Projekt 15. Dez 2023 Von VDI nachrichten-Herausgeber Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein Lesezeit: ca. 2 Minuten

VDI-Präsident Lutz Eckstein: „Zukunft Deutschland 2050“ soll den Standort voranbringen

Der VDI hat die Chance, mit dem Projekt „Zukunft Deutschland 2050“eine strategisch zentrale Rolle in Politik und Gesellschaft zu spielen.

Das VDI Präsidium um Lutz Eckstein distanziert sich von Extremismus und spricht sich für eine offene Gesellschaft aus.
Foto: VDI

Deutschland steht derzeit vor großen Herausforderungen: Hohe Energiekosten, zunehmender Fachkräftemangel, langwierige Genehmigungsprozesse und eine einseitige Abhängigkeit von Rohstoffen sowie Produkten aus Fernost wiegen nochmals schwerer in Zeiten gravierender geopolitischer Veränderungen. Folglich entscheiden sich immer mehr Unternehmen, aufgrund nicht wettbewerbsfähiger Rahmenbedingungen in Standorte außerhalb Deutschlands zu investieren.

Deutsche Wirtschaft muss die hohen Ausgaben kompensieren

Dies stellt unsere Volkswirtschaft bereits heute vor die Herausforderung, die hohen Ausgaben, z. B. für Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Sozialleistungen und Klimaschutz, durch Einnahmen von Steuern und Abgaben insbesondere berufstätiger Menschen und erfolgreicher Unternehmen zu kompensieren.

Nationen wie China oder die USA haben klar formulierte strategische Zielsetzungen: China strebt beispielsweise nicht weniger an als eine sinozentrische Weltordnung und hat die technologischen und industriellen Wachstumsfelder nachlesbar definiert. In allen Teilen der Welt sichert man sich den Zugang zu den notwendigen Ressourcen, investiert in den Aufbau der Infrastruktur und schafft damit auch Märkte für die eigenen Produkte. Die USA möchten ihrem Weltmachtanspruch auch volkswirtschaftlich wieder gerecht werden und haben mit dem Inflation Reduction Act ein wirtschaftspolitisches Instrument geschaffen, das auch durch unsere Unternehmen nicht ignoriert werden kann.

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Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass unsere Bevölkerung erhebliche Zweifel an der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hat, wie eine repräsentative Bevölkerungsbefragung des VDI Anfang dieses Jahres gezeigt hat: Nur eine knappe Mehrheit von 54 % der über 1000 Befragten hält unser Land noch für (eher) wettbewerbsfähig.

Es ist Zeit, dass wir uns mit der Frage befassen, welche langfristigen Ziele wir in Deutschland erreichen möchten.


Gleichzeitig ist über 97 % der Befragten bewusst, dass die Entwicklung von technischen Innovationen für die Sicherung von Wohlstand in Deutschland von zentraler Bedeutung ist.

Die Analysen für „Zukunft Deutschland 2050“ nehmen Deutschland als technologisch starken Standort wahr, besonders in traditionellen Branchen wie dem Maschinenbau. Foto: panthermedia.net/ Phovoi R.

Es ist Zeit, dass wir uns mit der Frage befassen, welche langfristigen Ziele wir in Deutschland erreichen möchten. Welche Rolle wollen wir in Europa und der Welt im Jahr 2050 spielen? Welche Wertschöpfung benötigen wir in Deutschland und Europa und welche Technologien, Ressourcen und Infrastrukturen sind zu deren Aufbau erforderlich? Was bedeutet das für die Bildung, vom Kindergarten bis zum Hochschulabschluss? Was müssen wir dazu bereits heute initiieren und was ist mittel- und langfristig zu tun?

Entwicklung von zukunftsweisenden Technologien ist Kernaufgabe von Ingenieuren

Ingenieurinnen und Ingenieure gestalten Zukunft: Die Entwicklung und Produktion von zukunftsweisenden Technologien sind für den Wirtschaftsstandort Deutschland und auch für unsere Gesellschaft existenziell notwendig. Das ist die Kernkompetenz von uns Ingenieuren und Ingenieurinnen. Wir haben gelernt, in Systemen zu denken und mit unterschiedlichen Zeitkonstanten umzugehen. Der Wandel des Klimas ist wie die Entwicklung einer Volkswirtschaft durch lange Zeitkonstanten gekennzeichnet. Autokratische Staaten, welche nicht nur Industrieländer, sondern in immer stärkerem Maße nach Wohlstand strebende Nationen mit fossilen Energieträgern versorgen, haben kein Interesse an einer Entwertung ihres Vermögens, was die ultimative Konsequenz eines Umstiegs auf nachhaltige Energieträger wäre. Deshalb müssen wir auch diesen Ländern eine langfristige Perspektive bieten.

„Wir brauchen eine langfristige Strategie für den Wirtschaftsstandort“

Unsere Demokratie, aber auch der Kapitalmarkt und die Mehrheit der börsennotierten Unternehmen takten in signifikant kürzeren Zeitkonstanten – in Legislaturperioden und Vertragslaufzeiten von Vorständen und Top-Managern. Politische Parteien wie auch Unternehmen vertreten naturgemäß ihre eigenen Interessen und die ihrer „Stakeholder“ – sie haben im regelungstechnischen Sinne unterschiedliche und nicht selten konfliktäre Führungsgrößen. Es mangelt deshalb an einer in sich konsistenten, langfristigen Strategie für unseren Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland.

„Der VDI hat die Verantwortung, in dieser Zeit voller Herausforderungen eine ganz aktive Rolle zu spielen“

Genau hier kommt der VDI ins Spiel, ein Verein, der durch mehr als 135 000 persönliche Mitglieder getragen wird und nicht von Parteien oder Unternehmen abhängig ist. Der VDI existiert seit mehr als 165 Jahren, hat also eine sehr lange Zeitkonstante, kann aber gleichzeitig auf unterschiedlichen Zeitskalen agieren – von Posts auf Social Media über Veranstaltungen und Handlungsempfehlungen unserer Fachgesellschaften bis hin zur Gestaltung technischer Richtlinien.

Ich möchte Sie einladen, auf Grundlage unserer Neutralität und unserer breiten Fachkompetenz im Dialog mit der Gesellschaft ein positives Zielbild für die Zukunft unseres Standorts zu formulieren, ähnlich einem Fixstern.


Wir haben als VDI die Chance und aus meiner Sicht auch die Verantwortung, in dieser Zeit voller Herausforderungen eine ganz aktive Rolle zu spielen.

Der VDI-Kongress Automation 2022 in Baden-Baden. Foto: Jan Bürgermeister/VDI Wissensforum

Ich möchte Sie einladen, auf Grundlage unserer Neutralität und unserer breiten Fachkompetenz im Dialog mit der Gesellschaft ein positives Zielbild für die Zukunft unseres Standorts zu formulieren, ähnlich einem Fixstern. Daraus abgeleitet gilt es, eine langfristig angelegte Strategie zu entwickeln, damit der Zukunftsstandort Deutschland eine tragende Rolle in Europa spielen kann – faktenbasiert, unabhängig und in alternativen Szenarien. So geben wir der Politik und der breiten Öffentlichkeit faktenbasiert Orientierung und machen die Relevanz und Rollen von Ingenieurinnen und Ingenieuren sichtbar. Wir stellen den VDI damit in den Dienst unserer Gesellschaft und positionieren uns als strategische „Zukunftsgestalter“. Bei diesem Vorhaben möchten wir ausgewiesene Expertinnen und Experten auch von außerhalb des VDI integrieren und mit ausgewählten, ähnlich neutralen Organisationen zusammenarbeiten.

„Zukunft Deutschland 2050“ wurde auf dem Deutschen Ingenieurtag initiiert

Der VDI initiiert strategisches Vorgehen: Unter dem Titel „Zukunft Deutschland 2050“ haben wir auf dem diesjährigen Deutschen Ingenieurtag am 25. 5. 2023 und der anschließenden Vorstandsversammlung ein mehrjähriges und mehr­phasiges Projekt initiiert. Dabei geht es um die Entwicklung eines langfristigen Zielbildes für den Standort Deutschland sowie die Ableitung objektiver Szenarien und konkreter Beiträge für die zukünftige Entwicklung.

Auf dem Deutschen Ingenieurtag in diesem Jahr wurde „Zukunft Deutschland 2050“ initiiert. Hier der Remote-Auftritt von Bildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger. Foto: VDI/bundesfoto/Bernd Lammel.

Im zweiten Halbjahr 2023 haben wir uns in der Projektvorphase intensiv mit der Analyse der aktuellen Situation des Standorts Deutschlands befasst. Dazu gehört einerseits der Vergleich mit anderen Wirtschaftsräumen der Welt, andererseits die regionale Betrachtung in den einzelnen Bundesländern, um kausale Zusammenhänge besser zu verstehen. Innerhalb kürzester Zeit konnte ein Projektdesign entwickelt werden, in dem zwei Methodiken miteinander verbunden wurden: eine Metastudie und die Befragung von Stakeholdern im VDI. So konnten unterschiedliche Perspektiven auf die Situation des Standorts Deutschland erfasst werden. Durch die Einbeziehung der VDI-Fachgesellschaften, die VDI-Landesverbände sowie der Netzwerke der VDI Young Engineers und der Frauen im Ingenieurberuf konnte das Ehrenamt frühzeitig an dem Vorhaben beteiligt und damit besonders wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden. Durch die Zusammenarbeit von VDI-Hauptgeschäftsstelle und Expertinnen und Experten der VDI Technologiezentrum GmbH konnten kurzfristig Expertise und Zugang zu unterschiedlichen Datenquellen mobilisiert werden. Sehr herzlich danke ich allen, die sich bisher in das Projekt eingebracht haben.

Die Methodik von „Zukunft Deutschland 2050“ ist Grundlage für den internationalen Vergleich

Die aktuelle Situation aus Sicht des VDI: Die entwickelte Methodik bildet den thematischen Zuschnitt des VDI e. V. und seiner Themencluster ab und ist zugleich Grundlage für den internationalen Vergleich. Die Einschätzungen der im VDI e. V. engagierten Expertinnen und Experten wurden durch die umfangreiche Erfassung von Daten aus international anerkannten Datenquellen ergänzt und kontextualisiert.

Viele Befunde, beispielsweise der durchschlagende, systematische Wachstumskurs Chinas oder die gerade in Deutschland existierenden Bürokratiehürden, konnten so aus einer unabhängigen, datenbasierten Perspektive bestätigt und konkretisiert werden.

Erste Zwischenergebnisse unterstreichen den Handlungsbedarf:

In der Befragung der VDI Young Engineers gibt allerdings nur etwa ein Drittel der Berufseinsteigenden an, durch das Studium ausreichend gut auf die heutige berufliche Tätigkeit vorbereitet gewesen zu sein. Die Karriereberatung auf den Recruiting Tagen der VDI nachrichten unterstützt junge Ingenieurinnen und Ingenieure bei beruflichen Entscheidungen. Foto: VDI Verlag

Aus den vervollständigten Ergebnissen werden wir systematisch Handlungsfelder ableiten, an denen wir in Deutschland gemeinsam arbeiten müssen, um unseren Standort langfristig attraktiv zu machen.

Die Analysen für „Zukunft Deutschland 2050“ sind bis März 2024 abgeschlossen

Erstrebenswertes Zielbild entwickeln: Nach Abschluss der eingehenden Analyse im März 2024 werden wir uns auch damit befassen, ein erstrebenswertes Zielbild für Deutschland im Jahr 2050 zu entwickeln. Dieses soll motivieren und unterschiedliche Perspektiven einen, statt ideologisch aufgeladene Diskussionen zu nähren.

Auf dieser Grundlage gilt es, im VDI gemeinsam Szenarien zu entwickeln, wie das Zielbild erreicht werden kann. Dabei wollen wir systematisch ableiten und beleuchten, welche Art von Wertschöpfung wir in Deutschland und Europa im internationalen Kontext benötigen, welche Ressourcen und Infrastrukturen dazu notwendig sind und in welche Technologien wir deshalb investieren müssen. Daraus resultiert nicht zuletzt ein Qualifizierungsbedarf, den wir durch konkrete Vorschläge für Studiengänge, aber auch Lehrpläne an Schulen hinterlegen wollen.

„Die Zahlen der Studienanfänger in den klassischen Ingenieurdisziplinen gehen dramatisch zurück.“

Bei Bildung und Kompetenzen ist ein radikales Umdenken erforderlich: Die Zahlen der Studienanfänger in den klassischen Ingenieurdisziplinen gehen dramatisch zurück. Insbesondere im Hinblick auf Qualifikation und Kompetenzen müssen wir daher in Deutschland umdenken.

Am 5. 12. 2023 wurde die aktuelle Pisa-Studie veröffentlicht: Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben in diesem internationalen Leistungsvergleich 2022 das bisher schlechteste Ergebnis erreicht. Auch in den meisten anderen OECD-Staaten sanken die schulischen Fähigkeiten. In Deutschland schneiden Jugendliche in Mathematik, im Lesen und in Naturwissenschaften deutlich schlechter ab als noch 2018.

Wir müssen uns darüber klar sein, dass diese Pisa-Studie ein Bild der Generation zeichnet, die den Standort Deutschland in 30 Jahren entwickeln muss!


Insgesamt, so die Studie, haben sich demnach in vielen OECD-­Staaten die durchschnittlichen Kompetenzen der Jugendlichen in den drei Bereichen im Vergleich zur vorherigen Studie von 2018 verringert. Allerdings sind die Leistungseinbußen in Deutschland überdurchschnittlich groß. Wir müssen uns darüber klar sein, dass diese Pisa-Studie ein Bild der Generation zeichnet, die den Standort Deutschland in 30 Jahren entwickeln muss!

Konkrete Handlungsempfehlungen für die Gestaltung der Zukunft: Im Kern wollen wir konkrete Handlungsempfehlungen entwickeln, die aufzeigen, was einerseits in Deutschland, andererseits aber auch im Zusammenspiel mit anderen Ländern innerhalb und außerhalb Europas adressiert werden muss, um das formulierte Zielbild zu erreichen.

Alle VDI-Mitglieder sind zur Mitarbeit an „Zukunft Deutschland 2050“ eingeladen

Ich setze dabei nicht nur auf diejenigen, die sich bereits heute im VDI engagieren, sondern möchte alle VDI-Mitglieder einladen, sich aktiv zu beteiligen. Dies beginnt beim Werben für das Gestaltungspotenzial unseres Berufsstands im privaten Umfeld, um junge Menschen für die Ingenieurwissenschaften zu begeistern, und reicht über die Beteiligung an konkreten Umfragen bis hin zur ehrenamtlichen Mitarbeit in den Regionen sowie in den Fachgesellschaften.

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Ich bin mir sicher, dass es uns durch unser gemeinsames großes Vorhaben „Zukunft Deutschland 2050“ gelingen wird, zur Lösung der beschriebenen Herausforderungen beizutragen und den VDI noch stärker als strategischen Zukunfts­gestalter zu positionieren, der unserer Gesellschaft und der Politik Orientierung gibt. Lassen Sie uns alle gemeinsam die Zukunft gestalten.

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