Festival Ars Electronica 11. Okt 2022 Von Jörn Schumacher

Methanmoped und Weltflucht: Kunst in Zeiten des Klimawandels

Die Ars Electronica ist ein Kunstfestival. Und ein Ort, an dem der Welt der Spiegel vorgehalten wird. Dieses Jahr ging es um die Klimakrise und die Frage: Wo sonst leben?

Überleben auf dem Mars: Dorotea Dolinšek zeigte auf der Ars Electronica ihr Kunstwerk TerraPort. Sojabohnen werden hier mit einer Mischung aus Blut, menschlichem Urin und gehackten Haaren gedüngt.
Foto: Ars Electronica

Manchmal ist es nicht so leicht, Kunst von Wissenschaft zu unterscheiden, geschweige denn, eine präzise Grenze zwischen beiden zu ziehen. Schon gar nicht auf der Ars Electronica. Die Linzer Veranstaltung ist ein Kunstfestival, ja, aber über weite Strecken auch eine Technologieschau.

Auf der diesjährigen Veranstaltung wurde deutlich: Kunstschaffende wie auch Wissenschaffende versuchen die Welt zu verstehen, so gut sie es vermögen, um dann etwas Neues in die Welt zu setzen. Wenn Künstler ihre Kunstwerke schaffen, gehen sie oftmals wie Ingenieure vor: Sie bauen mit dem Gegebenen, suchen nach den passenden Materialien und Mechanismen, und wenn das nicht reicht, müssen sie etwas ganz Neues erfinden. So ist es kein Wunder, dass die jährlich stattfindende Kunstmesse Ars Electronica als Experimentierfeld für die nächste Generation gilt, als Schaufenster für Kreativität und Innovation. Und als Ort, an dem die Welt den Spiegel vorgehalten bekommt. Hier sollen die Probleme unseres Planeten ihren künstlerischen Ausdruck finden und Lösungen aufgezeigt werden.

Allen voran die Klimakrise. Die Ars Electronica fand in diesem Jahr vom 7. bis zum 11. September unter dem Motto „Welcome to planet B – A different life is possible! But how?“ statt. Das erinnert nicht zufällig an die bekannte Warnung der Bewegung Fridays for Future: „There is no planet B!“

Jeff Bezos und Elon Musk haben den Planeten soeben verlassen

Auf dem Festivalplakat ist eine einsame Frau mit VR-Brille zu sehen, neben ihr der Spruch: „Jeff und Elon just left the planet“ – in Anspielung an die Raumfahrtprogramme der Multimilliardäre und Wannabe-Marskolonisatoren Jeff Bezos und Elon Musk, deren Antwort auf die Klimakrise in der Flucht ins Sonnensystem besteht. Der Planet Erde auf dem Plakat selbst scheint bereits völlig ausgedörrt und verwüstet zu sein. Im Sand liegen ein paar alte Boote. „Weder die naiven Eskapismen in virtuelle Welten, noch die technologische Ultratopie einer Weltraumbesiedelung werden uns davor bewahren, uns den großen unangenehmen Fragen zu stellen“, heißt es im Programm.

Wie muss unser Leben auf diesem Planeten aussehen, damit wir den ökologischen Super-GAU verhindern können? Wie kann ein grundlegender Turn funktionieren, damit durch den steigenden Meeresspiegel New York nicht überflutet und Mitteleuropa nicht zur Wüste wird? Und weiter lautet die große Frage zum diesjährigen Festival: „Welche Technologien werden wir entwickeln müssen?“ Die Ars Electronica will seit jeher eben nicht ein Ort der Weltflucht sein, wo schöne Kunst dem Betrachter eine heile Welt vorgaukelt.

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Wie eng die Ars Electronica Kunst und Technologie verbindet, wird schon daran deutlich, dass ihr künstlerischer Leiter seit über 25 Jahren ein Medienkünstler und Ingenieur ist. Gerfried Stocker berät Unternehmen und Institutionen in den Bereichen Kreativität und Innovationsmanagement und ist Gastredner auf internationalen Konferenzen und in Universitäten.

Dualismus Maschine versus Natur

Gleichzeitig bleibt auch auf der Ars Electronica die Widersprüchlichkeit nicht aus, die der Kampf gegen den Klimawandel meistens mit sich bringt. Denn natürlich kommen von den 953 Kunstschaffenden aus 76 Ländern viele mit dem Flugzeug oder dem Auto angereist – anders als Greta Thunberg, die einst nach New York segelte.

Sinnbildlich für den Kampf zwischen technologisierter Welt und schützenswerter Natur zog ein Kunstwerk gleich im Eingangsbereich des Festivals die Blicke auf sich: Ein Auto stand da, doch die Natur war dabei, es wieder zurückzuerobern, Äste und Grünzeug sprossen durch die zerbrochenen Fenster und durch das Dach. Und nur wenige Meter davon entfernt, zwischen all den Veranstaltungshallen, lud einer der Partner des Festivals, ausgerechnet mit einem funkelnagelneuen Auto, zu einem Meet and Greet ein: BMW.

Technik und Natur: Draußen eroberten die Pflanzen ein Auto, drinnen lud Sponsor BMW zum Meet and Greet. Die Suche nach Antworten auf die Klimakrise war das dominierende Thema der Ars Electronica.
Foto: Ars Elctronica

Faszinierend an der Ars Electronica ist, dass hier neueste Technologie im (künstlerischen) Kontext bewundert und oftmals ausprobiert werden kann. Die Grenzen zwischen Technik, Wissenschaft und Kunst verschwimmen hier auf unterhaltsame und informative Weise. Im Learning Center des Festivals konnte man etwa ein Team der Universität Auckland in Neuseeland besuchen, das ein XR-System (XR = Extended Reality, ein Sammelbegriff für Technologien der Virtual und Augmented Reality) entwickelt hat, mit dem Forscher verschiedener Disziplinen die Ausbreitung von Krebs im Körper untersuchen können. Grundlage waren die Daten einer Patientin, die ihren Körper nach ihrem Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat. Über Augmented-Reality-Brillen konnten die Nutzenden mit der Visualisierung der Daten interagieren.

Gefragt war hier Expertise aus den Fachrichtungen Mathematik, Onkologie, Radiologie, Computerwissenschaft und Biologie, sagte eine Initiatorin des Projektes, Tamsin Robb, die das Publikum in die Technik einführte. Die Neuseeländerin ist überzeugt, dass die XR- und AR-Technologien besonders in der medizinischen Forschung eine immense Veränderung schaffen werden.

Preisgekrönt: Mars-Staub zu Humus

In der Themenausstellung Studio(dys)topia – At the Peak of Humankind wurden Kunstprojekte präsentiert, die sich mit dem menschlichen Handeln auseinandersetzen und den daraus resultierenden dramatischen Folgen. Mitfinanziert wurde die Ausstellung vom Creative Europe Culture Programme der Europäischen Union. Die Künstlerin Dorotea Dolinšek hat ihr preisgekröntes Kunstprojekt TerraPort präsentiert, bei dem es um die Frage geht, was zur Besiedlung eines fremden Himmelskörpers notwendig wäre.

Inspiriert von den neuesten Erkenntnissen der Astrobiologie hat die Künstlerin eine Maschine zur automatischen biologischen Anreicherung des Mars-Regoliths entwickelt. Ihr selbst hergestellter Marsstaub wird mit einer organischen Mischung aus aufbereitetem menschlichen Urin, getrocknetem Blut und gehackten Haaren über einen langen Zeitraum hinweg umgewandelt in Humus. Zum Zeichen dafür, dass der Prozess wirklich stattfindet, hat sie Sojabohnen als Modellorganismus in den neu gewonnenen Boden gepflanzt.

Einer der Gewinner des S+T+Aarts-Preises der Europäischen Kommission (eine Abkürzung für Science, Technology und Arts) ist der Künstler Gijs Schalkx, der kreativ mit dem Klimaproblem umgeht – und dafür nicht erst zum Mars fliegen muss. Der Niederländer sammelt molekülweise das Methan aus irdischen Teichen und betreibt damit sein Motorrad. „Warum sich auf große Konzerne und ihre Versprechen verlassen, die Welt zu retten, wenn man es selbst tun kann?“, fragt der Niederländer. „Es mag acht Stunden dauern, den Tank zu füllen, um 20 Kilometer zu fahren – aber diese 20 Kilometer sind immer wieder die besten meines Lebens.“

Die Kunst des Tankens: Gijs Schalkx betreibt sein Motorrad mit Methan, das er Teichen in seiner niederländischen Heimat entnimmt. Eine Tankfüllung reicht immerhin für 20 km.
Foto: Ars Electronica

Ambient Weaving: Interaktive Kleidung aus Japan

Der deutsche Künstler Ralf Becker zeigte seine Installation Floating Codes, bei dem die Prinzipien eines Neuronalen Netzes mit Licht und Sound erfahrbar gemacht waren. Die 250 leuchtenden und knackenden Neuronen-Chips waren in sechseckigen Körpern zu einem raumfüllenden Gitter angeordnet. Alle Neuronen konnten Lichtreize registrieren und darauf reagieren, indem sie wiederum Lichtimpulse aussandten, um mit anderen Neuronen im Raum zu kommunizieren. Das Publikum konnte dieses Geschehen mit Handy-Taschenlampen selbst in Gang bringen. Die Signale liefen in Schleifen, veränderten sich, gaben Rückmeldungen und hoben sich selbst auf, was zu einer komplexen und kontinuierlichen Veränderung der Impulse führte – wie bei den Neuronen im Gehirn.

Studierende aus Tokio präsentierten ihre Arbeit mit dem Titel Ambient Weaving (Umgebungsweben), bei der sie interaktive Webstoffe herstellten. Sie haben eine Jahrhunderte alte Web-Tradition aus Japan mit modernen Textilien verbunden, die ihre Beschaffenheit und ihr Aussehen an die Umweltbedingungen anpassen. Die Webstoffe reagierten etwa auf Temperaturunterschiede, Licht, Feuchtigkeit und CO2 in der Luft.

Einer der Stoffe bestand zum Beispiel aus dünnen Kunststoffröhrchen, die mit gefärbten Flüssigkeiten gefüllt werden konnten. Zu einem Teppich verwoben, entstand so eine Textilie, die vielleicht eines Tages zu so etwas wie interaktiver Kleidung führt. Natürlich ist hier längst noch nicht die Marktreife erreicht, gaben die Studierenden zu, aber sie demonstrierten damit einen originellen Weg, Webstoffe ganz neu zu denken.

Eng verwachsen: Kunst und Materialwissenschaft

Im wörtlichen Sinne begreifbar wurden im MateriaLab der Ars Electronica die Werkstoffe der Zukunft. Materialien, die auf natürlicher Basis hergestellt werden und daher vollständig abbaubar sind, waren ausdrücklich zum Anfassen gedacht. Künstlich hergestelltes Fleisch etwa oder „Fruchtleder“. Und immer sehen die Materialien wie herkömmliche Kunststoffe aus, sogar Bauteile, die aus Tierblut geschaffen wurden, sind völlig geruchsfrei und fest. Alginat, aus Braunalgen hergestellter Baustoff, habe das Potenzial für den Einsatz in der Architektur, waren sich die Künstler Ivan Marjanovic und Milena Stavric von der TU Graz sicher. Es lässt sich leicht formen und behält dauerhaft die gewünschte Form.

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Und natürlich ist ein Highlight jedes Besuches in Linz das Deep Space 8k im ganzjährig geöffneten Ars-Electronica-Center in der Innenstadt. Der Name klingt nicht nur nach Science Fiction, der Raum erinnert tatsächlich an das berühmte Holo-Deck des Raumschiff Enterprise.

Hier sind interaktive Erkundungen bis ins Allerkleinste, aber auch bis in die allergrößten Dimensionen des Universums interaktiv erlebbar. Wenn der Planetariumsingenieur und Medienkünstler Dan Tell von der California Academy of Sciences nur mit einem Game-Controller in der Hand eine Reise von der Erde zu den Nachbarplaneten Mars und Venus unternimmt oder das Publikum zu einem Trip zu den Exoplaneten unserer Nachbar­sterne mitnimmt, dann hat das schon etwas von einem Science-Fiction-Film.

Im Raum werden die Bilder von mehreren 8k-Projektoren erzeugt, und sowohl die Wand als auch der Boden dienen als Projektionsfläche. Mittels 3D-Brillen kann das Publikum 3D-Vorführungen erleben; die Objekte schweben scheinbar in der Mitte des Raumes, sei es ein Modell der Erde, ein Molekül oder eine Grafik mit Zahlen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Am Ende steht als Fazit dann aber auch bei diesem virtuellen Ausflug – so wie bei den vielen Gedankenspielen der Künstlerinnen und Künstler des Festivals: Einen Planeten B, eine Rettungsinsel im All, gibt es nicht. Wir sollten deshalb unseren Planeten A als unsere einzige Heimat akzeptieren, die es vor dem Untergang zu retten gilt. Sei es mit moderner Technik, oder mit ein wenig Kunst.

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