Studie von Prognos und BayernLB 01. Jul 2020 Von Peter Steinmüller

„Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell“

Rekorde beim Außenhandelsüberschuss genügen nicht mehr: Der Stillstand der Globalisierung wird nach dem Ende der Corona-Krise andauern. Deutsche Unternehmen müssen deshalb neue Geschäftsfelder erschließen. So lauten wesentliche Ergebnisse einer Studie von Prognos und BayernLB.

Ein Großteil der deutschen Produktion wird auch in Zukunft nach Übersee verschifft. Doch für das Wachstum im Auslandsgeschäft werden Märkte aus der zweiten Reihe relevanter, etwa die Philippinen oder Nigeria.
Foto: panthermedia.net/ Nightman1965

Das Exportland Deutschland wird und muss sich wandeln, davon sind das Marktforschungsunternehmen Prognos und die Bayerische Landesbank BayernLB überzeugt. Nötig seien neue geografische Märkte, innovative Produkte und ein stärkerer Fokus auf den Binnenmarkt, lauten die Forderungen in der aktuellen Studie. Denn die Globalisierung schreite nicht weiter voran. Sie werde sich zwar nach dem Corona-Schock allmählich wieder erholen, so die Einschätzung der Analysten. Aber ihre Dynamik sei beinahe gänzlich verloren gegangen. Dieses Umsteuern entwickle die bisherigen Stärken der deutschen Wirtschaft weiter.

Deutschland darf sich nicht mehr nur auf seine klassischen Exportabsatzmärkte wie Europa, China und die USA verlassen, sondern sollte sich verstärkt den aufstrebenden und bevölkerungsreichen Ländern zuwenden, fordern die Experten von Prognos und Bayern LB. Zudem sollte Deutschland sich stärker auf das Inland sowie neue Exportprodukte konzentrieren. Für das Wachstum im Auslandsgeschäft werden Märkte aus der zweiten Reihe relevanter. Dazu gehören etwa die Philippinen oder Nigeria. „Dass der Güterhandel weltweit stagniert, ist auf den ersten Blick ein Problem für deutsche Unternehmen. Eine Chance liegt jedoch im wirtschaftlichen Aufholprozess von einigen Entwicklungs- und Schwellenländern“, sagt Prognos-Chief-Economist Michael Böhmer, „denn hier zeigt sich auch langfristig eine stark steigende Importnachfrage“.

Robustheit statt Hightech wird verlangt

Um erfolgreich zu sein, müssen die exportierenden Unternehmen jedoch ihre Produkte den spezifischen Anforderungen anpassen und deswegen die genauen Bedürfnisse der Kunden in den einzelnen Ländern analysieren. Zum Beispiel: Einfacher konstruierte robuste Maschinen und Anlagen sind in den aufstrebenden Ländern mehr gefragt als technologisch anspruchsvolle Premiummodelle. „Mit kostengünstigen, simpleren Produkten tun sich deutsche Anbieter häufig eher schwer, doch mit der richtigen Strategie kann das Gütesiegel ‚made in Germany‘ auch für Erfolg auf den neuen Wachstumsmärkten stehen“, sagt Böhmer. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass sich handelspolitische und operative Rahmenbedingungen für die deutschen Exporteure in vielen Wachstumsmärkten weiter verbessern werden.

Verbindung klassischer Industrie mit Digitaltechnik

Neue Möglichkeiten für deutsche Unternehmen bieten sich jedoch nicht nur auf neuen geografischen Märkten, sondern auch durch die Entwicklung innovativer Exportprodukte. Besonders vielversprechend sind hybride Geschäftsmodelle, bei denen klassische industrielle Ansätze mit digitalen Technologien verbunden werden. Das ermöglicht die Integration von Dienstleistungen rund um ein Kernprodukt. So wird nicht allein die Maschine verkauft, sondern als zusätzliche Leistungen die fortlaufende Wartung oder fortlaufende Unterstützung bei der Betriebskostenoptimierung.

„Viele deutsche Unternehmen haben sich der Plattformökonomie mittlerweile zwar stärker zugewandt, aber ein großer Teil der Unternehmen hat sich noch gar nicht damit befasst oder hält es für irrelevant; das ist fatal“, erklärt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB, mit Verweis auf Erhebungen des Bundeswirtschaftsministeriums.

Ein zunehmend wichtigerer Wettbewerbsfaktor ist die Nachhaltigkeit. „Deutschland sollte auf Grundlage seines technologischen Know-how und seiner Vorreiterrolle innerhalb der EU noch stärker den globalen Trend zu mehr Nachhaltigkeit nutzen“, heißt es in der Studie. Michels ist überzeugt: „Ist der politische Wille da, den Klimawandel einzudämmen, geht dies nicht ohne erhebliche Investitionen in Umwelttechnik, was wiederum innovative Geschäftsmöglichkeiten eröffnet.“ Wenige Beispiele hierfür unter den vielen Möglichkeiten sind das Recycling der Rotorblätter von Windanlagen, von Stoffen und Textilien sowie Batterien von E-Autos und E-Bikes. Neue Märkte könnten auch über den Export von Sortier- und Recyclingverfahren erschlossen werden.

Den Binnenmarkt nicht vergessen

Schließlich sollten auch exportorientierte Unternehmen die Binnennachfrage nicht außer Acht lassen. „In Deutschland wird etwa die Nachfrage nach Produkten und Leistungen, die auf die Bedürfnisse der älteren Generationen ausgerichtet sind, spürbar zulegen. Dazu gehören neben spezifischen Produkten für ältere Menschen auch Gesundheitsdienstleistungen oder touristische Angebote“, sagt Böhmer. Geschäftschancen im Inland sehen die Experten von BayernLB und Prognos nach den geplanten milliardenschweren Konjunkturprogrammen der Bundesregierung aufgrund der Coronakrise auch bei den öffentlichen Investitionen. „Wir können vor dem Hintergrund des in der Vergangenheit relativ niedrigen Investitionsniveaus künftig höhere staatliche Investitionen in die Infrastruktur erwarten, etwa beim Verkehr oder bei der digitalen Infrastruktur“, meint Böhmer.

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