Reportage: Bau 21. Jan 2022 Von Fabian Kurmann

Ein sauberer Schnitt: Fluss Emscher endlich abwasserfrei

Es hat über 130 Jahre gestunken. Doch seit Anfang dieses Jahres werden keine ungeklärten Abwässer mehr in den Fluss Emscher und seine Zuläufe eingeleitet. Der Umbau vom oberirdischen zum unterirdischen Abwasserkanal dauerte ganze 30 Jahre.

Offener Kanal: An kalten Tagen sieht man stinkenden Dunst über der Berne in Essen. Eine steile Böschung und starke Strömung machen hier den Fluss lebensgefährlich.
Foto: Fabian. Kurmann

Es ist Zeit ihn loszuwerden. In acht Wochen ist es aus mit ihm – Deadline. Im Herzen von Nordrhein-Westfalen, zwischen den Städten Herten und Gelsenkirchen, beobachtet eine Handvoll Arbeiter auf einer Baustelle ein Betonrohr. Es ist grau, schwer und groß: Kinder und kleinere Frauen könnten darin noch aufrecht stehen. Durch dieses Bauteil wird der Gestank beseitigt – nur an einem Teil des Holzbachs, aber endgültig.

An diesem Tag Anfang November 2021 ist auch Andreas Giesler vor Ort. Er leitet das Teilprojekt Holzbachkanal und weiß, dass dieses letzte Rohr die Menschen bachabwärts befreien wird – vom wiederkehrenden Abwassergestank. Passend zugesägt, bildet es nämlich das abschließende Bauteil, um die Stadt Herten an ein neu gebautes, unterirdisches Abwasserkanalnetz anschließen.

Abwassersystem: Parallel zur Emscher verläuft nun unterirdisch der neue „Abwasserkanal Emscher“ (grün). In den Rhein (li.) fließt geklärtes Wasser. Die Berne und der Holzbach sind zwei der zahlreichen Zuflüsse der Emscher. Foto: M. Walkstein/EGLV

Bauingenieur Andreas Giesler leitet das Teilprojekt des Umbaus am Holzbach. Hier steht er im Baucontainer vor dem Plan des gesamten Kanals entlang des Holzbachs, der in die Emscher mündet. Foto: Fabian Kurmann

Sicht von oben: der Plan für die Baustelle am Holzbach zwischen Gelsenkirchen und Herten. Foto: Fabian Kurmann

Vorne: die beiden Schächte für die Wartung des neuen Kanals, dazwischen der Abwasserkanal aus Herten, der noch an den neuen Kanal angeschlossen werden muss. Die Rohre dafür liegen darüber. Foto: Fabian Kurmann

Bauleiter Alexander Weigenand inspiziert seine Baustelle. Wenige Wochen vor der Deadline war der Ingenieur des Düsseldorfer Bauunternehmens Eiffage Infra-Bau optimistisch, dass es klappt – und hat Recht behalten. Foto: Fabian Kurmann

Ein Mobilkran wird die letzten beiden Rohrstücke in die Baugrube heben, sobald das eine passend abgesägt ist. Zu diesem Zeitpunkt läuft das Abwasser noch über eine Umleitung in den Holzbach (unten). Foto: Fabian Kurmann

Ein Arbeiter legt das Seil der Betonsäge um das Rohr. Es muss kürzer werden, um den alten Abflusskanal passgenau an den neuen anzuschließen. Foto: Fabian Kurmann

November 2021: Zum Anschluss der Stadt Herten an den Abwasserkanal fehlt nur noch ein kleines Stück. Dann wird kein Abwasser mehr in den Holzbach geleitet. Links der Anschluss an den neuen Abwasserkanal. Von rechts kommt das Abwasser aus Herten, was zu der Zeit für die Baustelle umgeleitet wurde. Oben rechts die beiden letzten Rohrstücke aus Beton. Foto: Fabian Kurmann

Blick in die Baustellengrube: Das Betonrohr ist der Anschluss an den neuen unterirdischen Abwasserkanal. Foto: Fabian Kurmann

Anschluss und Schacht des neuen unteririschen Kanals, durch den das Abwasser seit Ende 2021 fließt. Vorne: die Umleitung, durch die wärend der Baustellenzeit Abwasser gepumpt wurde. Foto: Fabian Kurmann

Es gluckerte immer wieder, wenn Abwasser durch dieses Umleitungsrohr zum Holzbach gempumt wurde. Foto: Fabian Kurmann

Zwischen den letzen beiden Betonrohren sieht man im Hintergrund die Pumpe für die Abwasserumleitung aus Herten. Foto: Fabian Kurmann

Abwasserumleitung für den Kanal aus Gelsenkirchen. Foto: Fabian Kurmann

Diese Pumpe pumpte Abwasser aus dem Kanal aus Gelsenkirchen zum Holzbach, während die Baustelle lief. Genauso wurde es auch beim Kanal aus Herten und seiner Anschlussbaustelle gemacht. Foto: Fabian Kurmann

Rechts das ehemalige Ende des Abwasserkanals aus Herten. Alles wurde direkt in den Holzbach mit seiner abschüssigen Böschung geleitet. Während der Baustelle wurde das Wasser über eine Umleitung gepumpt und neben dem alten Ausgang wieder eingeleitet. Foto: Fabian Kurmann

Auf der gegenüberliegenden Seite des Holzbachs befindet sich die Anschlussbaustelle für den Kanal aus Gelsenkirchen. Hier ein Blick in den Einstiegsschacht. Foto: Fabian Kurmann

Im hoch gewachsenen Uferbewuchs sieht man die Abschüssigkeit der Böschung kaum noch, und auch das Warnschild ist nur noch knapp zu erkennen. Aktuell stehen solche Schilder entlang all der Technischen Gewässer wie des Holzbachs, der Berne und der Emscher. Foto: Fabian Kurmann

Doch erst muss es kürzer werden: Um das Rohr herum liegt ein Sägeseil. Kühlendes Wasser fließt an den Rohrseiten herab. Als die Betonsäge startet, spritzt das Wasser nur so in alle Richtungen. Jetzt ist Geduld gefragt, denn der Schnitt wird dauern. Beton ist ein hartes Material und die Wände dieser Rohre sind dick: Für nicht mal 20 cm Wandstärke sägt die Maschine daher locker 30 min – wenn das Seil nicht reißt.

Abwasser wurde direkt in Bach und Fluss geleitet

Was im Großteil Deutschlands so spannend wäre wie ein Gullydeckel, ist hier spektakulär. Der Grund: Die Gemeinde leitet seit über einem Jahrhundert ihr Abwasser direkt in den Holzbach, der nur einen Steinwurf entfernt an der Baustelle vorbeifließt.

Während das Rohr zersägt wird, fängt eine kleinere, transparente Rohrleitung immer wieder an zu gluckern. Sie verläuft quer über die Baustelle zum Holzbach. Kurz danach beginnt es am Bach zu rauschen und wenig später trägt der Wind eine Prise Abflussgestank zur Baustelle. „Im Moment läuft eine provisorische Umleitung in den Holzbach“, erklärt der Bauingenieur Giesler. Deshalb stinkt es immer wieder – noch. „Ab nächster Woche läuft das Abwasser in den neuen Kanal.“

2021: Ein „weltweit beachtetes Infrastrukturprojekt“ bringt große Veränderung

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