Globalisierung 06. Mai 2021 Von W. Schmitz und A. Weikard

Deutsches Exportmodell am Ende?

Massive Störungen der globalen Lieferketten infolge der Coronapandemie und der Blick auf die Politik der großen Handelspartner werfen die Frage auf: Ist Deutschland mit seinem auf den Export ausgerichteten Wirtschaftsmodell am Ende?


Foto: PantherMedia / tashatuvango

Die Globalisierung, mit immer offeneren Märkten, umfassenderen Zollunionen und Handelsabkommen, ist gebremst. Der Handelskrieg, den Donald Trump angezettelt hat, und die Erfahrungen der Pandemie, die die Verwundbarkeit globaler Lieferketten aufgezeigt hat, haben Konsequenzen.

Die Wirtschaftsmächte China und USA machen ihre Ökonomien wetterfest für eine neue Eiszeit. Kommt ein neuer kalter Krieg, wollen sie unabhängig sein, was Ressourcenverfügbarkeit und Technologien angeht. Gigantische Konjunkturprogramme zum Aufbau eigener Wissensschätze und eigener Infrastruktur weisen den Weg in eine Zukunft voneinander abgeschotteter Wirtschaftsräume und Interessensphären.

Muss Deutschlands Wirtschaft unabhängiger vom Export werden?

Der Globalisierungsgewinner Deutschland wäre im Falle einer solchen Entwicklung besonders verwundbar. Die VDI nachrichten fragten renommierte Wirtschaftsforschende und Verbandsvertretende: „Braucht Deutschland ein neues, weniger vom Export abhängiges Wirtschaftsmodell?“ Die Antworten waren durchaus kontrovers.

Mit Blick auf die Akteure China und USA meint etwa Andreas Nölke, Professor an der Frankfurter Goethe-Universität und aktiv am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung, es sei „vollkommen verständlich, dass die beiden Länder so viel Geld in die Hand nehmen“, um ihre Binnenkonjunktur anzuschieben, und sagt: „Wir sollten dem folgen. Wenn wir das nicht machen – was sich abzeichnet –, werden Europa und Deutschland gegenüber den beiden großen Wirtschaftsräumen zurückfallen.“

Keine Abkehr vom Weltmarkt

Jürgen Matthes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hält eine Abkehr vom Weltmarkt nicht für den geeigneten Weg. „Eine gewisse Umorientierung in Richtung Binnenwirtschaft kann sich aber ergeben, wenn der deutsche Staat endlich effektiv und konsequent in Digitalisierung, Infrastruktur und grüne Technologie investiert.“ Sabine Stephan vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) empfiehlt eine „balancierte Wachstumsstrategie, die auf einer außen- und einer binnenwirtschaftlichen Säule ruht“.

Nils Schmid, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, glaubt nicht, dass europäische Firmen mittelfristig noch sehr vom Wachstum Chinas profitieren werden. Die Unabhängigkeits­tendenzen in der Volksrepublik signalisieren eine Trendwende. Dennoch sei ratsam, „nicht zu leichtfertig Abkopplungsdiskussionen zu führen; das Verhältnis zu China wird sich immer im Dreigestirn von Systemrivalität, Kooperation und Wettbewerb abspielen“.

Den Fokus „Deutsches Exportmodell auf dem Prüfstand“ lesen Sie im aktuellen E-Paper der VDI nachrichten mit diesen Themen:

Braucht die Wirtschaft ein neues Modell?

Umfrage: Die Pandemie hat die Verwundbarkeit globaler Lieferketten aufgezeigt. Innerhalb der EU werden die deutschen Exportüberschüsse schon seit Langem kritisiert. Wie sollte die deutsche Wirtschaftspolitik vor diesem Hintergrund aufgestellt sein? Sieben Fachleute nehmen Stellung.

Süchtig nach Exporten

Wirtschaftsmodell: Deutschland sollte sich aus der Abhängigkeit internationaler Märkte lösen und stärker auf die Binnennachfrage setzen, meint der Ökonom und Buchautor Andreas Nölke.

Zwischen Rivalität und Kooperation

Reformen: China und die USA stärken ihre jeweilige ökonomische Unabhängigkeit durch hohe staatliche Investitionen in Infrastruktur und Binnenkonsum. Welche Folgen hat das für Deutschland?

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