Digitalisierung 10. Feb 2023 Von Christoph Sackmann Lesezeit: ca. 2 Minuten

Estland: „Wir fürchteten damals, wir könnten niemals mit Deutschland konkurrieren“

Kersti Kaljulaid hat die digitale Demokratie in Estland mit aufgebaut, erst als Beraterin der Regierung, später als Staatspräsidentin. Im Interview mit VDI nachrichten erklärt sie, welche Hürden das baltische Land nehmen musste, was Deutschland lernen kann und wie sicher Estlands System ist.

Kersti Kaljulaid, Ex-Staatspräsidentin von Estland, hat dank der Digitalisierung in ihrem Land bis heute keinen Finanzbeamten live gesehen – und möchte auch, dass das so bleibt.
Foto: Karl Magnus Antson

VDI nachrichten: Frau Kaljulaid, wann haben Sie das letzte Mal analog mit einer Behörde kommuniziert?

Kersti Kaljulaid: Oje, ich habe mich vor Kurzem für ein Visum bei einem befreundeten Land beworben und es hat drei Monate gedauert. Ich habe keine Ahnung, warum das so schwierig war. Vielleicht lag es am Sommer.

Wie fremd fühlt sich so etwas für Sie mittlerweile an?

Es hat sich schon 2004 sehr fremd angefühlt, als ich aus Estland nach Luxemburg gezogen bin. Das ist ein fantastisches Land, das reichste Europas – pro Kopf gerechnet – und hat viele positive Features. Als ich aus Estland kam, habe ich deswegen nicht damit gerechnet, dass es drei Tage dauern würde, um mein Auto anzumelden. Unglücklicherweise hat sich das bis heute nicht gebessert.

Der Mensch und die Angst vor Maschine und Digitalisierung im Zeitvergleich

Wie sehr überrascht Sie das?

Wir haben ungefähr zur selben Zeit in Estland die Einführung unseres digitalen Personalausweises diskutiert. Ich weiß noch genau, dass wir dachten, wir müssten ihn schnell einführen, damit wir die Ausweise günstig bekommen. Unsere Annahme war, dass in den Jahren danach viel reichere Länder viel Geld in die Technologie investieren würden. Das fürchten wir im Baltikum immer. Wenn Frankreich oder Deutschland viel staatliches Geld für eine Sache in die Hand nehmen, können wir niemals konkurrieren. Aber wir sitzen hier 18 Jahre später und Deutschland hat immer noch nicht voll in die Digitalisierung seiner Behörden investiert.

Kersti Kaljulaid, bis 2021 Staatspräsidentin von Estland, hat die Digitalisierung ihres Landes von Anfang an begleitet. Im Interview mit VDI nachrichten berichtet sie von den Chancen, Fallstricken und Möglichkeiten der digitalen Verwaltung. Foto: Karl Magnus Antson

Estland ist einer der Vorreiter digitaler Verwaltung. Schon in den 1990er-Jahren …

Oh ja, 1997 hatten wir unseren ersten elektronischen Service, die digitale Steuererklärung. Wissen Sie, warum?

Nein. Warum?

In der Sowjetunion musste niemand Steuern zahlen. Als wir 1992 unabhängig wurden, hatten wir also nicht die administrativen Möglichkeiten dafür – keine Ämter, keine Schalter, wo Bürger hingehen konnten. Wer würde sich ohnehin freiwillig anstellen, um Steuern zu bezahlen? In diesem Land jedenfalls niemand.

Digitalisierung in Estland: „Ich habe mein ganzes Leben keinen Finanzbeamten gesehen – und ich hoffe, ich werde es nie.“

Skandinavische Banken hatten aber schon 1994 in Estland angefangen, Onlinebanking anzubieten. Das war für sie profitabler als Filialen, weil Estland so dünn besiedelt ist. Also dachten wir uns, wir nutzen einfach dieselbe Technologie. Die ersten Services funktionierten deswegen über das Anmeldeverfahren von Banken. Bürger nutzten also ihr Onlinebanking für die Steuererklärung. Das machte es einfach, weil Sie dort sowieso alle Zahlungseingänge und Ausgaben vorliegen haben. 1997 war übrigens auch das erste Jahr, in dem ich selbst eine Steuererklärung abgeben musste. Ich habe mein ganzes Leben keinen Finanzbeamten gesehen – und ich hoffe, ich werde es nie.

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