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Donnerstag, 8. Dezember 2016, Ausgabe Nr. 49

Donnerstag, 8. Dezember 2016, Ausgabe Nr. 49

Heiko Mell

 Haben Sie Fragen zu Ihrer Karriere oder Karriereplanung?

Heiko Mell

Dr.-Ing. E. h. Heiko Mell, Personalberater und Geschäftsführer der Heiko Mell & Co GmbH in Rösrath, gibt Ihnen wertvolle Tipps.
Er beantwortet Ihre Karrierefragen, sofern sie sich für eine öffentliche Darstellung in den VDI nachrichten eignen, diese Fragen und Antworten sind auch im Internet zugänglich.
Die Bearbeitungszeit ist dabei begrenzt, unter den wöchentlich eingehenden Fragen wird eine Auswahl getroffen, wir bitten dafür um Verständnis.
 
Senden Sie uns Ihre Fragen an Heiko Mell per E-Mail oder Post.

VDI Verlag GmbH
VDI nachrichten Karriereberatung
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BEWERBUNG

Wenn man in kein Raster passt, …

2.854. Frage/1: Nach fast einem Jahr und ca. hundert erfolglosen Bewerbungen weiß ich nicht mehr weiter.

Ich bin gebürtige Russin, habe in St. Petersburg Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Marketing studiert und fünf Jahre in verschiedenen russischen Unternehmen gearbeitet. Für die in deutschen Augen kurzen Dienstzeiten gibt es überzeugende Erklärungen.

 

Antwort/1: Halten wir bis dahin fest:

a) Der Misserfolg mit den rundum erfolglosen Bewerbungen ist Fakt. Ich kann ihn nur erklären. Die von der Einsenderin angeschriebenen Unternehmen in Deutschland haben bereits abgewinkt – und dann erst habe ich das zu erläutern versucht. Meine Erklärung kann richtig oder falsch sein, aber die Katastrophe wäre auch geschehen, wenn ich diesen Beitrag nicht geschrieben hätte.

Sie liebe Leser, wundern sich über diese Einleitung? Nun, ich kenne jenen Typ „Gutmensch“ unter Ihnen, der in solchen Fällen seine Entrüstung bei mir ablädt. Also zur Klarstellung: Nein, die deutsche Industrie reagiert nicht so, weil ich hier entsprechend schreibe. Ich kann nur fast immer begründen, warum sie so denkt und handelt. Und sie täte es auch weiterhin, wenn ich etwa schriebe, wie falsch sie damit läge. Mein Beitrag hat, ganz bescheiden gesagt, dennoch seinen Wert: Wenn man weiß, wie auf Entscheiderseite gedacht wird, kann man – so man will – sich als Betroffener darauf einstellen.

b) Als Trost für Sie, geehrte Einsenderin: Da „kein Mensch“ hier im Lande weiß, welchen Regeln und Gepflogenheiten die Karrieregestaltung in Ihrem großen, von uns hier oft nur bedingt verstandenen Heimatland unterliegt und nach wie vielen Jahren man dort wechselt oder auch nicht – ist dieses Problem erst einmal keines. Für eine Tätigkeit in Deutschland ist diese ganze Phase (4 Jahre, die von Ihnen mitgerechnete Diplomarbeit zählt für uns noch nicht als Berufspraxis) ohne besonderes Interesse. Jedenfalls, sofern es um die Qualifikation für einen Job in Deutschland geht – der nicht etwa mit Dienstsitz in Russland verbunden ist.

Halten wir auch fest: Sie waren – als Ingenieurin (!) – Produktmanager einer Süßwarenfabrik, Produktmanager für Inneneinrichtung und Marketingmanager für Kosmetik.

 

Frage/2: Ich hatte dann vor vier Jahren selbst gekündigt für den Umzug nach Deutschland.

In Deutschland habe ich zum zweiten Male studiert, um mit einem entsprechenden Abschluss den Einstieg in die deutsche Arbeitswelt (und einen permanenten Aufenthaltstitel) zu erreichen.

Hier habe ich während des Studiums bei einem sehr großen Konzern als Werkstudent in der Abteilung für Prozessautomatisierung gearbeitet (ca. 1,25 Jahre). Als diese befristete Tätigkeit endete, habe ich mich leider nicht um eine Anschlusstätigkeit bemüht, weil unter der zeitlichen Belastung mein Studium zu sehr gelitten hat.

 

Antwort/2: Das Studium in Deutschland, abgeschlossen mit einem Master of Science in Marketing und einer Note von immerhin 2,3 (fremdes Land) war sicher eine richtige Entscheidung, sofern Sie hier anspruchsvolle Jobs anstreben. Bei einem mitgebrachten Examen von einer namhaften Uni in den USA, in Großbritannien, Frankreich o. Ä. wäre das nicht nötig gewesen. Aber wer hier bei uns weiß schon etwas über die Qualität von Wirtschaftsingenieur-Studiengängen in Sankt Petersburg?

 

Frage/3: Zwischenzeitlich hatte ich in Deutschland meinen jetzigen Ehemann kennengelernt, inzwischen sind wir verheiratet. Nun habe ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen, und ich bin auf Jobsuche.

 

Antwort/3: Es wäre ausgesprochen unfair von mir, in Ihrem Fall kleinliche Anmerkungen zu Feinheiten im Sprachgebrauch zu machen. Aber erstens ist Ihr Brief von sehr hoher Qualität in dieser Hinsicht, zweitens haben Sie vermutlich einen deutschen Ehemann und drittens schreiben Sie ganz lapidar im Lebenslauf, Deutsch und Russisch seien Ihre Muttersprachen (Sie erklären das aber nicht; Ihr Geburtsname klingt russisch, Ihr heutiger Name eher deutsch). Ich erlaube mir zwei Anmerkungen:

A) Ein „jetziger“ Ehemann klingt nach anderen solcher Männer, die es schon gab oder die noch kommen sollen. Im Regelfall sagt man einfach „mein Mann“. Dies ist eine eher amüsante Bemerkung, die ein bisschen auf Ihren Mann zielt, der Ihren Brief vermutlich gelesen hat und keinen Anstoß nahm (ich würde protestieren, stellte meine Frau mich als „jetzigen Ehemann“ vor).

B) Die schlichte Formulierung „Nun habe ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen und bin auf Jobsuche“ klingt so als wäre das Studienende jetzt etwa sechs Wochen her, es sind bis heute aber etwa neun Monate. Weiter oben sprechen Sie selbst von „fast einem Jahr“. In Bewerbungen wäre eine solche Formulierung etwas unangemessen.

 

Frage/4: Natürlich habe ich mir zusammen mit meinem Ehemann (VDI-Mitglied) und Freunden auch schon selber Gedanken gemacht, woran es liegen könnte, dass a) die Einladungsquote nur ca. 20 % beträgt, obwohl ich der Meinung bin, mich nur auf passende Jobs zu bewerben, und ich b) bisher ausnahmslos Absagen erhalten habe.

Ich habe meine Unterlagen zu Beginn meines Bewerbungsprozesses von einer Beraterin prüfen und verbessern lassen. Auch von verschiedenen Personalvermittlern, die meine Unterlagen gesehen haben, habe ich nur positives Feedback bekommen.

Bezüglich meines Auftretens in Vorstellungsgesprächen ist es natürlich schwierig, ein ehrliches Feedback zu bekommen. Wo dies mehr oder weniger möglich war (wenn der externe Personalvermittler am Vorstellungsgespräch teilgenommen hatte), habe ich aber auch keine negativen Rückmeldungen bekommen.

Nach meiner eigenen Einschätzung (bestätigt durch Feedback von Ehemann und Freunden) hinterlasse ich im Gespräch einen souveränen, offenen und interessierten Eindruck.

Und in Russland hatte ich mich in der Vergangenheit ja auch mehrfach erfolgreich beworben.

 

Antwort/4: Hat Ihr Ehemann Sie nicht wenigstens ein bisschen vor mir gewarnt? Hätte er vielleicht tun sollen. Aber sehen Sie selbst, wo Angriffspunkte liegen, wenn wir Ihre Aussagen in diesem Frageteil der Reihe nach durchgehen:

I. Ehepartner taugen in diesen Fragen als Kritiker nur sehr bedingt etwas, Freunde gar nichts. Diese Menschen lieben Sie, wollen auch weiterhin mit Ihnen auskommen – und verstehen in der Regel nichts von diesen Themen.

II. Eine Einladungsquote von 20 % ist für einen Berufseinsteiger (der Sie auf unserem Arbeitsmarkt weitgehend sind) ganz ordentlich; viele deutsche Studienabsolventen kommen nicht auf eine so „hohe“ Quote.

III. Wenn Sie bei hundert Bewerbungen (Ihre Worte) 20 % Einladungen erzielt haben, dann waren Sie in zwanzig Vorstellungsgesprächen – und niemand hat Sie eingestellt.

Die folgende Aussage ist berechtigt: Sie machen bei Ihren Auftritten im Gespräch etwas falsch. Vielleicht sind Sie zu „souverän“?

Hier liegt zweifelsfrei ein Kern des Problems. Kümmern Sie sich darum. Sie brauchen das simulierte Vorstellungsgespräch mit einem erfahrenen Berater, der Ihnen anschließend sagt, woran Sie arbeiten müssen.

Dies ist jetzt ein Beispiel ohne jeden Bezug zu Ihrer Person, ich kenne Sie ja nicht persönlich. Aber ich habe schon in meinen Berichten über Vorstellungskandidaten nach solchen Gesprächen z.B. geschrieben: „Nach nur 17 Minuten gelang es mir, auch einmal einen kurzen Satz loszuwerden.“

Bedenken Sie: Bei Menschen, die von einem anderen Kulturkreis geprägt wurden, weiß man nie, wie ihre „ungekünstelte“ Art ankommt. Auch in Deutschland kann ein Ostfriese mühelos in Bayern allein an seiner Herkunft scheitern – oder ein Sachse in Baden-Württemberg.

IV. Der Personalvermittler will Sie irgendwohin vermitteln und an Ihrer Bewerbung Geld verdienen. So richtig schonungslos wird er Ihnen kaum die Wahrheit sagen. Nachher bewerben Sie sich vielleicht lieber bei anderen Vermittlern – und er schaut „in die Röhre“. Und ob alle diese Personen so erfahren und qualifiziert sind wie es in Ihrem Fall wünschenswert wäre, ist auch offen.

V. Ihre eigene Einschätzung des Eindrucks, den Sie im Vorstellungsgespräch hinterlassen, ist völlig unerheblich. Wenn Sie in neun von zehn Fällen ein Vertragsangebot erhalten, dann dürfen Sie ganz vorsichtig vermuten, woran das wohl liegt. Aber hier ist Ihre Aussage, verzeihen Sie, schlicht naiv.

Und der Hinweis auf Ihre Bewerbungserfolge in Russland ist absolut naiv, ohne schlicht.

 

Frage/5: Einladungen erhielt ich vornehmlich bei Bewerbungen um „internationale“ Jobs oder durch Personalvermittler, die mich schon persönlich kennengelernt hatten. Ich weiß, dass es gerade im Mittelstand Vorbehalte gibt, im Marketing Nicht-Muttersprachler einzustellen. Ich verstehe das, finde es aber schade, dass ich oft nicht einmal die Chance erhalte zu zeigen, dass mein Deutsch sich auf Muttersprachlerniveau bewegt.

 

Antwort/5: Nichts davon ist so richtig logisch:

- Wenn Sie überwiegend Einladungen von Leuten bekommen, die Sie schon kennen – warum führt denn keine zu einem Vertragsangebot?

- Ist Ihr Deutsch nun auf Muttersprachen-Niveau oder nicht? Ihr Lebenslauf sagt zu den Hintergründen zu wenig aus.

- Natürlich will man im Marketing, wo die Produkt-, Vertriebs- und Preispolitik festgelegt wird, Mitarbeiter beschäftigen, die wie jene Leute denken (und reden), denen man etwas verkaufen will. Sie, geehrte Einsenderin, sind lt. Lebenslauf eine „waschechte Russin“, die mehr oder minder erfolgreich versucht, hier beruflich Fuß zu fassen. Wenn das nicht so ist, verschenken Sie Chancen – Ihr Lebenslauf müsste das darstellen. Dort aber erfährt man noch nicht einmal, welche Staatsangehörigkeit Sie haben oder anstreben, ob Sie mit einem Deutschen verheiratet sind und ob Sie nun Ihre endgültige berufliche Zukunft in diesem Lande sehen.

 

Frage/6: Mir ist bewusst, dass ich wenn überhaupt vor allem Chancen im Schnittstellenbereich Deutschland-Russland habe, dieser Bereich liegt aber aufgrund der weiterhin bestehenden Sanktionen brach.

Mir ist bewusst, dass mit jedem Monat ohne Job meine Chancen noch mehr sinken.

 

Antwort/6: Letzteres ist ein Zentralproblem, es muss vorrangig gelöst werden.

Also: Sie müssen vor allem anderen hier in Deutschland in das Berufsleben integriert werden – ob mit Schnittstelle zu Russland oder ohne.

Ihr Lebenslauf muss aussagen, was bisher offen bleibt. Etwa so:

„… geboren am … in … (Russland) als Tochter einer deutschen Mutter und eines russischen Vaters, zweisprachig aufgewachsen, Deutsch ist wie eine Muttersprache für mich“;

„Familienstand: verheiratet mit einem Deutschen, deutsche Staatsangehörigkeit“ (oder: „wird angestrebt“);

Sie legen eine Original-Bewerbung bei. Nach deutschem Verständnis sind Sie eine Marketing-Berufsanfängerin. Aber Sie bewerben sich um eine „Area Sales Manager“-Position (für GUS-Staaten). Das ist nicht Marketing, das ist Verkauf! Es heißt im Inserat: „Umsatz- und Absatzverantwortung in Ihrer Region“. Das haben Sie noch nie gemacht, schon gar nicht in Deutschland – und das würde man einen Berufsanfänger (auf unserem Arbeitsmarkt) auch niemals machen lassen. Zwingend verlangt das Inserat denn auch „Nachweisbare Erfolge im …-Vertrieb“.

Ich versuche eine Zusammenfassung:

Der Wechsel von einem Kulturkreis in einen anderen ist in beruflicher Hinsicht schwierig. Rückschläge sind einzukalkulieren, man kann nicht einfach eine deutsche Zusatzausbildung absolvieren und dann dort weitermachen, wo man in der Heimat aufgehört hatte. Zusätzlich gilt Deutschland für viele Ausländer – wiederum in beruflicher Hinsicht – als recht schwierig. Man denkt hier viel in „Rastern“ – und wehe dem, der in keines spontan hineinpasst.

Und bei Bewerbungen ist der Lebenslauf das wichtigste Dokument. Wirft der „Fall“ Fragen auf, muss der Lebenslauf sie beantworten, im Zweifelsfall werden Dokumente wie das Anschreiben gar nicht mehr gelesen.

Hinzu kommt, dass mehrmonatige Arbeitslosigkeit die Marktchancen deutlich drückt („andere Arbeitgeber haben diesen Bewerber geprüft und auch nicht gewollt“).

Schließlich ist Selbstkritik, nicht der Versuch der Selbstbestätigung, angesagt, wenn nach zwanzig Vorstellungsgesprächen kein einziges Vertragsangebot folgte.

 

Service für Querleser:

1. Wer aus einem völlig anderen Kulturkreis kommt und die Chance dazu hat, ist gut beraten, auch noch ein Studium in Deutschland anzuschließen. 

2. Bei nicht auf das Herkunftsland ausgerichteten Positionen/Tätigkeiten hier im Lande sind im Herkunftsland erworbene Berufserfahrungen nur bedingt wertvoll.