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Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

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Werkzeughersteller

Uralt, aber experimentierfreudig

Von Matilda Jordanova-Duda | 1. Juni 2017 | Ausgabe 22

Das Familienunternehmen Rüggeberg aus dem Bergischen ist einer der ältesten Werkzeughersteller Deutschlands – und einer der innovativsten. Mitarbeiter haben hier viel Raum für eigene Ideen.

BU_Rueggeberg
Foto: Peter Wirtz

Anwendungstechniker Michael Wagner führt das neue Fräswerkzeug Alumaster in der firmeneigenen Weiterbildungsakademie vor.

Mit einem Ratsch ist die Kante sauber weggefräst. „100-mal schneller als mit einer klassischen Schruppscheibe!“, sagt Anwendungstechniker Michael Wagner, während er das neue Werkzeug für Aluminium, den Alumaster, in der firmeneigenen „Pferd-Akademie“ vorführt. Mit Reiten hat das nichts zu tun. Pferd ist der Markenname für die Profi-Werkzeuge des Familienunternehmens Rüggeberg aus Marienheide. Der Name und das blaue Pferdchen im Logo erinnern daran, dass die Firmengründer vor mehr als 200 Jahren Hufraspeln gefertigt hatten. Heute sind es Feilen, Schleif- und Frässtifte und vor allem Trenn- und Schruppschleifscheiben für Metalle.

August Rüggeberg GmbH & Co. KG

Zarte Flocken rieseln auf Wagners blauen Kittel. Beim Fräsen mit dem Alumaster fallen Späne ab – kein Staub. Deshalb braucht man keine Absaugvorrichtung. „Alustaub kann explodieren“, erklärt Wagner. „Man entsorgt ihn als Sondermüll. Die Späne fegt man zusammen und bereitet sie wieder auf“.

Da die Firma hier ein neues Bauprinzip verwendet hat, erhielt sie auf der internationalen Eisenwarenmesse 2016 den Innovationspreis der Branche – und fünf weitere. Auf einer Scheibe aus faserverstärktem Kunststoff sind zehn Wendeschneidplatten aus Hartmetall befestigt. Das Ganze montiert man auf handelsübliche Winkelschleifer, um Material abzutragen oder Schweißnähte zu glätten. Die Schneidplatten werden nach Abnutzung gedreht oder ausgetauscht. So hält das Werkzeug viel länger – das ist z. B. attraktiv für Waggonhersteller oder Werften, die viel Aluminium bearbeiten.

Mindestens alle zwei Jahre bringt Rüggeberg Neuheiten auf den Markt. „Technikgetrieben“ nennt das Unternehmen solche Produkte, die zum Teil unabhängig von einem konkreten Kundenwunsch entstanden sind. „Der Kunde will meistens das, was er hat, nur besser. So entstehen aber nicht wirklich revolutionäre Innovationen“, weiß Firmenchef Jörn Bielenberg. So etwas wie der Alumaster. Den Mitarbeitern gibt er deshalb Raum zum Experimentieren. „Wir haben schon Produkte entworfen, von denen wir gar nicht wussten, wie wir sie fertigen können. Ich sage den Entwicklern nie: ‚Daraus wird nichts.‘ Ich frage höchstens, wie lange sie dafür brauchen.“

Foto: August Rüggeberg GmbH & Co. KG

COO Klaus Kasper wechselte vor einem Jahr von einem großen Automobilzulieferer zu dem Werkzeughersteller.

„Im Vertrag eines jungen Produktentwicklers steht bei uns nicht, er muss genau das oder jenes tun. Seine Aufgabe ist, neue Produkte zu generieren“, sagt COO Klaus Kasper. Der 53-jährige Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik wechselte vor einem Jahr von einem großen Autozulieferer nach Marienheide. Die großen Freiräume lockten schon einige Spezialisten ins Bergische Land. „Wir fordern die Leute auf querzudenken, wohlwissend, dass nicht jedes Querdenken zum Erfolg führt.“

Die Ideen müssen zwei Gremien bestehen, bevor sie realisiert werden. „Wir haben einen vertriebs- und einen technikorientierten Gesprächskreis“, schildert Kasper den Innovationszyklus von Rüggeberg. In dem einen seien das Produktmarketing und der Vertrieb vertreten, im zweiten Entwicklung, Produktion und Qualitätsmanagement. Das ist Chefsache und von größter Wichtigkeit: „An den Tagen, wenn die Kreise sich treffen, ist quasi Urlaubssperre“, betont der COO.

In Forschung und Entwicklung investiert das Unternehmen jährlich ca. 6 % vom Umsatz. Von den über 7500 Artikeln im aktuellen Firmenkatalog, die zum Trennen, Schleifen, Feilen, Fräsen, Bürsten und Polieren dienen, sind rund 500 neu oder abgewandelt. Auch vorhandene Produkte werden ständig optimiert. Sie sollen weniger Lärm und Vibrationen verursachen, den Stromverbrauch senken und leichter zu handhaben sein. Kurzum „geschäftsführertauglich“, schmunzelt Jörn Bielenberg, der sie gern selbst testet.

Außerdem ist man ständig im Wettlauf mit neuen Werkstoffen, von denen manche, etwa Titan, dermaßen fest sind, dass sie sich kaum zerspanen lassen. „Einer unserer Kunden ist mit dem konventionellen Werkzeug aus Korund oder Siliciumcarbid beim Abtragen von harten Materialien nicht weitergekommen“, schildert Kasper eine erst kürzlich gelöste Aufgabe. Rüggeberg hat sich etwas einfallen lassen: eine mit Diamanten besetzte flexible Schleifscheibe. „Das konkrete Problem haben wir schnell gelöst. Unsere Marketingleute sollten dann prüfen, in welchen weiteren Marktsegmenten man diese Lösung anwenden könnte. Sie sind aktiv auf die Kunden zugegangen und haben ganz neue Anwendungsfelder gefunden, z. B. die Keramik.“

Manche Anwendungsprobleme der Kunden werden im Betrieb als Aushang, Skizze oder Werkstück ausgestellt, damit alle Mitarbeiter Ideen entwickeln. Beispiel: Für die Bearbeitung von Kehlnähten brauchte ein Kunde ein Werkzeug, das im rechten Winkel der Naht einen Radius einschliff. Und tatsächlich, die Marienheider hatten einen Geistesblitz: Lamellen aus Schleifband wurden nicht wie sonst nur an der Schleiffläche des Tragtellers angebracht, sondern um den Rand herumgebogen. Diese Radial-Schleifscheibe hat das Unternehmen nun im Programm und sie geht wie geschnitten Brot: „Die verkaufen wir einige Hunderttausend Mal pro Jahr“, sagt Bielenberg.

Die Bereitschaft in Marienheide, sich mit Vorschlägen zu beteiligen, ist in der Belegschaft groß. 2015 waren es nach Firmenangaben mehr als 150 Ideen, von denen ein Drittel realisiert wurde. Honoriert werde dies mit Geld, so Kasper, vor allem aber mit Anerkennung. Es sei bekannt, wer der Ideengeber für ein bestimmtes Produkt ist. „Die Leute identifizieren sich damit, das ist die größte Motivation.“

Mit seinen rund 2000 Mitarbeitern weltweit macht das Unternehmen rund 300 Mio. € Umsatz und beschäftigt rund 150 Ingenieure. „Uns ist es wichtig, dass wir alle Fachrichtungen im Haus haben“, sagt COO Kasper. Neben den klassischen Maschinenbauern, Fertigungs- und Elektrotechnikern gibt es hier Spezialisten für Gießerei-, Automatisierungs-, Verfahrens-, Mess- und Regeltechnik sowie Chemieingenieure. Im Marketing und Vertrieb sei der Ingenieuranteil ebenfalls hoch: „Weil wir unsere Produkte über die technische Funktion verkaufen.“

Vielen Mitarbeitern ermöglicht Rüggeberg mit angepassten Arbeitszeitmodellen, nebenbei zu studieren. Die Firma unterhält Kontakte zu mehreren Hochschulen, um gezielt Absolventen und Doktoranden anzusprechen. Mit Masterarbeiten und Ferienjobs lockt sie weitere Nachwuchskräfte. Als Mittelständler auf dem Lande ist das nicht einfach. Aber wer schon da ist, bleibt in der Regel lange.

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