Software 05. Aug 2016 Harald Weiss

Das schleichende Ende der Unternehmenssoftware

ERP, also Programmpakete für die integrierte Unternehmenssteuerung, gelten als Dinosaurier der Business-IT-Welt. Doch bis heute haben sie in vielen Unternehmen einen festen Platz. Neue Technologien und massive Änderungen bei den Unternehmensbedürfnissen sorgen für wachsenden Wettbewerbsdruck.

SAP-Stand auf der Cebit: Die großen Anbieter von Unternehmenssoftware sind aus vielen Unternehmen nicht wegzudenken. Doch es wächst der Wettbewerb aus dem Open-Source-Lager und aus der Cloud.
Foto: Jens Billerbeck

ERP-Systeme (Enterprise Ressource Planning) wurden einst zum integrierten Management von Fertigungsbetrieben entwickelt. Logistik, Inventur, Auftragsmanagement und die damit verbundenen Standardanforderungen wie Rechnungsbearbeitung und Finanzverwaltung waren die wichtigsten Funktionen.

Die drei größten ERP-Anbieter sind SAP, Oracle und Microsoft. Laut den Marktforschern von Compare Business Products verfügen sie zusammen über einen Marktanteil von weltweit 55 %. Der Rest verteilt sich auf über 100 Anbieter. Panorama Consulting listet auf seiner Webseite über 120 ERP-Anbieter. Diese differenzieren sich vor allem mit Branchenlösungen oder mit speziellen Zusatzfeatures, wie integrierte Echtzeitanalyse oder Kollaborations-Tools – Software, die die Zusammenarbeit von zeitlich oder räumlich getrennten Teams ermöglicht.

Technologisch gab es beim ERP über die Jahre hinweg einen Trend zur Silolösung, denn die Hersteller waren peinlichst darauf bedacht, dass kein anderer Anbieter in ihre Domain eindringt. Dieses Alles-aus-einer-Hand bedeutete für Anwender zumeist schmerzhafte Anpassungen der Geschäftsprozesse an die Software – was eigentlich umgekehrt sein soll.

Alternativ gab es Versuche, die Standardsoftware auf die individuellen Abläufe anzupassen. Das aber ist teuer, riskant und zeitaufwendig. Die Folge ist, dass viele ERP-Projekte hinter den Erwartungen zurückbleiben. Laut Panorama Consulting werden 55 % aller ERP-Projekte teurer als geplant, 75 % überziehen den Termin und 41 % erreichen weniger als die Hälfte der angepeilten Leistung.

Die damit verbundenen Enttäuschungen haben Folgen: Gemäß einer Untersuchung von Nucleus Research würden 60 % der SAP-Kunden nicht noch einmal ein entsprechendes Projekt starten. „Die SAP-Kunden stufen die Software und die Implementation als sehr komplex ein, das ist also völlig anders, als es SAPs Werbeslogan ‚run simple‘ vermitteln will“, sagt Rebecca Wettemann, Forschungsleiterin bei Nucleus.

Neben dem Frust über die Installationsprobleme gibt es aber auch andere Einflussfaktoren, die dazu führen, dass viele Anwender die ERP-Silo-Fesseln abstreifen wollen. Einer davon ist der rasant zunehmende Bedarf an Funktionalitäten, dem die großen Anbieter kaum nachkommen können.

„Bei vielen großen Unternehmen wurde das ERP-System über Jahrzehnte hinweg ausgebaut und weiterentwickelt, doch jetzt stehen umfangreiche Erweiterungen und Integrationen an“, sagt Cindy Jutras, Präsidentin der Beratungsagentur Mint Jutras. Dazu gehören Vorhersagewerkzeuge (Predictive Analytics), Kollaborations-Tools oder Plattformen für das Internet der Dinge (IoT). Jutras: „Diese Erweiterungen sind einerseits sehr umfangreich, andererseits kann der Hauslieferant nur sehr selten die jeweils beste Lösung bereitstellen.“

Ein Beispiel dafür ist SAPs Vora, mit dem eine Verbindung von der Datenbank Hana zur Open-Source-Analysesoftware Spark geschaffen wurde. Doch die Open-Source-Anbieter erweitern ihr Portfolio auf diesem Gebiet fortlaufend und haben damit die Nase stets vorn. Folglich warten die Anwender nicht mehr, bis der ERP-Hauslieferant eine passende Lösung verfügbar hat. Stattdessen wählen sie die für sie beste Lösung aus, die sie dann über Standard-Software-Schnittstellen (APIs) oder über eine Service-orientierte Architektur miteinander verbinden. Die steigenden Umsätze entsprechender Werkzeuge wie Websphere (IBM) und Webmethods (Software AG) sind deutliche Indizien dafür.

Auch andere Business-Software-Pakete dringen in die klassischen ERP-Bereiche vor. Dazu gehört vor allem Dokumentenmanagement (ECM), das früher eine Art elektronische Papierablage war. Doch mit der Integration von Audio, Bildern, Video und Social-Media-Daten sind daraus komplexe Informationsplattformen geworden. „ECM wird in großen Unternehmen immer wichtiger, vor allem was das Aufsuchen von Dokumenten angeht“, sagt Roger Illing, zuständig für die DACH-Region beim Anbieter Open Text. Hierzu verweist er auf den Abgasskandal bei VW, wo viel Zeit und Geld notwendig waren, um herauszufinden, wer was wann gewusst habe und was daraufhin veranlasst wurde. „Mit kognitiven Systemen wie unserem Magellan ist so etwas in Zukunft auf Knopfdruck möglich“, sagt er.

Magellan ist das jüngste Produkt von Open Texts und funktioniert ähnlich wie IBMs KI-Maschine Watson. Das heißt, es kann Millionen an Dokumenten unterschiedlichster Herkunft und Struktur mittels komplexer Algorithmen in Sekundenschnelle analysieren.

Auch die Anbieter von Software für das Management von Kundenbeziehungen (CRM) beanspruchen einen zunehmend größeren Anteil am Markt für Unternehmenslösungen. „In jedem gut geführten Unternehmen sollten der Kunde und dessen optimale Unterstützung die oberste Priorität haben“, sagt Alan Trefler, CEO beim CRM-Spezialanbieter Pegasystems. Er sieht seit geraumer Zeit, dass die modernen CRM-Systeme den klassischen ERP-Paketen überlegen sind. „Die CRM-Software ist regelbasiert und eignet sich bestens zur Integration verschiedener Business-Pakete“, so seine Einschätzung.

Der Paradigmenwechsel im ERP-Markt wird auch dadurch beschleunigt, dass immer mehr kleine und mittlere Unternehmen nicht bereit sind, die großen komplexen Anwendungen SAP oder Oracle anzuschaffen. Sie setzen stattdessen auf den Trend, die Software bei einem Cloud-Provider zu betreiben.

Zwar versuchen die großen drei auch hier eine Vormachtstellung einzunehmen, doch konnte sich ernsthafte Konkurrenz etablieren. NetSuite, Salesforce und Workday haben bereits Cloud-basierte ERP-Module angeboten, als SAP und Oracle noch weit davon entfernt waren. Cindy Jutras meint, dass bei etwa 30 % aller Unternehmen eine In-House-Lösung überhaupt keine Chance mehr habe. Andere Marktforscher bestätigen das. Allied Market Research sagt, dass 2020 bereits 43 % aller ERP-Anwendungen aus der Cloud genutzt werden. Wobei der Übergang fließend sein wird. Viele der heutigen In-House-Cloud-Anwender werden Modul für Modul auf Cloud-Nutzung umstellen, was zu sogenannten Hybrid-ERP-Systemen führt.

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