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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Heiko Mell

Haben Sie Fragen zu Ihrer Karriere oder Karriereplanung?

Heiko Mell
Dr.-Ing. E. h. Heiko Mell, Personalberater und Geschäftsführer der Heiko Mell & Co GmbH in Rösrath, gibt Ihnen wertvolle Tipps.
Er beantwortet Ihre Karrierefragen, sofern sie sich für eine öffentliche Darstellung in den VDI nachrichten eignen, diese Fragen und Antworten sind auch im Internet zugänglich.
Die Bearbeitungszeit ist dabei begrenzt, unter den wöchentlich eingehenden Fragen wird eine Auswahl getroffen, wir bitten dafür um Verständnis.
 
Senden Sie uns Ihre Fragen an Heiko Mell per E-Mail oder Post.

VDI Verlag GmbH
VDI nachrichten Karriereberatung
Postfach 10 10 54
40001 Düsseldorf

karriereberatung@vdi-nachrichten.com

 

KARRIERE

30 h reichen mir

2.908. Frage: Ich verfolge Ihre Kolumne seit elf Jahren, also seit ich selbst Dipl.-Ing. (FH) Maschinenbau wurde.

Die Basics der Ingenieurkarriere wurden von Ihnen ja in regelmäßigen Abständen dargestellt. Unbedingte räumliche Flexibilität, eine Karriereplanung und unbedingte Priorisierung derselben möchte ich in Kurzform nennen.

Meine Anfänge als Ingenieur bestanden in einer Tätigkeit als Verkaufsingenieur in einem Randbereich der XY AG (wie fast immer, so steht auch hier im Original der Name eines Weltkonzerns; ich freue mich über das Vertrauen, das mir damit immer wieder entgegengebracht wird, drucke aber Firmen- und Personennamen hier aus Prinzip nicht ab; H. Mell). Ich wurde damals über eine Leiharbeitsfirma rekrutiert.

Hier gab es Ende der 90er Jahre ein starkes Wachstum mit keinerlei Arbeitsdisziplin und Geschäftsreisen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Hier waren Menschen tätig, die Karriere gemacht haben unter völliger Aufgabe ihres Privatlebens.

Ich persönlich habe jetzt eine Tätigkeit als technischer Sachbearbeiter mit einer Arbeitszeit von 30 Stunden pro Woche angenommen. Angebote, im außertariflichen Angestelltenverhältnis (AT) zu arbeiten, habe ich mehrfach abgelehnt.

Nun frage ich mich, ob die Thesen des Heiko Mell noch mit Dingen wie Work-Life-Balance vereinbar sind.

 

Antwort: Menschen sind, wen wundert das wirklich, schwer zufriedenzustellen. So gibt es gerade eine breite öffentliche Diskussion darüber, wie man Angestellten, die wegen der Erziehung ihrer Kinder nur noch in Teilzeit arbeiten und jetzt händeringend wieder Vollzeitstellen suchen, wirksam helfen kann. Es scheint ja wirklich ein breites Bedürfnis vorzuliegen, wenn man bereits über gesetzliche Regelungen „zurück zur Vollzeit“ nachdenkt.

Und dann gibt es Menschen wie Sie, denen war es im Vertrieb zu „stressig“, die wechseln in die technische Sachbearbeitung, gehen auf Teilzeit hinunter – und lassen erkennen, dass sie anders orientierte Lebensentwürfe nicht mehr akzeptabel finden. Allein Ihre Ablehnung des AT-Status spricht Bände.

Ich wiederhole hier gern noch einmal: AT-Verträge sind nicht so gestaltet, dass die entsprechenden Angestellten in jedem Punkt besser gestellt sind als sie es im Tarif waren. Im Gegenteil, es ist sogar sehr gut möglich, dass im Einzelfall (diese Verträge werden individuell gestaltet, sie sind nicht genormt) weniger Netto-Bezüge dabei herauskommen (vor allem, wenn es um Überstundenvergütungen geht). Der AT-Vertrag ist hingegen eine Art „kleiner Ritterschlag“, ein erster Schritt auf dem Weg in die Karriere oder, schlichter gesagt, auf dem Weg nach oben. Er ist also für den aufstiegsorientierten Angestellten nicht etwa Endstufe mit lebenslanger (eventueller) Schlechterstellung gegenüber dem Tarif-Status, sondern Einstieg in eine Laufbahn, die eines Tages zur Führungsebene führt, in der man sich dann meilenweit von Tarifbezügen entfernt.

Das bedeutet auch: Wer so denkt wie Sie, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit gute Argumente, um einen angebotenen AT-Vertrag abzulehnen. Warum sollten Sie die pauschal gar nicht so besonders vorteilhafte Einstiegsoption in die „Offizierslaufbahn“ akzeptieren, wenn Sie gar nicht „Offizier“ werden, sondern „Mannschaftsdienstgrad“ bleiben wollen?

Was wiederum Ihr gutes Recht ist. Wie es auch das gute Recht anderer Angestellter ist, in Führungsfunktionen aufsteigen zu wollen – und wie es das gute Recht einer Zeitung ist, eine Rubrik „Karriereberatung“ zu nennen und den inhaltlichen Schwerpunkt auch daran zu orientieren.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Begriffe wie Work-Life-Balance nicht besonders mag. Aber ich bin ja lernfähig. Ist Ruhe nicht ein Zustand der Bewegung mit der Geschwindigkeit null? Also dann:

- sind wir erstens stets alle in Bewegung und

- gibt es zweitens „Work-Life-Balance“ immer und unter allen Umständen für alle. Manche verstehen darunter eben fast 100% Life (das ist, siehe oben, immer noch „Balance“), andere wieder fast 100% Work (das ist dann deren „Balance“) – jeder kann nach seiner Fasson glücklich werden. Dann hat es diese Balance auch immer schon gegeben, wir können den Begriff als neuartige Problembeschreibung vergessen. Und Geschäftsführer, Vorstände und andere Führungskräfte haben halt andere Ziele als Menschen, die Karriere nicht wollen oder nicht können. Schon Cäsars Legionen brauchten gleichermaßen Obergefreite wie Generäle (ich weiß, dass die damals anders hießen, aber darum geht es ja hier nicht) – und beide Gruppen werden schon damals unterschiedliche Ansprüche „an das Leben“ gehabt haben.

In Kurzform: Mell beruft sich auf einen physikalischen Grundsatz sowie auf Cäsar und unterstreicht damit sein zeitloses Denken.

 

BERUFSWEGPLANUNG

Wechselwunsch trotz Förderung

2.909. Frage/1: Bereits seit meinem Studium bin ich begeisterter Leser Ihrer Karriereberatung. Ich bin stets bemüht, Ihren Ratschlägen zu folgen und habe damit bisher sehr positive Erfahrungen gemacht. Hierfür bedanke ich mich recht herzlich bei Ihnen.

Antwort/1: Ich freue mich nicht nur über solche Zuschriften oder Briefeinleitungen, ich muss sie auch in gewissen Abständen immer wieder einmal abdrucken. Es geht mir dabei weniger um berufserfahrene Leser, deren Urteil stelle ich mich gelassen. Aber die große Gruppe der Studenten steht meinen Aussagen oft ziemlich skeptisch bis distanziert gegenüber, da brauche ich tatsächlich gelegentlich die Bestätigung, dass es „da draußen“ z. T. tatsächlich so ist, wie es hier dargestellt wird und dass meine Lösungsansätze doch durchaus den einen oder anderen brauchbaren Kern enthalten könnten.

Ich verstehe die Skepsis vieler Studenten durchaus. Schließlich will ich hier Probleme lösen, von deren Existenz sie nichts wissen (können) und die sie teilweise für pure Satire halten. Also als Trost für jene Lesergruppe:

- Große Skepsis gegenüber meiner Arbeit ist normal, solange Sie noch studieren. Wer klug ist, liest die Serie dennoch und unterstellt wegen der langen Laufdauer und wegen gelegentlicher Leserbewertungen wie hier oben, es könnte ja doch etwas dran sein.

- In den ersten zwei Berufsjahren nach dem Studium beginnt sich ein gewisses Verständnis für meine Aussagen zu bilden. Da gibt es doch tatsächlich Vorkommnisse, die jenen aus der Serie ähneln.

- Mit 40 Jahren versteht man fast immer, wovon hier die Rede ist. Ich höre sogar oft aus Kreisen jener Leser: „Das ist alles noch viel schlimmer als Sie es schildern.“ Wobei mein Ziel nicht etwa ist, Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern ich will Hilfestellungen zur Lösung unterschiedlicher Probleme geben. Die man leichter löst, wenn man ihnen vorbereitet begegnet.

Und: Wenn junge Leute absolut realitätsfremde Vorstellungen von jener Welt haben, in und von der sie in Kürze leben wollen oder müssen, dann liegt das nicht an mir. Da mögen sich andere an die eigene Nase fassen.

 

Frage/2: Seit gut 2,5 Jahren bin ich in einem Tochterunternehmen eines namhaften …-Produzenten angestellt. Mit meiner Position in der Projektierungsabteilung habe ich einen interessanten, abwechslungsreichen und verantwortungsvollen Job zum Berufseinstieg gefunden. Die Unternehmenskultur der Firmengruppe sowie der Umgang zwischen Kollegen und mit Kunden ist sehr vorbildlich (das ist toll, aber „sehr vorbildlich“ sagt man nicht; „vorbildlich“ allein ist schon gut genug; H. Mell). Das Verhältnis zu meinen Vorgesetzten ist hervorragend. So weit, so gut.

Die Auftragslage der Firma ist in den vergangenen Jahren – einhergehend mit der Auslastung der Belegschaft – stetig angestiegen (Lagen steigen nicht an, auch Auftragslagen nicht; sie verbessern sich, Auftragseingänge steigen; ich höre jetzt hier damit auf, weil manche Leute solche Einwände absolut nicht vertragen können; mein Rat: lesen, lesen und nochmals lesen, am besten Bücher – das hilft dabei, Sprachgefühl zu entwickeln; H. Mell). Verzüge in Projekten und strukturelle Probleme verschärften die Situation. Die Auftraggeber wurden zunehmend unzufriedener.

 

Antwort/2: Immer weiter steigende Auftragseingänge – sind ein pures Luxusproblem für jedes Unternehmen! Und dieses Problem ist lösbar, sofern man das mit ganzer Kraft will: Jede Bank gibt gern Kredit, wenn man wegen erdrückender Auftragseingänge die Kapazitäten ausweiten muss. Das Gegenteil, schrumpfende Bestelleingänge, ist ziemlich gefährlich, ist ein Warnsignal erster Güte und oft die Vorstufe zur Pleite, zum Verkauf, zur Fusion o. ä. Aber: Lesen Sie „sofern man das mit ganzer Kraft will“.

 

Frage/3: Seit einiger Zeit mache ich mir immer wieder Gedanken über einen Wechsel, da die Überlastung nur schwer zu ertragen ist. Aufgrund zahlreicher Gespräche mit Kollegen und Vorgesetzten kann ich versichern, dass es sich hier nicht nur um meinen persönlichen, sondern um einen weitverbreiteten Eindruck handelt. In den vergangenen zwölf Monaten haben knapp 10% der Belegschaft das Unternehmen verlassen.

Kürzlich musste der Geschäftsführer seinen Hut ziehen (ich muss wortbrüchig werden: Er „zieht“ den Hut, wenn er grüßt, aber er „nimmt“ ihn, wenn er geht bzw. muss ihn nehmen, wenn er gefeuert wird; H. Mell). Seitdem sitzt ein Interimsmanager auf seinem Platz. Der führte viele Maßnahmen durch, die unsere Situation verbessern sollten. Auch ich arbeitete einige dieser Konzepte aus – und hoffte auf Besserung.

Im Gegenteil: Der Druck und die Belastung haben weiter zugenommen. Es ist keine Besserung in Sicht. Das Verlangen zu kündigen rückt wieder stärker in den Vordergrund. Aber mir ist bewusst, dass meine Dienstzeit für einen Wechsel noch zu kurz ist.

 

Antwort/3: Ich trenne Ihre Aussage bewusst hier vom Rest ab, weil mir so eine allgemeingültige Aussage möglich ist (Frageteil 4 wird dann sehr speziell und ist personenbezogen):

Das Problem mit der kurzen Dienstzeit (2,5 Jahre seit Studienende) ist kein großes. Der Arbeitsmarkt toleriert bei Anfängern etwa zwei bis drei Jahre beim ersten Arbeitgeber, später erwartet er als Ideal etwa fünf Jahre.

Aber man soll in dieser Angelegenheit nicht leichtsinnig vorgehen: Zwei bis drei Jahre bei Arbeitgeber A sind absolut in Ordnung, sofern Sie bei B Ihre (ca.) fünf Jahre erreichen. Aber wer garantiert Ihnen das? Also ist man gut beraten, „Dienstzeitpolster“ anzulegen, wenn es irgend geht (damit federt man spätere Katastrophen etwas ab).

Ich stelle jedoch eine ganz andere Argumentationskette in den Vordergrund:

- Sie sind jung, da kann man Belastungen über einen begrenzten Zeitraum schon einmal ertragen („Was uns nicht umbringt, macht uns härter“).

- Der Belastungszeitraum ist begrenzt, man kann das fast garantieren. Irgendetwas wird sich dort ändern. Der Interimsmanager wird das nicht bleiben, darauf deutet schon seine Positionsbezeichnung hin. Entweder also kommt ein neuer „richtiger“ GF oder Ihre Gesellschaft wird verkauft etc. Solche Veränderungen muss ein Manager von 55 Jahren fürchten – für einen so jungen Mann in Ihrer Lage ist das viel mehr Chance statt Risiko. Je mehr Mitarbeiter gehen, desto mehr braucht man – bei steigenden Auftragseingängen – den Rest. Wenn man jung ist, steckt hinter jeder Veränderung eine Verbesserungsmöglichkeit. Nutzen Sie diese Chance und bleiben Sie einfach noch ein Jahr. Später zählt nur noch die Position, die Sie im Lebenslauf darstellen können – und die Begeisterung, die Ihre Chefs im Zeugnis über Ihre Leistungen zum Ausdruck bringen.

 

Frage/4: Ich werde durch meine Vorgesetzten sehr gefördert. So wurde kürzlich mein Funktions- und Verantwortungsbereich erweitert. Auch bei meinem berufsbegleitenden Masterstudium werde ich durch das Unternehmen finanziell unterstützt. Es spricht also vieles für einen Verbleib. Andererseits sind die Aussichten auf eine Verbesserung der Belastungssituation und auf eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens ungewiss. Welchen Rat können Sie mir geben?

Antwort/4: Ich präzisiere meinen Rat aus Antwort/3: Bleiben Sie mindestens so lange, bis Sie Ihr Masterstudium fertig abgeschlossen haben. Bewerbungsempfänger mögen zwar fertige Master, aber kaum solche Kandidaten, welche die 100% ihrer vorhandenen Leistungskapazität aufteilen in 75% für den bezahlten Job und 25 % für den Erwerb des Masters Und mit finanzieller Förderung Ihres Studiums durch einen neuen Arbeitgeber können Sie schon einmal gar nicht rechnen.

Warum hat Ihr heutiger Arbeitgeber wohl Ihr nebenberufliches Studium gefördert? Damit Sie einen Masterabschluss bekommen? Aber woher denn! Damit er(!) einen Mitarbeiter mit Masterqualifikation bekommt. Das ist für ihn eine Investition. Also muss sie sich auch rechnen.

Also lautet mein Vorschlag: Bleiben Sie bis zum Masterabschluss und noch ein halbes bis ein Jahr darüber hinaus. Dann hat Ihr Arbeitgeber wenigstens noch etwas für seine Investition in Ihre Ausbildung bekommen – das wäre nur fair. Und vielleicht erkennt er ja den fertigen Master gezielt besonders an (Gehaltserhöhung/Beförderung).

Eines allerdings erspare ich Ihnen nicht: Sie heben Ihre Belastung so hervor und versuchen sehr engagiert zu untermauern, dass auch andere Mitarbeiter darunter leiden. Aber der Verdacht bleibt: Ihr nebenberufliches Studium frisst Leistungskapazität – und trägt sicher zu dem Eindruck bei, es sei insgesamt zu viel für Sie. Aber ist nicht ein Teil davon bloß hausgemacht? Also kämpfen Sie sich da durch. Sie werden es schon schaffen!