Funktechnik 15. Apr 2016 Harald Weiss

Handy mutiert zum Autoschlüssel

Drahtlose Schlüssel, die per Knopfdruck Autotüren öffnen, sollen bald durch eine App auf dem Handy ersetzt werden. Das macht die Nutzung von Fahrzeugen zwar smarter und bequemer, doch Sicherheitsexperten warnen vor möglichen Gefahren.

Die Codes vom Handy zum Autoschloss werden bei Volvo über Bluetooth transportiert. Das hat den Vorteil einer größeren Reichweite und größerer Bandbreite – kann aber auch leichter gehackt werden.
Foto: Volvo

Smartphones werden zu Alleskönnern. Ein neuer großer Anwendungsbereich ist die Nutzung als Türöffner und Starter fürs Auto. Zwar gibt es bereits sogenannte Keyless-Systeme, doch sie basieren weiterhin auf einem separaten kleinen Sende- und Empfangsmodul, das zum Öffnen und Starten benötigt wird.

In Zukunft sollen diese kleinen Geräte entfallen, denn das Handy übernimmt die Funktionen – und bietet noch mehr. So lassen sich mit dem Smartphone die Standheizung oder die Klimaanlage einschalten. Wer das Auto verleihen möchte, verschickt die passenden Zugangscodes an andere Handys. Diese Codes können auch mit zeitlichen oder funktionalen Einschränkungen versehen werden. Auch die Höchstgeschwindigkeit ließe sich so vorgeben, sollte man den Ferrari mal an einen jugendlichen Fahrer ausleihen.

Besonders interessant sind diese neuen Systeme für die Autoverleiher. Sie können in Zukunft dem Kunden den Code aufs Handy schicken. Sobald dieser an der Anmietstation eintrifft, wird er per GPS direkt zum Fahrzeug geleitet und kann ohne Einchecken losfahren. „Die Zeiten von separaten Autoschlüsseln neigen sich dem Ende entgegen“, meint bereits Dave Sullivan, Analyst bei der auf die Fahrzeugbranche fokussierten Forschungsagentur AutoPacific. Der Durchbruch könnte im nächsten Jahr kommen, denn Volvo und Ford haben bereits angekündigt, dass sie ab 2017 Fahrzeuge mit solchen App-basierten Handyschlüsseln auf den Markt bringen wollen. General Motors und Daimler arbeiten an Lösungen. GM wittert viele Vorteile – schließlich können diese virtuellen Autoschlüssel nicht mehr während der Fahrt aus dem Zündschloss fallen, wie es bei Modellen des US-Herstellers über Jahre geschah.

Wer schon jetzt ein handybasiertes Schlüsselsystem haben möchte, der kann sein Auto nachrüsten lassen. Hierzu bietet der kanadische Elektronikhersteller Keyfree ein System an. Eigenen Angaben zufolge passt deren System zu 95 % aller im Markt befindlichen Fahrzeuge.

Von der Technik her stehen für die Smartphone-Schlüssel zwei Verfahren zur Auswahl: Bluetooth oder NFC (Near Field Communication). Die Systeme von Volvo, GM und Keyfree sind Bluetooth-basiert, was den Vorteil einer größeren Reichweite und Bandbreite hat. Allerdings sind die Systeme dadurch auch verwundbarer, denn durch die Reichweite von bis zu 10 m ist es auch für Diebe leichter, den Code in einem nebenan parkenden Wagen „abzuhören“.

Die RFID-Variante NFC operiert dagegen nur innerhalb weniger Zentimeter und die maximale Bandbreite beträgt nur 424 kbit/s. Das macht diese Technik sicherer. Schließlich wird sie auch zur berührungslosen Kreditkartenzahlung genutzt. Hyundai und Daimler setzen auf NFC-Türöffner. So ist die neue E-Klasse (W213), die seit Samstag bei den Händlern steht, mit einem solchen System ausgestattet. Das Problem der geringeren Reichweite löst man bei Daimler so, dass mit dem Handy nur die Tür geöffnet wird. Im Auto wird es dann auf eine Aufladestation gelegt. Von dort aus kommuniziert es mit dem Fahrzeug, kann starten und weitere Funktionen übernehmen.

Während die Bequemlichkeit eines Handyschlüssels unbestritten ist, sind die Sicherheitsbedenken weiterhin ein potenzieller Marktblockierer. „Diese Systeme werden ein Eldorado für alle Diebe sein“, sagt der IT-Security-Experte Steven Beaty von der University of Denver. Er verweist dabei auf einen besonders kritischen Unterschied gegenüber den bisherigen separaten Schlüssel: „Wenn man den elektronischen oder physischen Schlüssel verliert, merkt man es, sobald man das Auto benutzen will, doch ein gestohlener Code auf einem Handy bleibt unbemerkt.“ Der Dieb könne sich nach dem Code-Diebstahl in Ruhe aussuchen, wann und wo er das Auto „abholen“ wolle, lautet seine Warnung.

Forrester-Analyst Mike Jude sieht das Problem ähnlich. „Alles, was drahtlos kommuniziert, kann gehackt werden. Die Erfahrung lehrt uns, dass die Industrie immer nur reagiert“, so Jude. „Es wird also eine Weile dauern, bis die Systeme so oft gehackt und verbessert wurden, dass sie nur noch schwer angreifbar sind.“

Diese Sicherheitsbedenken bekamen jüngst durch eine niederschmetternde Untersuchung des ADAC Nahrung. Untersucht wurden die gegenwärtig verbreiteten Funkschlüsselsysteme von 25 Fahrzeugmodellen. Mit relativ einfachen Mitteln konnten die Sendesignale um mehrere 100 m verlängert werden. So ließen sich die Türen öffnen und die Fahrzeuge starten. „Das funktioniert auch dann, wenn sich der Schlüssel in der Hosen- oder Handtasche befindet oder zu Hause am Schlüsselbrett hängt“, heißt es in dem Untersuchungsbericht. Keines der untersuchten Fahrzeuge konnte den Test bestehen.

Handy-Autoschlüssel – wer macht was?


Foto: velo

Volvo: Testphase läuft, allgemeine Verfügbarkeit ab 2017

Daimler: Einführung mit der neuen E-Klasse (W213), die auf der Detroit Motor Show vorgestellt wurde

Ford: Pilotphase läuft. Einführung 2017 mit dem neuen Fusion

General Motors: Testphase läuft. Einführung mit dem neuen E-Auto Chevrolet Bolt Ende 2016

Hyundai: Pläne schon vor einigen Jahren angekündigt. Keine Angaben zur Verfügbarkeit

Keyfree: Der kanadische Elektronikhersteller bietet einen Nachrüstsatz.

Handy als Zimmerschlüssel

Schon seit einem Jahr installieren große Hotelketten Systeme, bei denen das Handy zum Zimmerschlüssel wird. Sobald das Zimmer fertig ist, bekommt der Gast den Code mobil geschickt. Marktführer ist der schwedische Hersteller Assa Abloy, der bereits über 100 000 Hotelzimmer so ausgestattet hat.

Gravierende Sicherheitsvorfälle gab es noch keine, doch es gibt warnende Stimmen. „Die damit verbundenen Annehmlichkeiten für die Gäste sind mit erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden“, so Tim Shea, President von Assa Abloy. Trotzdem steht man dieser Technologie aufgeschlossen gegenüber.

Jim McHale, CEO der aufs Hotelgewerbe spezialisierten Forschungsagentur Memoori: „Jahrhundertelang gab es nur einfache Metallschlüssel, die man an jeder Straßenecke nachmachen konnte, dann kamen die Keycards. Jetzt haben wir die Smartphones. Die sind natürlich auch nicht absolut sicher, aber sie sind um ein Vielfaches sicherer als die Keycards.“

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