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Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

Heiko Mell

 Haben Sie Fragen zu Ihrer Karriere oder Karriereplanung?

Heiko Mell

Dr.-Ing. E. h. Heiko Mell, Personalberater und Geschäftsführer der Heiko Mell & Co GmbH in Rösrath, gibt Ihnen wertvolle Tipps.
Er beantwortet Ihre Karrierefragen, sofern sie sich für eine öffentliche Darstellung in den VDI nachrichten eignen, diese Fragen und Antworten sind auch im Internet zugänglich.
Die Bearbeitungszeit ist dabei begrenzt, unter den wöchentlich eingehenden Fragen wird eine Auswahl getroffen, wir bitten dafür um Verständnis.
 
Senden Sie uns Ihre Fragen an Heiko Mell per E-Mail oder Post.

VDI Verlag GmbH
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LESERREAKTION

Nachteile kleiner Unternehmen

2.883. Frage: Dem Schreiber der Einsendung zu Frage 2.861 kann ich aus eigener Erfahrung nur beipflichten und zwar vom ersten bis zum letzten Wort (es ging dort um die Warnung insbesondere an Absolventen vor zu kleinen Unternehmen; H. Mell).

Ich bin Dipl.-Ing. Maschinenbau. Nach meinen ersten acht Dienstjahren bei einem inhabergeführten Mittelständler wechselte ich seinerzeit zu einem 60-Mitarbeiter-Unternehmen. Die Aufgabe (Vertriebsleiter) reizte mich, doch die Ernüchterung war groß und zwar genau aus den vom Schreiber der erwähnten Frage genannten Gründen.

Am kritischsten war das Gehaltsgefälle von mir zur übrigen Mannschaft, obwohl ich keineswegs überdurchschnittlich für meine Position bezahlt wurde. So etwas lässt sich gerade in so einem kleinen Unternehmen auf Dauer nicht geheim halten und schafft Misstrauen.

Als dann auch noch der (verheiratete) Inhaber ein Verhältnis mit einer meiner (ebenfalls verheirateten) Mitarbeiterinnen anfing, war es für mich nach weniger als einem Jahr Zeit, die Reißleine zu ziehen.

Ich wechselte zu einem viel größeren, ebenfalls inhabergeführten Mittelständler mit deutlich mehr als 500 Mitarbeitern und starker internationaler Orientierung. Dort fand ich für fast dreißig Jahre mein Glück im Investitionsgütervertrieb.

Ich kann schon verstehen, dass Sie die kleineren Unternehmen nicht zu negativ darstellen wollen. Andererseits hilft es keiner der beteiligten Parteien, wenn ein neuer Mitarbeiter, von falschen Erwartungen angelockt, dort nach kurzer Zeit scheitert.

 

Antwort:

Hier spielen sehr viele Aspekte eine Rolle. Lassen Sie mich mit einem beginnen, der vielleicht spontan verblüfft:

Sie sind seit dreißig Jahren aus jenem Unternehmen weg. Nehmen wir einmal an, diesen alten Arbeitgeber gäbe es noch. Nehmen wir zusätzlich an, der Inhaber wäre damals 40 gewesen, dann könnte er heute 70 sein, das Beispiel ist realistisch. Und die Firma verkaufe nach wie vor fröhlich ihre Produkte – und habe wie damals zu diesem Zweck einen Vertriebsleiter.

Ich garantiere, dass der heutige Inhaber dieser Position nicht Ihr (etwa) 35. „Nachfolger im Amt“ wäre! Realistisch betrachtet, mögen seit damals etwa fünf bis sechs Vertriebsleiter dort tätig gewesen sein – und der letzte davon ist immer noch da. Und wenn es sieben oder acht waren, 35 (nach den Dienstzeitmaßstäben, die Sie dort gesetzt hatten) waren es jedenfalls nicht, es könnten sogar auch nur zwei oder drei gewesen sein!

Sie werden mir bis dahin zustimmen. Schon deshalb, weil kein Unternehmen es überlebt, wenn über Jahrzehnte hinweg in mehrmonatigen Abständen der Inhaber einer zentralen Führungsposition wechselt.

Wenn dem so ist, was bedeutet das nun für Ihren geschilderten Fall? Es bedeutet nicht, dass Sie unvollkommen waren und Fehler gemacht haben – außer dem einen, dort überhaupt hingegangen zu sein. Andere Menschen aber, davon dürfen, ja müssen wir beide ausgehen, sind auf Ihrer alten Stelle entweder glücklich geworden, waren dort wenigstens halbwegs zufrieden oder fanden bzw. finden zumindest doch ihr Auskommen, das es ihnen erlaubt(e), die Familie zu ernähren. Denn es gibt Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen ebenso wie solche mit unterschiedlichen Ansprüchen. Irgendjemand findet sich immer, der zu einem noch so „außergewöhnlichen“ Job passt.

Ich halte Ihre Schilderung aus jenem Umfeld für durchaus glaubhaft – aber muss sich jeder daran stoßen? Und was ist, wenn die Alternative Arbeitslosigkeit im zweiten oder dritten Jahr lautet?

Halten wir fest: Die Person an der Spitze eines Unternehmens prägt – u.a. das Arbeitsumfeld der nächsten zwei bis drei Ebenen darunter. Weiter „unten“ flaut dieser Einfluss der „Spitze“ schon stark ab. Das ist die eine Basis für Überlegungen zu unserem Thema.

Die zweite lautet: Ein Inhaber (dem „der Laden“ gehört und der u. a. nicht gefeuert werden kann!) prägt sein Unternehmen durch seine Person ungleich stärker als ein angestellter Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzender. Und sein prägender Einfluss reicht im kleinen Betrieb bis hinunter zum Hilfsarbeiter.

Das bedeutet: Je größer der fremd geführte Konzern, desto freier sind Sie als „kleiner Angestellter“ (auch als mittlere Führungskraft) vom direkten Einfluss bestimmter persönlicher Eigenschaften, Unarten und Marotten der Spitze. Je kleiner jedoch das inhabergeführte Unternehmen ist, desto stärker sind Sie den stilprägenden Charakterzügen der Person an der Spitze ausgesetzt. Das kann „Himmel“ oder „Hölle“ bedeuten – aber deren Definitionen sind nicht genormt, sondern von den individuellen Empfindungen und Erwartungen der betroffenen Personen abhängig.

Und unabhängig von allen systematischen Überlegungen dazu, von Betrachtungen hinsichtlich Rechtsform und Größe des Unternehmens gilt: Täglich verlassen Angestellte ihre Unternehmen voller Groll gegenüber diesen Arbeitgebern und in der „sicheren Erkenntnis“, dass man dort einfach nicht bleiben könne. Und einige Tausend anderer Mitarbeiter sind dort halbwegs zufrieden und bleiben bis zum Ende ihrer (beruflichen) Tage. Es ist ein weites Feld, auf dem wir uns hier bewegen. Aber eine generelle Warnung meinerseits vor einem bestimmten Unternehmenstyp wäre nicht zu verantworten.

Berechtigt aber ist meine Empfehlung an Angestellte aller Ebenen: Beginnen Sie schon im Studium damit, sehr sorgfältig zu analysieren, wie Sie „gestrickt“ sind, welche Erwartungen Sie haben, unter welchen Umständen Sie sich wohlfühlen, was Sie ertragen können und was nicht. Und dann sammeln Sie alle Informationen über Unternehmenstypen und ihre Besonderheiten, die Sie bekommen können – und werten Sie beides aus. Das geht – ich habe es selbst ausprobiert. Voraussetzung ist: Man muss an diesen Zusammenhängen interessiert sein und sich intensiv um entsprechende Erkenntnisse bemühen. Was zu meinem stillen Entsetzen keineswegs selbstverständlich ist.

 

BERUFSALLTAG

Umzug, Familie etc.

2.884. Frage: Ich bin seit zwei Jahren als Abteilungsleiterin bei einem Unternehmen beschäftigt, das 100 km vom Wohnort entfernt liegt. Das sind täglich 200 km Fahrt bei steigenden Stauzeiten.

Die Position, die Aufgaben, die Firma und der Chef sind sehr gut. Ich habe aber zwei kleine Kinder, die werden mal krank, müssen mal früher in der Schule oder im Kindergarten abgeholt werden usw. Das führt zu Problemen unterschiedlicher Art. Home-Office oder flexible Arbeitszeiten lehnt mein Chef ab. Sein Kompromiss war ein Teilzeitvertrag, bei dem ich weniger verdiene und nicht weniger Arbeit habe, diese nimmt im Gegenteil immer mehr zu.

Ich sehe zwei Möglichkeiten:

a) Ich suche mir einen neuen Job in Wohnortnähe. Ich weiß aber nicht, wie ich Bewerbungsempfängern meinen Wechselwunsch erklären soll. Wenn ich nach ca. halbjähriger Suche einen vergleichbaren Job finde, hätte ich zweieinhalb Dienstjahre, vielleicht drei. Fünf wären besser, aber so lange halte ich die tägliche Belastung nicht aus.

„Rahmenbedingungen“ als Wechselgrund zu nennen, ist vermutlich auch nicht empfehlenswert.

b) Einer unserer Personaler riet mir, einen neuen Arbeitsvertrag zu suchen und den meinem Chef vorzulegen. Das Unternehmen würde dann vermutlich versuchen, mich zu besseren Arbeitsbedingungen zu halten (man hat Schwierigkeiten, an diesem Standort neue Mitarbeiter zu finden).

Mir kommt das wie Erpressung vor. Allerdings hat mein Chef „durch die Blume“ einen ähnlichen Tipp gegeben. Wenn ich aber einen neuen Vertrag ausgehandelt hätte, dann müsste der ja besser sein als der heutige. Wäre es auf der Basis überhaupt sinnvoll, beim heutigen Unternehmen zu bleiben?

Ich weiß nicht weiter. Ich liebe meinen Job, unendlich mehr aber meine Kinder. Eine Lösung für die Familie muss her, auch wenn es auf meine Kosten wäre. 

 

Antwort:

Wir brauchen, dies als Beruhigung für Sie, gar nicht erst nach der zentralen Lösung zu suchen, es gibt sie nämlich nicht. Alles was wir können, ist nach dem kleineren Übel Ausschau zu halten.

Erste Generalaussage: Für eine Mutter mit zwei kleinen Kindern ist ein täglicher Anfahrtsweg von 100 km ganz schlicht zu lang! Höchstens ein Single ohne allzu viele private Verpflichtungen könnte damit eventuell (!) noch zurechtkommen.

Zweite Generalaussage: Sie setzen im letzten Absatz Ihre familiäre Situation auf Nummer eins Ihrer Prioritätenliste, damit bleibt dem Beruf nur die Nummer 2. Das erleichtert das Suchen nach Auswegen.

Dritte Generalaussage: Wenn man in einer komplexen Konstellation mit erfolgsentscheidenden Faktoren (z. B. in einer Anstellung) einen davon als Problem sieht und deswegen z. B. das gesamte Arbeitsverhältnis austauscht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass beim neuen Job neue Probleme auftauchen, die Sie im alten nicht hatten.

Auf dieser Basis arbeiten wir uns dann langsam vor. Übrigens: Ihre Variante b mit der (moralischen) „Erpressung“ kann es tatsächlich geben. Ihr Chef braucht gegenüber seinem Chef die Ausrede: „Diese Mitarbeiterin wäre sonst gegangen, sie hat mir ihr neues Vertragsangebot gezeigt. Wir müssen ihr entgegenkommen.“ Diese Welt ist schon ein wenig verrückt.

Also: Sie brauchen so oder so ein neues Vertragsangebot, müssen sich also bewerben. 2,5 Jahre Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber wären gefährlich kurz, weniger für diese Bewerbung als für Ihre Zukunft, aber Sie sehen ja, ob es überhaupt klappt. Probleme diesbezüglich gibt es noch nicht, wenn Sie sich bewerben, sondern erst nach Ihrer möglichen Unterschrift unter den neuen Vertrag.

Übrigens sind Sie heute Abteilungsleiterin in Teilzeit, vermutlich erstmals dorthin befördert in dieser Anstellung. Auf der Basis ist ein vergleichbarer Job kaum zu bekommen, ein besserer schon gar nicht. Ihre Beschränkung auf einen engen Radius um Ihre Wohnung reduziert die Chancen zusätzlich.

Wenn sich diese Suche erwartungsgemäß als schwierig erweist, stellen Sie Ihre heutige Position eher als Team- oder Gruppenleiterin dar und suchen Sie etwas auf diesem Niveau. Im äußersten Fall („Familie steht an erster Stelle“) suchen Sie sogar eine nichtleitende Position im Fachgebiet; dann dürfen Sie auch heute nur eine solche Stelle haben („ich bin verantwortlich für …“, nicht „ich leite die Abteilung…“). Die Gehaltswünsche müssten Sie diesem jeweiligen Status anpassen.

Keine Angst, Sie wollen den entsprechenden Vertrag gar nicht unterschreiben, Sie tun nur so. Begründung der Wechselabsicht: die Entfernung, während Sie alles andere am heutigen Umfeld loben. Vom Home-Office oder flexiblen Arbeitszeiten reden Sie besser gar nicht, wenn es nicht ausdrücklich in der Stellenanzeige steht.

Dann gehen Sie mit diesem Vertragsangebot zum heutigen Chef und sagen, Sie würden schweren Herzens das Angebot annehmen (trotz gewisser Nachteile), weil Sie anders Ihre familiären Probleme nicht lösen könnten. Aber Sie täten es höchst ungern und wären gern dort geblieben, wenn es doch nur die Chance gegeben hätte, über Home-Office und/oder flexible Arbeitszeiten zu einer Lösung zu kommen. Zu schade aber auch, Sie hätten so gern weiter für diesen Chef (und das Unternehmen) gearbeitet.

Und dann hoffen Sie, dass der Tipp des hauseigenen Personalers und die Andeutung „durch die Blume“ Ihres Chefs einen realen Hintergrund hatten. Klappt das nicht, unterschreiben Sie entweder das externe Angebot tatsächlich und kündigen oder Sie bitten intern um Überlegungsfrist von zwei bis drei Tagen und erklären dann, Sie hätten im neuen Vertragsangebot doch noch ein Haar in der Suppe gefunden und würden bleiben. Allerdings wäre Ihre Position dort dann sehr schwach, man würde mit Ihrer Kündigung in den nächsten Monaten rechnen, Sie stünden entsprechend unter Druck.

So wie Sie die Situation schildern, gehe ich von 70 % bis 80% Erfolgschancen aus. Und was ist schon ohne Risiko? Schließlich wollen Sie ein Ziel erreichen, das kostet immer einen Preis.

Damit wir uns nicht missverstehen: Eine saubere, rundum empfehlenswerte Lösung ist das nicht. Besonders fair gegenüber dem Bewerbungsempfänger ist das auch nicht. Aber auch der hat eine reale Chance: Vielleicht bietet er Ihnen so tolle Bedingungen an, dass Sie auf das ganze „Theater“ beim heutigen Unternehmen verzichten und doch beim neuen unterschreiben. Wenn Sie dort sieben Jahre bleiben, sind Ihre heutigen 2,5 Jahre vergessen.

Ich bin übrigens recht skeptisch, was Ihre Chancen auf langfristigen Verbleib beim heutigen Arbeitgeber angeht, auch wenn der Ihnen entgegenkommt. Eine Abteilungsleitung vom Home-Office aus ist sehr schwierig, besonders bei 100 km Entfernung und in Teilzeit. Planen Sie für eine solche Phase etwa zwei bis drei Jahre ein – und gehen Sie dann wirklich.
 

Service für Querleser:

Manche Probleme, insbesondere wenn Persönliches mit Beruflichem konkurriert, finden kaum eine wirklich überzeugende Lösung – man kann sich oft nur für das kleinere Übel entscheiden.