Gefälschte Impfzertifikate 17. Nov 2021 Von Regine Bönsch

Corona: Kampf nur mit digitalen Techniken zu gewinnen

Die zunehmende Anzahl von gefälschten Impfzertifikaten macht die digitalen Defizite in Deutschland deutlich. Noch immer hakt es bei der Kontrolle der Dokumente, dominiert Papier, sind Gesundheitsämter schlecht vernetzt.

Internationaler Impfnachweis.
Foto: PantherMedia / alexraths

Hunderte vielleicht Tausende von gefälschten Impfzertifikaten sind aktuell in Deutschland unterwegs. Nach Einschätzungen von IT-Sicherheitsexperten könnten die falschen Nachweise auf Sicherheitslücken bei Arztpraxen oder Apotheken zurückzuführen sein. Die Festnahme einer Apothekenmitarbeiterin im letzten Monat in München, die mehrere Hundert gefälschte Zertifikate verkauft haben soll, bestätigt diesen Verdacht. Möglicherweise sei es Unberechtigten auch gelungen, an die privaten Schlüssel für das Verschlüsselungssystem Fido zu gelangen, erklärte unlängst Thomas Uhlemann, Sicherheitsspezialist bei der Cybersecurityfirma Eset.

Falsche Impfzertifikate für 300 € im Darknet

Nach Uhlemanns Angaben werden gefälschte Impfzertifikate mit technisch gültigen Signaturen im Darknet für rund 300 € angeboten. Aber auch über den Messengerdienst Telegram werden sie munter gehandelt. Damit könnten Menschen, die nicht gegen Covid-19 geimpft wurden, einen scheinbar gültigen Impfpass auf dem Smartphone vorzeigen. „Die Signaturen dieser Schlüssel werden als gültig erkannt“, sagte Uhlemann.

Dem will jetzt das jüngste Update der Corona-App einen Riegel vorschieben. Die App erkenne die Kennungen der Apotheken, von denen bekannt geworden ist, dass sie Fälschungen herausgegeben haben, heißt es, und erklärt sie für ungültig. Das funktioniere ab der Version 2.13.3 für Android und 2.13.2 für iPhones. Allerdings soll die App auch schon so manches echte Zertifikat für ungültig erklärt haben.

Bitkom fordert digitales Impfregister

Achim Berg wird richtig sauer, wenn er an die digitalen Defizite Deutschlands bei der Coronabekämpfung denkt. „Medienbrüche bei der Ausstellung digitaler Impfnachweise öffnen Kriminellen Tür und Tor“, erklärt der Präsident des Branchenverbands Bitkom. „Wir brauchen dringend ein digitales Impfregister, wo in pseudonymisierter Form hinterlegt wird, wer wann und womit geimpft wurde“, fordert Berg mit Blick auf den kommenden Donnerstag. Dann wird im Bundestag über Schutzmöglichkeiten gegen Impfpassfälschungen und die neuen Regelungen zum Infektionsschutz beraten, zugleich tagt die Bund-Länder-Runde.

„Damit schaffen wir eine sichere und datenschutzgerechte Grundlage für digitale Impfnachweise, die besser ist als jede Lösung auf Papier.“ Ob in Restaurants, bei Kulturveranstaltungen oder auch am Arbeitsplatz: Der digitale Impfnachweis sei ein Paradebeispiel dafür, wie digitale Tools die Menschen in der Pandemie ganz praktisch unterstützen können. Nur, wenn der Impfausweis wirklich sicher sei, könne er bei der Eindämmung der Infektionen zuverlässig unterstützen.

Datenaustausch bei Gesundheitsämtern: Ein Armutszeugnis

Zugleich müsse endlich der Datenaustausch der Gesundheitsämter gesichert werden, etwa indem man digitale Lösungen wie Sormas flächendeckend einsetzt. „Wir brauchen eine bundesweite einheitliche Vernetzung zur Kontaktnachverfolgung, damit die Gesundheitsämter schnell reagieren und im Bedarfsfall warnen können“, betont Berg. „Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert die Fähigkeit eines Gesundheitsamts zur Kontaktnachverfolgung davon abhängt, ob ausreichend Personal zum Telefonieren und Briefeschreiben zur Verfügung steht.“ In vielen Bundesländern hätten die Gesundheitsämter wegen Überlastung die Kontaktnachverfolgung eingestellt. „Das ist ein Armutszeugnis.“

Kontakte ließen sich voll automatisiert digital verfolgen und gefährdete Personen könnten ebenfalls digital in Echtzeit gewarnt werden, weiß der Bitkom-Chef und er wird noch deutlicher: „Diese analoge Lethargie kostet jeden Tag Menschenleben.“ Der Kampf gegen Corona gehe auch im Jahr 2022 weiter und er werde ohne digitale Technologien nicht zu gewinnen sein. Berg: „Wir brauchen jetzt digitale Entscheidungsfreude in der Politik und digitale Umsetzungsfreude in den Verwaltungen.“ Zu Beginn des dritten Jahres der Pandemie dürfe das Leitbild nicht mehr nur lauten „Gemeinsam gegen Corona“. Jetzt müsse es heißen: „Digital gegen Corona“.

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