und vieles andere zu nutzen.

Aus Rohleders Sicht ist der digitale Impfausweis „ein Paradebeispiel dafür, wie digitale Tools die Menschen in der Pandemie ganz praktisch unterstützen können“. Die meisten Nutzerinnen und Nutzer haben sich in der Apotheke den notwendigen QR-Code ausstellen lassen (31 %), 26 % im Impfzentrum und rund ein Fünftel in der Arztpraxis. Eine große Mehrzahl der Befragten setzt den Impfnachweis für private Zwecke ein. Erstaunlich, dass vor allem Treffen mit Freunden und Familien so abgesichert werden (87 %). Erst dann folgen Freizeitaktivitäten (76 %), Reisen (61 %), der Besuch von Restaurants, Großevents, Clubs und Bars. Nur rund ein Fünftel zeigt den digitalen Impfnachweis jetzt oder künftig bei der Arbeit vor, so die Bitkom-Befragung.

Große Erwartungen an E-Rezepte

Mit der Pandemie ist auch das elektronische Rezept an den Start gegangen – allerdings lediglich in Pilotversuchen. Die zugehörige App ist ebenfalls seit Kurzem für Apple- und Android-Geräte verfügbar. Das E-Rezept wird per QR-Code in einer Apotheke eingelöst, ab Januar 2022 haben alle Versicherten einen rechtlichen Anspruch darauf.

„Das Interesse ist groß“, weiß Rohleder. 59 % der Deutschen wollen das E-Rezept nutzen, 39 % wollen das nicht. Die Hälfte derer, die es nutzen wollen, erhofft sich davon vor allem eine automatische Erkennung von Wechselwirkungen, 44 % wollen damit Zettelwirtschaft vermeiden und drei von zehn Befragten aus dieser Gruppe setzen auf digitale Medikationspläne. Ein Viertel (25 %) möchte sich automatisch an die Medikamenteneinnahme erinnern lassen. Features, die die aktuelle App der Gematik für E-Rezepte gar nicht liefert. Rohleder fordert daher, dass Schnittstellen verfügbar gemacht werden, damit Drittanbieter E-Rezept-Apps mit zusätzlichen Funktionen auf den Markt bringen könnten.

Zwei Drittel wollen die elektronische Patientenakte nutzen

Seit dem 1. Januar 2021 können die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten die elektronische Patientenakte (ePa) anbieten. Zwei Drittel wollen sie künftig gern nutzen, aktuell haben sie allerdings erst 0,2 % der Befragten in Gebrauch (Stand: Mai 2021). Ein Grund: Einzig bei der Techniker Krankenkasse wird sie 100 000 Menschen angeboten. Doch es zeigt sich auch, dass ein Fünftel kein Interesse an der elektronischen Patientenakte hat. Die Befürworter sehen es mehrheitlich als Vorteil an, dass auch andere Ärzte Diagnosen, Befunde oder Arztbriefe einsehen können, die Patienten selbst alle Infos über die eigene Krankengeschichte im Blick haben und Doppeluntersuchungen vermieden werden könnten. Gegner haben vor allem Bedenken, dass die Daten nicht sicher sind. Rohleder fordert dagegen: „Ärztinnen und Ärzte sollten jetzt aktiv auf die Vorteile der ePa hinweisen. Neben der technischen Ausstattung braucht es dafür ein digitales Mindset: Offenheit gegenüber der Digitalisierung und die Bereitschaft, die neuen technischen Möglichkeiten aktiv zu nutzen.“

Videosprechstunden werden gedeckelt

Die Verbreitung der Videosprechstunde ist in den vergangenen zwölf Monaten eher langsam vorangegangen. 14 % der Menschen in Deutschland ab 16 Jahren haben ein solches digitales Angebot schon einmal genutzt – 2019 und damit vor der Pandemie waren es jedoch nur 5 %. Mit mehr als einem Fünftel haben vor allem die 50- bis 64-Jährigen die Videosprechstunde für sich entdeckt. Rohleder weiß aus eigener Erfahrung, dass es auch schnell Termine für Videokonferenzen geben kann. Und sie hat noch andere Vorteile: „Patientinnen, Patienten und medizinisches Personal werden vor Ansteckung geschützt, Fahrtwege und Wartezeiten entfallen – bei bestimmten Krankheitsbildern oder etwa der Besprechung von Testergebnissen bietet die Videosprechstunde klare Vorteile.“

Es sei allerdings unverständlich, dass Videokonferenzen nur halbherzig geöffnet werden. So sollen Ärztinnen und Ärzte künftig lediglich 30 % ihrer Sprechstunden als Onlinesprechstunden abrechnen dürfen – weitere telemedizinische Beratungen müssen sie auf eigene Kosten durchführen und werden von den Kassen nicht honoriert. Diese Deckelung passe nicht in eine Zeit, in der sich Menschen vor Ansteckungen schützen müssten und zudem die medizinische Infrastruktur in ländlichen Regionen immer schwächer werde.

„Der Kampf gegen Corona geht weiter“

Mit Blick auf die Bundestagswahl und den anstehenden Regierungswechsel fordert Bitkom, die Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter mit hohem Tempo voranzutreiben. Zwar sei zuletzt schon Schwung in das System gekommen. Doch angesichts einer vierten Infektionswelle würden sich bereits wieder bekannte Tücken anbahnen. „Die Probleme der Gesundheitsämter beim Durchbrechen von Infektionsketten, die verbreiteten Schwierigkeiten bei der Organisation von Impfterminen oder das Hickhack um die Corona-Warn-App haben bei vielen Menschen zu Ernüchterung und Frustration geführt“, bilanziert Rohleder und fügt hinzu: „Der Kampf gegen Corona geht weiter. Deutschland muss die Potenziale der Digitalisierung viel besser nutzen.“

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