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Montag, 22. Januar 2018

Umwelt

Ausgerechnet Kläranlagen spülen Plastik ins Meer

Von Frank Odenthal | 25. Oktober 2013 | Ausgabe 43

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein großes Problem fürs biologische Gleichgewicht der Meere. Nun stellt sich raus, dass selbst Klärwerke zu dieser Verschmutzung beitragen.

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Als François Verdet den dritten Müllsack am Strand von Saint-Jean-de-Luz an der französischen Atlantikküste gefüllt hat, glaubt er nicht mehr an einen Zufall. Er fährt ins benachbarte Biarritz, in die Zentrale der Surfrider Foundation Eu-
rope, einer Nichtregierungsorganisation, die sich dem Schutz der Meere und der Küsten verschrieben hat. Dort werden die Fundstücke schon seit Tagen zusammengetragen: winzige Plastikrädchen, manche nur erbsengroß, andere von der Größe einer Ein-Euro-Münze.

Wenige Tage später wissen die Umweltschützer, womit sie es zu tun haben: Es sind Plastikteile, die in Klärwerken eingesetzt werden sie dienen als Trägermedium für Bakterienkulturen, mit deren Hilfe Abwasser gereinigt wird. Sie werden in großen Mengen in Klärbecken geschüttet, wo sie zur besseren Besiedlung frei herumschwimmen. Die vielen Speichen und Zacken bieten genügend Oberfläche, um Bakterien in ausreichender Menge aufzunehmen, mit denen sich die organischen Bestandteile des Wassers zersetzen lassen.

Im Jahr 2007 waren die Plastikräder an den Stränden nur ein Phänomen am Golf von Biskaya, vor allem entlang der französischen und spanischen Küste des Baskenlandes. François Verdet erinnert sich. "Wir fanden sie zu Hunderttausenden an unseren Stränden. Als wir der Sache dann nachgingen, stellten wir fest, dass selbst im Norden Portugals bis hin zur Bretagne diese Rädchen zu einer wahren Plage geworden waren."

Inzwischen hat sich das Problem zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Praktisch entlang der gesamten französischen Atlantikküste inklusive des Ärmelkanals, aber auch an der Mittelmeerküste zwischen Gibraltar und der italienischen Riviera wurden Funde gemeldet, die in die Abertausende gehen.

Auch auf der anderen Seite des Mittelmeeres, in Marokko, Algerien und Tunesien, fand man Plastikräder an den Küsten. 2010 und 2011 wurden an der US-amerikanischen und der kanadischen Ostküste Funde von Filterrädchen gemeldet. Selbst auf der Seine bei Paris traten sie auf und zuletzt sogar am Ufer des Genfer Sees. Und fast immer ließ sich die Spur bis zu Klärwerken zurückverfolgen, die eben jene Technologie zur Aufbereitung der Abwasser benutzen.

Das Patent an den Plastikrädern halten die norwegische Firma AnoxKaldnes, die inzwischen vom französischen Mischkonzern Veolia übernommen wurde, die chinesische Firma Tongxiang Small Boss und der US-Konzern Dynamic Aqua Science. Bis zu 20 verschiedene Varianten sind heute bekannt, die teilweise von den Klärwerksbetreiberfirmen selbst hergestellt werden.

Das Problem, erklärt Umweltschützer Verdet, sei die nicht immer korrekte Anwendung. "Wenn nicht genau die vom Klärwerkshersteller empfohlenen Modelle eingesetzt werden, besteht die Gefahr, dass die Plastikräder den Abfluss der Klärbecken verstopfen und über den Beckenrand austreten. Leider verwenden manche Klärwerksbetreiber lieber günstigere Alternativen."

Auch ungewöhnlich große Wassermassen nach einem Unwetter oder langen Regenphasen können dazu führen, dass die Plastikräder über die Beckenränder schwappen. Ausgerechnet Klärwerke tragen also mit dem unsachgemäßen Einsatz dieser Kunststoffräder zum Problem der stetig wachsenden Menge an Plastikmüll in den Meeren bei, auf das Umweltschutzorganisationen wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) schon seit Jahren hinweisen.

Kunststoff, erklärt Kim Detloff, Nabu-Experte für Plastikmüll in den Meeren, könne sich je nach Beschaffenheit mehrere Jahrhunderte halten, ohne sich vollständig abzubauen. Manche Teile zersetzen sich unter Sonnenstrahlung und Reibung im Meerwasser zu dünnen, viskoseartigen Fäden, die an Fischeier, Plankton oder Kleinstlebewesen erinnern, und deshalb von Fischen und Vögeln gefressen werden. Dabei geben sie Bisphenol A und Phthalate ab, die krebserregend und hormonell wirken können.

Am Ende dieser Nahrungskette steht der Mensch. Tatsächlich konnten Biologen diese Inhaltsstoffe inzwischen im menschlichem Blut und als Ablagerungen in den Organen nachweisen.

Yanyan Su, Doktorandin am Lehrstuhl für Ökologie der Uni Lüneburg, hält in Zukunft den Einsatz eines ganz anderen Klärmaterials für denkbar. "Wir haben in Versuchen sehr ermutigende Ergebnisse beim Einsatz von Algen erzielt", erklärt die gebürtige Chinesin, die als Stipendiatin des DAAD nach Deutschland kam.

"Algen binden Nitrat und Phosphat vor allem Letzteres ließ sich bisher nur in Großklärwerken aus dem Wasser filtern. Und die Anreicherung des Wassers mit Sauerstoff, die in Klärwerken sonst bis zu 56 % des gesamten Energieverbrauchs vereinnahmt, gelingt durch die Fotosynthese der Algen erheblich effizienter", so Su. Angenehmer Nebeneffekt: Algen binden Kohlendioxid und tragen so zur Reduzierung des Treibhauseffektes bei. Auch die anschließende Verwertung zur Energiegewinnung, etwa in Biogasanlagen oder als Biokraftstoff, sei denkbar.

Ganz so leicht sei es mit Algen allerdings nicht, gibt Su zu. Auch der Austritt der Algen könnte Umweltprobleme bereiten – durch eine unkontrollierte Algenblüte in Flüssen und Meeren. Und die Technik zur Filterung der Bakterien aus dem geklärten Wasser, in dem sie frei schwimmen, muss zudem noch optimiert werden. Von dem grundsätzlichen Problem, dass es für ein ausreichendes Algenwachstum in unseren Breiten zu kalt und nicht lange genug hell ist, einmal abgesehen. FRANK ODENTHAL

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