IW-Konjunkturampel 23. Jul 2020 Von Michael Grömling

Deutsche Industrie: Ein weiter Weg zur Normalisierung

Die deutsche Industrie ist weit entfernt von alter Stärke. Das Exportgeschäft wird noch lange leiden.

Fast alle Indizes stehen auf Rot. Im Inland stützt allein die Bauwirtschaft noch die Investitionen. In vielen Ländern ist das Virus auf dem Vormarsch, was sich in den Daten für das Ausland niederschlägt.

Industrieproduktion gestiegen! Wieder höhere Auftragseingänge! Exporte legen wieder zu! Das waren gute Meldungen in jüngster Zeit. Die IW-Konjunkturampel, die monatlich die wichtigsten Konjunkturindikatoren bündelt und bewertet, ist für Deutschland allerdings immer noch rot eingefärbt. Dies signalisiert jeweils eine merkliche Verschlechterung.

Mittlerweise leuchten sogar mehr Felder rot als während der globalen Finanzmarktkrise der Jahre 2008 und 2009. Die bereits unmittelbar nach der Aufhebung des umfassenden Lockdowns einsetzenden Verbesserungen im Mai haben also noch nicht ausgereicht, um eine merkliche Erholung abzubilden. Einzig die Investitionstätigkeit profitiert noch von der bislang stabilen Bautätigkeit.

Tiefpunkt im April erreicht

Erfreulich ist immerhin, dass im April nach aktueller Fakten­lage der Tiefpunkt erreicht wurde. Das verwundert nicht, wenn das Ausmaß der damaligen Lockdownmaßnahmen bedacht wird. Von da ausgehend, konnte es nur noch nach oben gehen. Bei aller Freude über diese Trendwende ist die deutsche Industrie von einer Normalität noch weit entfernt. Nimmt man den Mai 2019 als Maßstab, dann lag ein Jahr später die Industrieproduktion noch um fast 24 % darunter. Zum Vergleich: Im April belief sich der Produktionseinbruch gegenüber dem Vorjahresmonat auf 30 %. Bei den Aufträgen sind die Lücken zum Vorjahr noch gewaltiger. Und dabei sollte bedacht werden, dass das Jahr 2019 sogar ein rezessives Industriejahr war. Nimmt man 2018 als Benchmark, dann ist der Weg zur Normalisierung noch mal ein gutes Stück weiter.

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung setzt vielfältige Anreize für eine Erholung. Damit sollen Unternehmens­zusammenbrüche verhindert und Beschäftigung und Einkommen der Verbraucher stabilisiert werden. Denn auch das Konsumklima ist trotz vieler Lockerungen im Keller. Vor allem die Beschäftigungssorgen bremsen die Kauflaune. Dazu kommt noch die Gefahr einer zweiten Infektionswelle mit dann entsprechenden gesundheitspolitischen Notwendigkeiten. Doch auch eine wieder kräftig anziehende Inlandsnachfrage wird nicht ausreichen, um die Industrie und die gesamte Volkswirtschaft wieder in den Normalbetrieb zurückzuführen. Rund die Hälfte ihrer Geschäfte tätigt die deutsche Industrie mit Kunden rund um den Globus. Und in vielen Ländern ist das Virus ungebremst auf dem Vormarsch. Südamerika ist in Schockstarre. Die USA bekommen die Ausbreitung des Virus nicht in den Griff.

Prognosen für US-Wirtschaft sinken

Was das ökonomisch bedeutet, ist schwer abzuschätzen. Jedenfalls werden die Prognosen für die US-Wirtschaft Monat für Monat nach unten korrigiert. Das gilt auch für eine Reihe von Ländern in Europa. Die Normalisierung der deutschen Exportgeschäfte kann also mehr Zeit in Anspruch nehmen als bisher erwartet.

Einzig China scheint nach offizieller Lesart die Pandemie im Griff zu haben. Jedenfalls zeigen sich bei den verfügbaren Industrieindikatoren deutliche Verbesserungen in jüngster Zeit. Wie beständig diese Erholung sein wird, lässt sich derzeit ebenfalls kaum bewerten. Denn auch die chinesische Wirtschaft hängt in hohem Maße von ihrer weltweiten Kundschaft ab.

Monat für Monat werden die Prognosen für viele europäische Länder nach unten korrigiert. Das drückt die deutschen Exportaussichten.

Foto: IW

Die Pandemie hält die USA seit Monaten im Griff. Das zeigt sich in den Wirtschaftsdaten.

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