PORTRÄT 09. Jul 2019, 15:02 Uhr Ines Gollnick

Der Inklusionsingenieur

Ali Osman Atak richtete nach einem Schlaganfall seine Karriere neu aus. Jetzt ist er Experte für Inklusion in Bonn.

Inklusionsberater Ali Osman Atak ist froh, nach einem Schlaganfall wieder einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen – die auch Spaß macht.
Foto: Ines Gollnick

Der Bonner Ali Osman Atak war 30 Jahre alt, als das Unerwartete passierte. Ein Schlaganfall stellte sein Leben auf den Kopf. Er wurde bettlägerig, saß fast ein halbes Jahr im Rollstuhl und musste das Laufen, Sprechen und Schlucken wieder neu lernen. Seine gerade erst angelaufene Karriere als Prüfingenieur in einem Bonner Unternehmen musste er aufgeben. Die berufliche Neuorientierung war mühevoll.

Seit dem Schlaganfall kann er seinen rechten Arm nicht mehr richtig einsetzen. Diesen vollen Körpereinsatz aber braucht ein Prüfingenieur, um etwa schwere Motorräder zu bewegen. „Schwerbehinderung Grad 80“ lautete der Befund in Behördendeutsch.

Nach erfolglosen Bewerbungen und schwierigen Jobinterviews kam die Wende mit der Stellenausschreibung der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Es wurde ein Ingenieur gesucht, der Fachkräfte mit einer Behinderung hilft, auf dem ersten Arbeitsmarkt fündig zu werden. Die Aufgabe lautete, vor allem kleine und mittlere Betriebe bei der beruflichen Wiedereingliederung zu beraten. Der Fachberater Inklusion sollte Unternehmen dabei unterstützen, in Zeiten des Fachkräftemangels neue Spezialisten mit Behinderung zu gewinnen und einzusetzen.

Weil diese Fachkräfte oft technische Hilfsmittel brauchen, um trotz Einschränkung arbeiten zu können, war ein Ingenieur gefragt, der sich mit Konzepten und Lösungen auskennt, wenn es um technische Anpassungen geht, wenn eine Treppe barrierefrei sein, eine Tür sich per Funk öffnen lassen oder ein besonderer Stuhl her muss.

Das war eine Stelle, die dem 35-jährigen Bonner zusagte. Er ist eben nicht nur Ingenieur, sondern kann die beratende Tätigkeit aufgrund seiner persönlichen Erfahrung als Schwerbehinderter mit besonderem Einfühlungsvermögen leisten. So bekam er die Position des Fachberaters Inklusion bei der IHK Bonn, die neu geschaffen worden war. Wieder ein Rad im Getriebe der Gesellschaft zu sein und damit eine sinnvolle Aufgabe zu haben, bedeutete ihm viel.

Das Landschaftsverband Rheinland-Integrationsamt fördert die Stelle. Sie ist beim technischen Beratungsdienst, einer der fünf Abteilungen beim LVR-Integrationsamt, angesiedelt. Das Büro stellt Atak die IHK in Bonn zur Verfügung.

Neben der Beratung der Betriebe bei der Neueinstellung, Beschäftigung oder Ausbildung von schwerbehinderten Menschen informiert Atak über Fördermöglichkeiten und hilft bei der Beantragung von individuellen Leistungen oder bei der Kontaktaufnahme mit den Kostenträgern. Es sind oft die bürokratischen Hürden, die viele Unternehmen daran hindern, Menschen mit Handicap einzustellen. „Wir Inklusionsberater bauen bei den Unternehmen Unsicherheiten ab.“ Wie welche Arbeitsstellen in welchem Ausmaß gefördert werden, muss recherchiert werden. In kleinen Unternehmen fehlt es oft an Kapazitäten, sich sachkundig zu machen. An diesem Punkt kommt der Fachberater Inklusion ins Spiel. Atak versteht sich als eine Art Lotse im Dschungel vielfältiger Fragestellungen und möglicher Beratungsangebote.

Um noch mehr Menschen mit Behinderung in Lohn und Brot zu bringen, erstellt Atak auf Anfrage Potenzialanalysen, die zeigen, an welchen Stellen eine Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen aus unternehmerischer Sicht Sinn machen können. Dienstleistungen können outgesourct, angestellte Fachkräfte entlastet oder Menschen mit Behinderung ausgebildet werden.

Auf die Frage, was das größte Hindernis auf Seiten der Unternehmen ist, wenn es darum geht, Menschen mit Behinderung einzustellen, antwortet Atak mit nur einem Wort: „Unwissen“. Er empfiehlt den Kontakt zu Beratern wie ihm. Die gibt es mittlerweile an vielen Handwerks- und Industrie- und Handelskammern. Der Ingenieur Volker Boeckenbrink, Inklusionsberater bei der Handwerkskammer Düsseldorf, koordiniert Berater mehrerer Handwerks-, Industrie- und Handelskammern sowie der Landwirtschaftskammer Münster. Denn wer gut beraten will, braucht spezielles Wissen und muss auf Feinheiten achten. So schulte Boeckenbrink Atak in der konkreten Beratung und wies auf Fallstricke hin. In den Teambesprechungen der beratenden Ingenieure geht es unter anderem darum, wie Qualitätsstandards festgeschrieben und wie Checklisten entwickelt werden können.

Die Arbeit wird Inklusionsberatern wie Atak nicht ausgehen. Bundesweit macht die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt zwar Fortschritte, stellte Ende 2017 das fünfte Inklusionsbarometer von Aktion Mensch und dem Handelsblatt Research Institute fest. Trotzdem haben kleine Unternehmen Aufholbedarf. Nur 3 % der Betriebe mit 20 bis 50 Mitarbeitern haben vor, mehr Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen. Der Bonner Berater Atak hat vor dem Hintergrund des Inklusionsklimas eine klare Botschaft an alle Betriebe: „Seien Sie offener, Menschen mit einer Schwerbehinderung nicht als Handicap, sondern vielmehr als Chance auf eine nachhaltige Fachkräftesicherung zu sehen. Wenn Kommunikation und Chemie stimmen, ist alles machbar.“

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