Verteidigungspolitik 24. Jul 2023 Von Sebastian Wolking Lesezeit: ca. 4 Minuten

MGCS als künftiger Kampfpanzer der Bundeswehr bekommt eine neue Dringlichkeit

Das „Main Ground Combat System“ (MGCS) soll den Leopard und Leclerc als Kampfpanzer ersetzen. Nach langem Stillstand treiben die Verteidigungsminister Deutschlands und Frankreichs das Projekt voran.

So stellt sich die deutsch-französische Holding KNDS den künftigen Kampfpanzer MGCS vor. Doch besonders um die Bordkanone wird heftig mit Rheinmetall gestritten.
Foto: KNDS

Das „Main Ground Combat System“ soll das Panzersystem der Zukunft werden. Nach Jahren der Apathie kommt jetzt Schwung in dieses für die europäische Sicherheit wichtige Vorhaben. Denn MGCS-System soll einmal den deutschen Leopard und das französische Modell Leclerc als jeweilige Kampfpanzer und damit Kern der Heeresverbände ablösen. Mitte Juli erläuterten Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein französischer Amtskollege Sébastien Lecornu bei einem Treffen in Berlin, wie sie die Kampfpanzerentwicklung vorantreiben wollen. „Wir waren in einer diplomatischen Phase des Programms, aber heute treten wir in eine operative Phase des Programms“, erläuterte Lecornu. Zu den Umsetzungsschritten gehört die Verabschiedung eines von Heeresinspekteuren beider Länder formulierten Grundsatzpapiers Ende September, in dem die weiteren Schritte formuliert sind. Bis zum Ende des Jahres wollen sich die Verantwortlichen dann darauf einigen, welche Anforderungen sie an das neue Waffensystem stellen.

Rüstungsfirmen stritten über die Zuständigkeit für MGCS

Die Erklärungen der Verteidigungsminister kamen überraschend. Denn bis zuletzt sah es so aus, als würden sie versanden. Hinter den Kulissen wurde darum gerungen, welche Seite bei dem Projekt den Hut aufhat. Und unter den beteiligten Rüstungsunternehmen aus beiden Ländern gab es dem Vernehmen nach Streit darüber, wie die zu vergebenden Aufträge verteilt werden.

Ob das MGCS-Projekt so zügig fortschreiten kann, wie es Verteidigungsminister Boris Pistorius mit seinem französischen Kollegen vereinbart hat, wird vor allem daran hängen, ob Pistorius für ausreichende Finanzierung sorgen kann. Foto: U.S. Air Force photo by Staff Sgt. Alexandra M. Longfellow/public domain

Hinter vorgehaltener Hand war die Skepsis schon länger vernehmbar. Nun artikuliert man sie auch öffentlich. In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland ätzte Rheinmetall-Chef Armin Papperger, mit seinem Unternehmen immerhin selbst beteiligt, dass es in den vergangenen drei Jahren kaum Fortschritte bei dem deutsch-französischen Großprojekt gegeben habe. Frühestens 2040 könne der Panzer fertig werden. Ursprünglich war dafür das Jahr 2035 avisiert. Zuvor hatte schon die Geschäftsführerin des Augsburger Rüstungsunternehmens Renk, Susanne Wiegand, in einem Gespräch mit der Wirtschaftswoche ihre Zweifel an der Existenzberechtigung des geplanten Superpanzers angemeldet.

„Die Zeitenwende der Bundesregierung ist ein laues Lüftchen“

Der Beziehungsstatus der beteiligten Unternehmen war von Anfang an kompliziert. Auf der einen Seite steht Rheinmetall aus Düsseldorf, eine auf den Shareholder Value ausgerichtete Aktiengesellschaft. Auf der anderen KNDS, eine Holding des deutschen Familienunternehmens Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und des französischen Staatskonzerns Nexter. Der Streit dreht sich vor allem um die Frage, wer welche Komponenten beisteuert. So sorgt unter anderem die Bewaffnung für Zündstoff. Rheinmetall will unbedingt seine neue 130-mm-Glattrohrkanone in den Panzer einbringen, die Franzosen wollen das verhindern. In vier von insgesamt acht Technologiefeldern ist noch immer nicht geklärt, welches Unternehmen Hauptauftragnehmer wird.

Diskussion um Exportbeschränkungen für den MGCS belasten das deutsch-französische Projekt

Erst im November hatte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags „eine angemessene Verteilung der Technologiebereiche auf Augenhöhe und eine faire Kosten- und Arbeitsverteilung auf staatlicher und industrieller Ebene“ angemahnt, um auch in den künftigen Jahren weitere finanzielle Mittel für das Projekt freigeben zu können. Beide Forderungen sahen die drei Koalitionsfraktionen von SPD, Grünen und FDP als nicht erfüllt an. Geändert hat sich seitdem wenig. Zwischen den Rüstungsfirmen geht es immerhin um harte Euro, um Urheber- und Eigentumsrechte und wertvolle Geschäftsgeheimnisse, die in die Hände der Konkurrenz fallen könnten – und um mögliche Exportbeschränkungen, die eine Gemeinschaftsproduktion wohl zwangsläufig mit sich brächte. „Wir sollten nicht meinen, dass andere europäische Nationen wie Frankreich gerne mit uns bei Rüstung kooperieren, wenn wir ihnen mit einer besonders restriktiven Exportpolitik danach die Vermarktung der Kooperationsprodukte erschweren“, sagt etwa Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV).

Rheinmetall stellte im vergangenen Jahr den Kampfpanzer KF51 auf der Rüstungsmesse Eurosatory 2022 in Paris vor. Doch er ist kein vollwertiger Leopard-Ersatz. Vielmehr montierte das Unternehmen einen neu entwickelten Turm und eine neue Kanone auf die Wanne eines Leopard 2. Foto: Rheinmetall

Immer häufiger traten die Partner als Widersacher und Einzelgänger auf, die ihre hauseigenen Produkte in Stellung brachten. Rheinmetall hat in der Zwischenzeit den Kampfpanzer Panther KF51 entwickelt, KNDS den „Enhanced Medium Battle Tank“ (EMBT). Beide verbauen eine Wanne des KMW-Dauerbrenners Leopard 2 – und bekamen sich über deren Urheberrechte abermals in die Haare.

Rheinmetall und KMW stritten vor Gericht um den Leopard 2

Bevor es zum mündlichen Verfahren vor dem Landgericht München I kam, einigten sich die Unternehmen Anfang Mai auf einen Vergleich. „Die Parteien sind sich bewusst, dass sie gerade in der aktuellen Situation (jede Partei einzeln und im Rahmen ihrer bestehenden Kooperationen auch gemeinsam) einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit unseres Landes und unserer Verbündeten leisten müssen“, so Rheinmetall in einem mit KMW abgestimmten Statement. „Deshalb haben sich die Parteien um eine schnellstmögliche Beilegung des Streits bemüht, um zum Tagesgeschäft zurückkommen zu können.“ Und das brummt, die Nachfrage nach Panzern ist groß.

So kauft etwa Polen, das lange als möglicher MGCS-Partner im Gespräch war, nun in Südkorea ein, ordert 1000 K2-Panzer von Hyundai Rotem, einer Tochtergesellschaft der Hyundai Motor Group. Nato-Mitglied Norwegen bestellt 54 Leopard-2-Panzer von KMW. Der potenzielle Kundenkreis für den deutsch-französischen Superpanzer der Zukunft wird dadurch naturgemäß eher kleiner als größer.

Bei der französischen Armee soll das MGCS einmal den Leclerc als Kampfpanzer ablösen. Foto: U.S. Army Photo by Lacey Justinger, 7th Army Training Command

Denn ist ein Panzer erst einmal angeschafft, bleibt er jahrzehntelang im Dienst. Rheinmetall-Boss Papperger sagte forsch, bis zur Markteinführung des „Main Ground Combat System“ so viele Panzer wie möglich verkaufen zu wollen. Hinzu kommt, dass der neue Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius einen Paradigmenwechsel bei der Beschaffung anstrebt, den Faktoren Zeit und Marktverfügbarkeit Vorrang einräumen will. Er schafft ebenfalls 18 neue Leopards 2 für die Bundeswehr an.

Was der Leopard 2 der Ukraine bieten kann

Entscheidend für das Schicksal des MGCS wird die Finanzierung sein. Zwar ist im „Sondervermögen Bundeswehr“ eine Kreditoption von rund 1,1 Mrd. € vorgemerkt. Doch wie es mit der Finanzierung der Aufrüstung nach dem Auslaufen des Sondervermögens weitergeht, ist völlig ungeklärt. Florian Hahn, verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, mahnte bereits: „Dieses Panzerprojekt ist im Moment in keiner Weise irgendwie finanziert.“

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