Deutscher Ingenieurtag 27. Mai 2021

Konzepte für den Klimaschutz

Deutscher Ingenieurtag: Geballte Kompetenz aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutierte auf dem DIT 2021. Mehr als 7000 Zuschauer verfolgten die Debatte unter dem Motto: „1,5 Grad – Gemeinsam für das Klimaziel“.


Foto: VDI e.V.

Zur Eröffnung des Deutschen Ingenieurtags 2021 befragte VDI-Präsident Volker Kefer den Co-Vorsitzenden der Grünen, Robert Habeck.

Volker Kefer: ‧Präsident des VDI.
Foto: VDI/Catrin Moritz

Volker Kefer: Herr Habeck, wären Sie in diesen Tagen gerne Ingenieur?

Robert Habeck: Ich bin froh, dass ich es nicht bin. Davon sollte ich lieber die Hände lassen. Ich sorge dafür, dass die Energiewende bezahlt wird, Sie als Ingenieure sorgen dafür, dass wir die beste Technik dafür kriegen.

Robert Habeck, Co-Vorsitzender der Grünen.
Foto: Urban Zintel/Bündnis90/Die Grünen

Sind die Grünen gut vorbereitet für die Regierungsarbeit?

Wir sind in den Ländern ja bereits häufig an der Regierung beteiligt. Ich selbst war in Schleswig-Holstein sechs Jahre lang für den Ausbau der Stromnetze und Energie verantwortlich. Ich weiß, worüber ich rede. In dieser Zeit wurde die Stromproduktion aus Erneuerbaren in Schleswig-Holstein verdoppelt. Wir sind also top vorbereitet, Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben,65 % der CO2-Emissionen bis 2030 zu reduzieren. Aber bis wann ist Deutschland wirklich klimaneutral?

Zunächst halte ich die Beschlüsse für gut, nicht für sehr gut. Die Ziele weisen in die richtige Richtung. Die ganzen Zahlen nützen aber nichts, wenn wir jetzt rumtrödeln und uns die schwierigen Debatten nicht zumuten. Wir müssen den Netzausbau deutlich beschleunigen sowie den Ausbau erneuerbarer Energien und internationale Abkommen voranbringen. Es steht uns aber eine wahnsinnige Kraftanstrengung bevor, technisch, sozial und kommunikativ. Wenn wir alles perfekt machen, schaffen wir die Klimaneutralität in 20 Jahren. Reden wir von einem Regierungsantritt 2022, wäre das also im Jahr 2042.

Für investive Aufgaben wollen Sie neue Staatsschulden zulassen. Haben Sie eine Idee, wie sichergestellt werden soll, dass diese Gelder nicht für den Konsum verwendet werden?

Wir haben nicht nur eine Idee, sondern dieser Punkt ist der Kern unseres Regierungsprojekts. Wir haben ein ausgearbeitetes Konzept, wie die Schuldenbremse reformuliert werden soll. Ich bin selbst Minister in einer Regierung gewesen, in der die Bedienung der Zinsen jeden politischen Gestaltungsspielraum aufgefressen hat. Dahin will ich nicht zurück. Auf der anderen Seite hat Deutschland bereits vor Corona im europäischen Vergleich und auch im Vergleich mit den OECD-Staaten deutlich zu wenig investiert. Die kommunale Schuld in unserer Infrastruktur, also marode Brücken und Schulen, beträgt 149 Mrd. €. Da sind Investitionen in die Zukunft wie für den Glasfaserausbau oder die energetische Gebäudesanierung noch gar nicht mitgerechnet. Schulden zu machen ist bei uns stark moralisch aufgeladen. Reden wir lieber von Krediten. Wir geben uns Kredit für ein Klimaneutralität herstellendes Wachstum und schaffen damit Werte für die Gesellschaft. So schaffen wir den Wohlstand der Zukunft.

Mir fehlt etwas der Glaube, dass das gelingen kann. Der Bund tilgt seine Schulden normalerweise nicht. Sie bekommen wahrscheinlich täglich gute Ratschläge von verschiedenen Lobbyverbänden, wo gespart werden darf und wo nicht. Wie verhindern Sie, dass der Umbau zulasten einzelner Gruppen geht?

Die Einnahmen aus der CO2-Steuer sollen genommen werden, um Haushalte und Unternehmen zu entlasten, nicht etwa um die Infrastruktur aufzubauen. Aber wer zum Beispiel im ländlichen Raum lebt, eine alte Ölheizung hat und 60 km zur Arbeitsstelle pendelt, für den geht diese Rechnung nicht auf. Auch wenn wir die Landwirtschaft ökologisieren, werden wir Preissteigerungen haben. Man kann durch richtige Steuerung im ökologischen Bereich einige Härten vermeiden und die durchschnittliche Belastung gering halten. Aber das wird nicht reichen. Das kann die Umweltpolitik nicht leisten. Das müssen die Finanz- und Sozialpolitik tun. Wer sonst immer gegen höhere Löhne ist, gegen Tarifbindung, jede Hartz-IV-Erhöhung und den Mindestlohn ablehnt, macht etwas falsch. Wir brauchen einen intakten Sozialstaat.

Ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen. Wir als VDI, die wir nicht interessengeleitet agieren, sondern als Ständevereinigung der Ingenieure, würden Sie gerne mit Know-how unterstützen und gemeinsam dafür sorgen, dass wir dem Klimaziel ein Stück näherkommen. Steigt die Politik da ein?

Das freut mich sehr. Wir wollen in die nächste Bundesregierung. Wir sorgen für klare Zielvorgaben und für die Finanzierung und Sie schaffen die Lösungen. Wenn das der Deal ist, schlage ich sofort ein.

Dann haben wir einen Deal. aw

Der Wunsch des VDI


Foto: BMU/photothek/Thomas Trutschel

Svenja Schulze, Bundesumweltministerin: Der VDI und das Bundesumweltministerium (BMU), beide ziehen an einem Strang, wenn es um die Klimapolitik geht. Zumindest sieht das die BMU-Hausherrin Svenja Schulze so: „Der VDI hat den CO2-Preis immer unterstützt und sich sogar einen höheren gewünscht. Sie haben mitgeholfen, dass wir ihn durchsetzen und einführen konnten“, sagte sie in ihrer Botschaft zum 30. Deutschen Ingenieurtag. Mit dem Klimaschutz habe der VDI ohnehin „das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt auf die Tagesordnung gesetzt“. Angesichts des jüngsten Urteils des Bundesverfassungsgerichts könne man jetzt „die Chancen noch besser nutzen, die in der Transformation liegen“. Ingenieure, so Schulze, seien „in das Gelingen verliebt“ – auch beim Klimaschutz. Die Bundesregierung müsse jetzt die Rahmenbedingungen setzen, um den notwendigen „Innovationen den Weg in den Markt zu ebnen“, sagte die Ministerin.  swe

Bepreisung als Instrument


Foto: Franz Wamhof

Harald Bradke, Vorsitzender des Gremiums Klimaschutz und Energiewende im VDI, sieht in den bisherigen politischen Rahmenbedingungen eine Bremse für das Erreichen der Klimaziele. Als marktwirtschaftliches Instrument sei eine Bepreisung der CO2-Äquivalente – inklusive Methan – förderlich. Die Frage sei nur, wie hoch der Preis sein müsse. „Weil der Markt nur dann die richtige Antwort finden kann, wenn alle Kostenfaktoren eingepreist sind“, erklärte er. Nach einer Studie des Umweltbundesamtes müssten wir in Deutschland mit 195 €/t für die verursachten Schäden auskommen. Der aktuelle Preis im europäischen Emissionsrechtehandel liege dagegen bei etwa 50 €/t. Die Kalkulation gehe allerdings davon aus, dass die aktuelle Wohlfahrt höher gewichtet werde als die Wohlfahrt der künftigen Generation. Bei einer Gleichgewichtung müssten etwa 680 €/t berechnet werden. „Wir leben zu Lasten künftiger Generationen“, sagte Bradke. Nach seiner Einschätzung werde das Thema daher im VDI vor allem von jungen Menschen vorangetrieben. ciu

Nachhaltigkeit bedeutet Transformation


Foto: Robert Bosch GmbH

Donya-Florence Amer, CEO der Bosch Climate Solutions GmbH, berichtete, dass Bosch seit 2020 CO2-neutral produziert. Das gelinge durch vier Hebel: Energieeffizienz; die Erzeugung eigenen Grünstroms durch Solarzellen, Biomasse und Windkraft; den Einkauf von Grünstrom sowie die Kompensation der unvermeidbaren Emissionen. Bei der Energieeffizienz helfe dem Unternehmen die Technologieoffenheit von Bosch. Ihre Firma gebe dieses Wissen, eingebettet in eine Nachhaltigkeitsstrategie, nun auch an Kunden außerhalb von Bosch weiter.

Amer stellte fest, dass sich damit bei Bosch auch die Art verändert habe, wie gearbeitet werde und wie Produkte entwickelt würden. „Nachhaltigkeit ist eine Transformation“, die sich laut Amer durch alle Ebenen von der Forschung und Entwicklung bis hin zur Produktübergabe an den Kunden durchzieht. Dabei gehe es stets um die Balance, Dinge zwar anders zu tun, das aber auch wirtschaftlich abbilden zu können. ciu

Diskrepanz zwischen Ziel und Umsetzung


Foto: EnBW/Uli Deck

Frank Mastiaux, Vorstandsvorsitzender der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, hält es für wichtig, dass Ziele schneller in Aktivitäten umgesetzt werden. Über die Debatte, dass das notwendig ist, sei man zwar hinaus, die bisherigen Aktivitäten reichten jedoch nicht aus. „Wenn man im Projekt­managementmodus sagt, am Tag x möchte man soundsoviel erneuerbare Megawatt an Energie erreicht haben, wäre es einfach rückwärts zu rechnen, was man in der verbleibenden Zeit noch leisten müsste“, sagte er. Allein bezogen auf den Windkraftausbau lasse sich aber schnell ausrechnen, dass das in der Praxis um den Faktor drei bis vier zu langsam gehe. „Wenn ich das Ziel festhalte, müsste ich ab jetzt noch schneller werden“, unterstrich er. Ein Hinderungsgrund sind für Mastiaux hierbei immens lange Planungs- und Umsetzungszeiträume, wodurch das Ziel nicht mehr zur Umsetzung passe. In den vergangenen fünf Jahren seien diese von 30 auf 70 Monate angewachsen. Hier gelte es das Verwaltungssystem anzupassen. ciu

Langfristige Planbarkeit ist nötig


Foto: Covestro AG

Markus Steilemann, Vorstandsvorsitzender der Covestro AG, stellte zur Rolle seiner Branche im Klimaschutz fest: „Die Industrie verursacht 18 % der weltweiten CO2-Emissionen, auf die chemische Industrie entfallen davon 7 %.“ Wenn seine Branche so wirtschafte wie bisher, wäre man auf einem 6-Grad-Pfad. Er stellte allerdings fest, dass oft „nur auf einzelne Sektoren“ geschaut werde. Dabei werde oft vergessen, dass es sich lohnen kann, an manchen Stellen mehr Energie einzusetzen, um an anderen Stellen positive Klimaeffekte zu erzielen. Als Beispiel nannte er hocheffiziente Windkraftanlagen. Ohne eine starke Chemieindustrie in Deutschland wäre eine schnelle Energiewende daher nicht denkbar. Steilemann verwies zudem auf einen weiteren wichtigen Aspekt: „Wir können die Klimadebatte nicht ohne die Debatte über eine Kreislaufwirtschaft führen. Denn wir brauchen Materialien und diese sind begrenzt.“ Dabei müsse die chemische Industrie vorangehen. An die Bundesregierung richtete Steilemann die Forderung, ressortübergreifend zu denken, Planungsprozesse zu beschleunigen und langfristige Planbarkeit zu schaffen – also über eine Legislaturperiode hinaus. Denn Chemieanlagen, die in zehn bis 20 Jahren die Klimaneutralität bringen sollen, müssten heute aufgebaut werden. ciu

„Wir sind privilegiert“


Foto: Die Astronautin

Insa Thiele-Eich, Meteorologin und wissenschaftliche Koordinatorin am Meteorologischen Institut der Uni Bonn, sprach sich dafür aus, den Begriff „Menschenschutz“ statt Klimaschutz zu verwenden. Die vielleicht erste deutsche Frau im All präsentierte sich alles andere als abgehoben: Direkt vom Höhlentraining kommend, machte sie in ihrem Statement deutlich, dass es sich bei den Klimawandelproblemen bereits um reale Katastrophen handelt. Deutschland sei privilegiert und bewerte das aus einer lokalen Perspektive. Es sei aber so, dass die Auswirkungen des Klimawandels in anderen Teilen der Welt bereits in deutlich spürbar seien. Bereits im Jahr 2015 habe Deutschland die ersten Klimaflüchtlinge aus Bangladesch anerkannt. Sie appellierte: Wer privilegiert sei, trage Verantwortung und müsse mehr Treibhausgase einsparen als andere. Gleichzeitig ermutigte sie, kleine Schritte zu gehen, um dann „gemeinsam einen großen Schritt zu machen“. cer

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