DEPRESSIONEN 17. Apr 2015 Christoph Böckmann

„Depressionen bekommen vor allem die Ehrgeizigen“

Die eigenen Ansprüche sind für uns eine ganz wichtige Triebfeder, aber wir müssen sie immer wieder überdenken, sonst können Depressionen drohen, warnt Psychologe Stefan Grünewald. Der Geschäftsführer des Rheingold Instituts für qualitativ-psychologische Wirkungsforschung erklärt im Interview, was es mit der Krankheit auf sich hat.

Auslöser für Depressionen sind erlebte Einschränkungen, wie wenn einem die eigene Unvollkommenheit vor Augen geführt wird, erklärt Psychologe Stephan Grünewald
Foto: Zillmann

VDI nachrichten: Laut mehrerer Schätzungen leiden rund 4 Mio. Menschen in Deutschland unter Depressionen. Wie muss man sich diese Krankheit vorstellen?

Stephan Grünewald: Es ist, als ob sie im Leerlauf Vollgas geben würden. Der Motor läuft heiß, ohne dass sie vorankommen.

Stephan Grünewald

ist einer der beiden Gründer des Marktforschungsinstituts Rheingold.
studierte Psychologie an der Universität Köln.
ist außerdem ausgebildeter Therapeut für analytische Intensivbehandlung.

Wie das?

Bei dieser Krankheit werden alle Impulse, die zu einer Aktivität führen könnten, automatisch von der Psyche abgewehrt. Aufgaben und Reize des Alltags erhalten alle die gleiche Gültigkeit, das heißt, es findet keine Priorisierung von Tätigkeiten mehr statt. Nichts macht mehr Spaß. Die Betroffenen ziehen sich zurück und legen sich still. Auf der anderen Seite erleben sie trotz Stilllegung eine Dynamisierung des Inneren: Sie sind unruhig, ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen und sie finden keinen erholsamen Schlaf mehr.

Wie erkennen Betroffene, dass sie eine Krankheit haben und nicht nur eine schlechte Phase?

Selbst erkennen sie das meist gar nicht. Sie sehen nur die Symptome und nicht die Ursache. So vergehen oft vier oder fünf Jahre, bis sie überhaupt einen Apotheker aufsuchen, um sich etwas gegen Schlafstörungen oder nervöse Unruhe zu besorgen. Bevor sie dann bei einem Arzt vorstellig werden, vergehen in der Regel noch mal zwei bis drei Jahre.

Wieso leiden Betroffene so lange, ohne etwas zu unternehmen?

Teil des Krankheitsbildes ist eben, dass sich die Patienten sehr verschlossen halten und in sich zurückziehen.

Wie entstehen Depressionen?

Wir leben in einer Gesellschaft, wo sich alles im Turbotempo überperfekt erfüllen soll. Insgeheim träumen wir davon, Übermenschen zu sein – Superstars oder Topmodells. Es ist wichtig, dass wir uns zugestehen, dass wir Menschen sind, denen auch mal was nicht gelingt.

Wir müssen also unsere Ansprüche runterschrauben?

Ansprüche sind für uns eine ganz wichtige Triebfeder, auf die wir nicht verzichten können. Aber wir müssen sie immer wieder überdenken. Wichtig sind dazu Phasen des Trauerns. Denn in ihnen müssen wir überdenken, von welchen überhöhten Idealen wir vielleicht Abschied nehmen sollten.

Der Auslöser von Depressionen ist dann also das Scheitern?

Auslöser ist eine erlebte Einschränkung. Das kann der Verlust eines geliebten Menschen sein oder dass ich meine eigene Unvollkommenheit vor Augen geführt bekomme, teils durch ganz banale Kränkungen. Z. B. dadurch, dass ich eine Beförderung oder einen Auftrag nicht bekomme oder Kritik vom Chef einstecken muss. Wer solche Niederlagen, egal ob extrem oder nur banal, nicht verarbeitet, kann in eine Depression abgleiten. Diese ersetzt den Prozess des Trauerns durch einen dauerhaften Zustand unendlicher Traurigkeit.

Sie haben gerade für eine Studie mit vielen depressiv Erkrankten gesprochen. Gibt es bei ihnen Gemeinsamkeiten, also vielleicht eine Gruppe, die besonders gefährdet ist?

Bei allen, die wir auf der Couch hatten, gab es einen gemeinsamen Nenner: Sie hatten alle hochgesteckte Ansprüche an sich. Starker Ehrgeiz begünstigt Depressionen.

Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Depression und Burn-out?

Das ist das Gleiche. Burn-out klingt aber einfach positiver: Jemand ist ausgebrannt, weil er Übermenschliches für sein Unternehmen geleistet hat. Die Depression wird durch das Wort Burn-out zu einer modernen Tapferkeitsmedaille. Das nimmt zwar einen Makel von dem Betroffenen, impliziert aber das Problem: Du hast in der heutigen Arbeitswelt zu brennen! Deshalb finde ich diese Umetikettierung nicht gelungen.

Was können Arbeitgeber tun, um ihre Mitarbeiter vor Depressionserkrankungen zu bewahren?

Eine offene Gesprächskultur ist vonnöten. Wichtig ist, dass der Mitarbeiter sich als Mensch gesehen fühlt. So dürfen z. B. Mitarbeitergespräche nicht formalisiert sein, sondern müssen Platz bieten, offen zu reden. Außerdem müssen wir von unserem Effizienzideal, dass jede Minute vollgetaktet ist, Abstand nehmen. Menschen brauchen den Freiraum, das Erlebte Revue passieren zu lassen und zu überdenken. Diesen Platz sollten sich alle nehmen, sowohl im Büro als auch in der Freizeit.

Wie lange braucht man, um da mit psychologischer Hilfe wieder rauszukommen?

Man muss mindestens mit einem halben Jahr rechnen. Darunter geht nichts.

Einige Unternehmen bieten ein Sabbatical an, also einen Zeitraum, in dem ich eine Auszeit nehmen kann und weiter einen Teil meines Gehalts beziehe. Hilft das, Depressionen zu verhindern oder verfehlt das die Wurzel des Problems und vertagt es nur?

Grundsätzlich ist es eine Chance, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Und in der Regel, wenn man sich in dieser Zeit nicht gleich mit anderen Vorhaben zuplant, bekommen die Leute dann schon Zeit, ihre Ansprüche und ihr Leben zu überdenken und gegebenenfalls zu dem Schluss zu kommen, dass man etwas ändern muss. Wichtig ist, dass man dann aber wirklich eine Neujustierung vornimmt.

Wie gehe ich mit einem Kollegen um, der nach längerer Zeit und Depressionsbehandlung wieder ins Unternehmen kommt?

Die Sache offen ansprechen, damit der Kollege weiß, dass er sich hier nicht weiter verschließen muss. Außerdem sollte überlegt werden, wie der Mitarbeiter wieder den Einstieg schaffen kann. Der muss im Unternehmen ja wieder laufen und sprechen lernen, und das geht nicht von 0 auf 100.

Haben an Depressionen Erkrankte mit dem Makel zu kämpfen, sie wären nicht leistungsfähig genug, wenn sie wieder ins Unternehmen kommen?

Leider ja. Aber keiner darf sich auf das hohe Ross begeben und meinen, dass einem selbst das nicht passieren kann. Jeder, der ehrlich ist, merkt: Es ist immer ein schmaler Grat zwischen normal und verrückt, zwischen gesund und krank.

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