Umwelt 30. Okt 2015 Ralph H. Ahrens

Ledergerben mit Olivenblättern

Die Blätter des Olivenbaums sind Grundlage eines umweltfreundlichen Gerbverfahrens, das ohne giftige Chromsalze auskommt. Das hochwertige Leder verwendet Autobauer BMW für seinen i3.
Foto: Panthermedia/Daniela Scheibler

Es riecht mediterran aromatisch im Innovationszentrum Leder der Firma Wet-green in Reutlingen. Tierhäute werden hier mit Auszügen aus Olivenblättern gegerbt. „Der dunkelbraune Extrakt sieht wie Teesirup aus“, erklärt Rainer Höllwarth. Gerade arbeitet der Ledertechniker mit 16 Bullenhäuten. Sie stammen aus dem Schwarzwald und von der Schwäbischen Alb. Die bis zu 6 m² großen Blößen – so nennt man die enthaarten Häute – gibt er in ein Gerbfass und kippt gut 72 kg des Auszugs hinzu. Das macht 4,5 kg pro Haut.

Fakten der Lederbearbeitung in Deutschland

Deutschland ist der drittgrößte Lederproduzent in Europa.

Etwa 35 Industriebetriebe bearbeiten hierzulande die Tierhäute.

Der Branchenumsatz liegt bei über 500 Mio. €.

Produziert wird vorwiegend Leder für die Premiumbereiche der Auto- und Möbelindustrie, aber auch für hochwertige Schuh-, Täschner- und Sattlerwaren.

Allein 25 Mio. m² Leder werden jährlich in Deutschland gegerbt, davon etwa 80 % industriell unter Verwendung giftiger Chromsalze.

Das Fass dreht sich langsam um die eigene Achse. Hat der Gerbstoff nach wenigen Stunden die Blößen durchdrungen, gibt Höllwarth Natriumcarbonat (Soda) hinzu. Der pH-Wert der Gerblösung steigt, die Gerbstoffe reagieren über Nacht vollständig mit dem Hauteiweiß Kollagen.

„Am nächsten Morgen lade ich die Blößen, aus denen Leder geworden ist, aus“, sagt Höllwarth. Aus dem nassen grün-beigen Olivenleder presst der Fachmann mit einer Abwelkmaschine noch Wasser ab und stellt es mit der Falzmaschine auf die richtige Dicke ein, bevor es zum Schutz vor Austrocknung in eine Folie verpackt wird.

„Wir gerben Häute nachhaltig mit Materialien pflanzlichen Ursprungs“, erklärt Heinz-Peter Germann stolz. Der Chemiker leitet die Produktentwicklung der Firma. Klassische Gerbmaterialien etwa aus Kastanienholz oder den Rinden von Eiche, Fichte und bestimmter Akazienarten aber haben Nachteile: Beim Gerben wird sehr viel dieser Mittel benötigt, da sie nur schwache Wasserstoffbrückenbindungen mit Kollagen bilden. „Das Leder kann dadurch nicht so geschmeidig werden wie durch Gerbung mit Chrom-III-Salzen“, weiß Germann.

Chromsalze hingegen sind effektiv: Durch sie werden Kollagenmoleküle über komplexe Bindungen fest vernetzt. Die meisten Gerbereien nutzen daher solche Salze, um damit weltweit mehr als 80 % allen Leders herzustellen.

Um Chromsalze zu gewinnen, werden Erze vor allem in Südafrika, aber auch in Indien und der Türkei energieaufwendig und verbunden mit den entsprechenden Gefahren für Mensch und Umwelt abgebaut und aufgearbeitet.

Die Idee mit der Olive kam Fachleuten des Darmstädter Biotechunternehmens N-Zyme BioTec 2006 bei der Zusammenarbeit mit Experten des Lederinstituts Gerberschule Reutlingen, das Germann damals leitete. Den Forschern war der Einsatz von Olivenblattextrakten als Antioxidans bei Lebensmitteln und Kosmetika vertraut. Diese Auszüge enthalten Bitterstoffe, mit denen der Olivenbaum selbst seine Blätter und Früchte vor Schädlingen schützt.

Erste Gerbversuche in Reutlingen waren ermutigend. 2008 meldete N-Zyme BioTec diese Gerbart zum Patent an. 2012 ging aus der Darmstädter Firma Wet-green hervor. Seit 2014 ist sie 100%ige Tochter der Martin Bauer Group im bayrischen Vestenbergsgreuth, die pflanzliche Produkte für Tee- und Getränkehersteller sowie für Pharmafirmen herstellt.

Der als Antioxidans wie auch für die Gerbung wichtigste Bitterstoff der Olive ist Oleuropein. Es geht mit dem Hauteiweiß Kollagen beim Gerben eine feste Bindung ein. Oleuropein vernetzt Kollagenmoleküle ähnlich gut wie Chrom-III-Salze oder Glutaraldehyd, das Kollagen ebenfalls durch stabile chemische Bindungen gerbt.

Metallfrei, ungefährlich und hautverträglich

Das Gerbmittel aus Olivenblättern habe viele Vorteile, so Germann. Es ist metallfrei, ungefährlich und hautverträglich. Man brauche weder Säuren noch Salze, da auch der Prozess des Pickelns entfallen kann, bei dem die Blößen in einer sauren Lösung lagern, damit das Gerbmittel leichter eindringt.

Zwei Gerbereien verwenden bereits den Olivengerbstoff. Seit 2011 vertreibt die Firma Heller-Leder in Hehlen an der Weser Olivenleder für hochwertige Möbel unter dem Namen Blattwerk. „Unseren Maschinenpark brauchten wir nicht zu verändern“, betont Geschäftsführer Thomas Strebost.

Die Firma musste den Gerbprozess aber neu abstimmen. Ein Beispiel: Nach der Gerbung wird die Dicke des Leders mit einem Messer aus Stahl millimetergenau eingestellt. Dabei fliegen Eisenpartikel aus dem Messer aufs Leder, so Strebost. „Auf dem Olivenleder hinterließ dies zuerst schwarze Flecken.“ Heller-Leder konnte das Problem durch Zugabe spezieller Komplexbildner beheben.

Die Firma Slovtan im slowakischen Liptovský Mikuláš gerbt mit den Auszügen seit 2011 Leder vor allem für Pkw. Olivenleder auf der Basis dort für Autolederproduzenten hergestellter Halbfabrikate nutzt etwa BMW, um damit das Elektrofahrzeug i3 auszustatten.

Dass bis jetzt hauptsächlich hochpreisige Lederprodukte mit Olivenblattauszügen hergestellt werden, liegt an den Kosten. „Mit dieser Gerbung kann sich ein Qualitätsleder schon um 10 % bis 15 % verteuern“, sagt Germann. Bei hochwertigen Taschen, Schuhen oder Polstermöbeln falle dies nicht sehr ins Gewicht. Der Chemiker weiß, dass demnächst auch Kinderschuhe aus Olivenleder auf den Markt kommen.

Allein in Europa werden jährlich etwa 12 Mio. t Oliven geerntet. Beim Rückschnitt der Bäume fällt etwa ein Zehntel des Erntegewichts an Blättern an. Diese Menge würde ausreichen, so Germann, weltweit 40 % aller Blößen zu gerben. Für realistisch hält der Chemiker, dass 2030 weltweit 1 % aller Häute mit Olivenblattextrakten behandelt werden.

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