Terrorpropaganda in den sozialen Medien 10. Aug 2017 Von Peter Steinmüller

Peter R. Neumann: „Soziale Medien sind für den Islamischen Staat ideal“

Terrorexperte Peter R. Neumann vom King's College in London über dschihadistische Propaganda auf Facebook, Youtube & Co. und ihre Bekämpfung.

Algorithmen können Menschen beim Löschen von Terrorpropaganda nicht völlig ersetzen, ist Peter R. Neumann überzeugt.
Foto: imago/IPON

VDI nachrichten: Herr Neumann, gäbe es ohne soziale Medien weniger Terroranschläge in der Welt?

Neumann: Terrorismus ist durch das Internet tatsächlich einfacher geworden. Aber man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass es ohne das Internet keinen Terrorismus gäbe. So haben die sozialen Medien wesentlich dazu beigetragen, dass der IS sehr schnell viele Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern mobilisieren konnte. Gleichzeitig gerät man schnell in die Versuchung, das Internet zu überbewerten. Denn die Anzahl der Menschen, die sich ausschließlich über das Internet radikalisieren, ist nach wie vor sehr niedrig.

Wie hat es der Islamische Staat (IS) erreicht, über das Internet so hohe Reichweiten aufzubauen? Al-Qaida war bei Weitem nicht so erfolgreich.

Al-Qaida war mit der Produktion von Videos schon vor 13 Jahren sehr aktiv. 2004 haben die Islamisten eine Geisel vor laufender Kamera enthauptet und das Video online gestellt. Im Gegensatz zu anderen Gruppen in Syrien und dem Irak begann der IS im Jahr 2011 mit Videos in europäischen Sprachen. Die professionelle Machart stammt von talentierten Amateuren, die Software nutzen, die allen Internet­usern zur Verfügung steht.

Islamischer Staat gibt jungen Muslimen eine Orientierung

Die bekanntesten IS-Videos kombinieren Hollywoodästhetik mit Szenen unglaublicher Grausamkeit. Wieso spricht diese Mischung so viele Menschen an?

Die Brutalität spielt zwar eine wichtige Rolle. Aber mindestens genauso wichtig war bis vor kurzem die Botschaft: „Wir verwirklichen hier eine Utopie und du kannst Teil dieser neuen Gesellschaft sein. Noch in 1000 Jahren werden die Gelehrten über die mutigen jungen Männer sprechen, die ihre Heimat verlassen haben, um das Kalifat wieder aufzubauen.“ Die Chance, plötzlich wichtig zu werden, ist für jemanden attraktiv, der nach Orientierung sucht. Zur ultimativen Gesellschaft gehört auch, dass sie mit ihren Feinden brutal abrechnet. Das wird theologisch begründet, aber auch ganz pragmatisch mit der abschreckenden Wirkung.

Jetzt steht diese Gesellschaft kurz vor ihrem Ende. Inwieweit reagiert die Propaganda des Islamischen Staates auf die nahende militärische Niederlage?

Zum einen hat der Output ganz stark abgenommen. Statt fünf Videos und Dutzenden von Text- und Fotopostings wird pro Tag jetzt weniger als ein Viertel davon veröffentlicht. Zum anderen sind die Botschaften sehr defensiv geworden. Jetzt wird nicht mehr verkündet, jeder Muslim habe die Pflicht ins Kalifat zu ziehen, sondern die Unterstützer sollen zu Hause Anschläge auf eigene Faust verüben. Daran erkennt man deutlich, dass das Kalifat am Zusammenbrechen und die Territorialstrategie des IS gescheitert ist.

Dschihadisten zeichnen sich durch ein primitives Islamverständnis aus. Soziale Medien wiederum setzen auf Zuspitzung und Vereinfachung. Passt hier die Ideologie zum Medium und umgekehrt?

Absolut. Soziale Medien sind für den IS ideal, weil er einerseits ein Staatsgebiet für sich beansprucht, aber gleichzeitig für sich in Anspruch nimmt, Anhänger auf der ganzen Welt zu haben. Insofern ist das Internet das Medium, das zum Anspruch und zur Ideologie des IS passt.

Algorithmen sind bei der Bekämpfung von Terrorpropaganda eine große Hilfe

Vor kurzem haben Facebook, Youtube, Twitter und Microsoft das „Global Internet Forum to Counter Terrorism“ gegründet, das an technischen und inhaltlichen Lösungen arbeiten soll, um Terrorpropaganda zu bekämpfen. Noch vor einem Jahr sagte ein Twitter-Sprecher: „Den goldenen Algorithmus wird es nicht geben.“ Stehen wir jetzt doch davor, dass ein solcher Algorithmus funktioniert?

Der starke Druck der Politik auf die Internetkonzerne hat deren Anstrengungen zweifelsfrei beschleunigt. Algorithmen sind eine große Hilfe, bestimmte Profile zu identifizieren, etwa wenn immer wieder die gleichen Bilder hochgeladen werden. Oder wenn eine Person eine große Zahl an Kämpfern zu Freunden hat, deutet das daraufhin, dass diese Person selbst ein Kämpfer ist. Aber in der letzten Analyse muss doch ein Mensch entscheiden, der versteht, was auf dem Bildschirm dargeboten wird.

Ein immer wieder genanntes Konzept gegen dschihadistische Propaganda ist Counterspeech. Halten Sie es für vielversprechend, den Botschaften der Extremisten mit Argumenten zu antworten?

Wichtiger als der Widerspruch ist zunächst das Löschen. Terrorvideos des IS sollten nicht auf Youtube zu sehen sein. Aber weil diese Inhalte nicht hundertprozentig zu entfernen sind, müssen die jungen Menschen in den sozialen Netzwerken genügend Möglichkeiten bekommen, sich andere Standpunkte anzuschauen. Wenn Sie etwa auf Youtube den Namen eines Hasspredigers eingeben, bekommen Sie häufig in der rechten Leiste weitere seiner Videos angeboten. Aktuell gibt es interessante Projekte der Anbieter sozialer Netzwerke, die Algorithmen so weiterzuentwickeln, dass bei der Suche nach extremistischen Inhalten gegensätzliche Botschaften, also Counterspeech, eingeblendet werden.

Counterspeech hilft gegen Terrorpropaganda auf Youtube

Wo soll diese Fülle an Counterspeech herkommen?

Ich kann mir gut einen Wettbewerb vorstellen, bei der Teens und Twens Inhalte zur Frage produzieren: „Warum ist der IS im Unrecht?“ Die Beiträge werden auf Youtube hochgeladen, und der Sieger absolviert ein Praktikum bei Google. Ohne Kosten hätten Sie innerhalb einer Woche 30 bis 40 Videos, die sich wie ein Lauffeuer auf Youtube verbreiten und den IS kritisieren. Damit wäre mehr erreicht, als Regierungen und Werbeagenturen bisher geschafft haben, die für solche Produktionen ein halbes Jahr Vorlauf brauchen.

Ihre Konzepte zur Terrorbekämpfung setzen stark auf Prävention. Was kann dazu über das Internet geschehen?

Viele Radikalisierungen beginnen damit, dass junge Menschen auf der Suche nach einem Sinn sind. Genauso wie Sozialarbeiter in Stadtvierteln unterwegs sind, um sich mit Jugendlichen zu beschäftigen, die dabei sind, sich zu verlieren, sollte es Fachleute geben, die im Internet nach jenen schauen, die in derselben Situation sind. Denn die Extremisten tun es bereits. Vor allem junge Frauen werden ganz aggressiv angesprochen, weil sie nicht so am sozialen Leben teilnehmen können wie gleichaltrige Männer. Dem müssen wir zuvorkommen.

Sie sind auf Twitter sehr aktiv. Was reizt Sie an diesem Social-Media-Kanal?

Dort laufen interessante Debatten, auch wenn sie häufig viel zu rasch eskalieren. Zudem wirkt die Beschränkung auf 140 Zeichen sehr disziplinierend. Aus Sicherheitsgründen tweete ich aber über Veranstaltungen erst, wenn ich von dort wieder abgereist bin.

Peter R. Neumann

  • ist Professor für Sicherheitsstudien und Direktor des von ihm gegründeten International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) am King‘s College in London.
  • ist Sondergesandter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
  • berät u. a. das BKA, die UNO, das Europäische Parlament und gilt laut FAZ als einer „der weltweit renommiertesten Fachleute“ für Terrorismus.
  • gehörte zum Wahlkampfteam der CDU für die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und war als Innenminister im Gespräch.
  • studierte Politikwissenschaften an der FU Berlin und arbeitete als Radiojournalist.
  • wurde 1964 in Würzburg geboren.
  • auf Twitter: @PeterRNeumann   pst

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