Meine Energiewende 24. Okt 2014 Heinz Wraneschitz

Erfolg trotz „Spott, Hohn, Schimpf und Schande“

Wolfgang Arlt, Chefwissenschaftler des Energie-Campus Nürnberg, will verändern, wie wir Energie transportieren und speichern. Er bindet dafür Wasserstoff in Flüssigkeiten. Der Hobbysegler bekam für die Idee anfangs reichlich Gegenwind. Inzwischen erhält er immer mehr Zulauf.

Mit Wasserstoff zur Energiewende: Wolfgang Arlt will das Speicher- und Transportproblem des Energieträgers lösen.
Foto: Heinz Wraneschitz

Sein Hobby ist Segeln auf hoher See. Die rheinische Frohnatur Wolfgang Arlt weiß also mit Stürmen und Wellen umzugehen und auch gegen den Wind zu kreuzen. Und wie er durch die Gänge seines Instituts an der Uni Erlangen-Nürnberg geht, wirkt das zwar zielstrebig, aber immer gelassen.

Wolfgang Arlt

Lehrstuhlinhaber Thermische Verfahrenstechnik an der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und Sprecher der wissenschaftlichen Leitung des Energie Campus Nürnberg (EnCN)

Bevor er zur FAU kam, leitete er den Lehrstuhl für Thermodynamik und Thermische Verfahrenstechnik an der TU Berlin, zuvor arbeitete er bei Bayer in der Kunststoffverfahrenstechnik.

Arlt studierte Chemie mit dem Schwerpunkt Physikalische Chemie an der Uni Dortmund und promovierte auch dort.

Sein ganzes Wesen dürfte ihm sehr geholfen haben, als er sich entschlossen auf ein Energieforschungsgebiet wagte, das bislang kaum erkundet ist: die „Entwicklung von Energie tragenden Stoffen, darunter flüssige Wasserstoffträger“.

Arlts Beitrag zur Energiewende erschließt sich nicht so leicht – er hat keine Rekordsolarzelle entwickelt, das könnte man ja einfach verstehen. Ihm geht es darum, wie wir in Zukunft Energieträger transportieren und speichern können. Wasserstoff wäre solch ein Speicherstoff für Strom, gewonnen über die Elektrolyse von Wasser.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Thermische Verfahrenstechnik setzt für die Speicherung von Wasserstoff quasi aufs Einbinden des Gases in einen flüssigen Trägerstoff. Diese Liquid Organic Hydrogen Carrier (LOHC) verbrauchen sich dabei nicht; sie sind also nach der Wasserstoffentladung für die Aufnahme neuen Wasserstoffs bereit.

„Es war manchmal hakelig. Man schüttete Spott, Hohn, Schimpf und Schande über mich“, erzählt Arlt mit sonorer, tiefer Stimme von den Anfängen seines liebsten Forschungsgebiets. Mit dieser Reaktion hatte er wohl gerechnet. Denn „sonst könnte ja jeder herkommen und etwas Neues aufziehen. Aber ein Lehrstuhlinhaber mit über 100 kg, der fällt nicht gleich um“, lacht Arlt.

„Rein dienstlich“ begann diese seine persönliche Energiewende 2004: Damals war er dem Ruf nach Erlangen gefolgt. Zuvor hatte er schon über ein Jahrzehnt als Professor an der TU Berlin gewirkt, ebenfalls in Thermodynamik und Thermischer Verfahrenstechnik. Als promovierter Ingenieur hatte er zwischen 1981 und 1992 beim Chemieriesen Bayer Verfahren und Produktionsanlagen entwickelt und in Betrieb genommen.

Sein Chemiestudium absolvierte er an der heutigen TU Dortmund, vertiefte sich dabei schon stark in die Chemietechnik. „Das weltoffene Klima am Lehrstuhl führte bereits zu damals durchaus nicht üblichen Auslandsaufenthalten“, erinnert er sich.

In seiner Rückschau war er „schon als Student energiebewusst“. Seine Ente (Citroën 2CV2) hatte 16 PS und verbrauchte zwischen 5 l und 6 l Sprit auf 100 km – für damalige Verhältnisse sparsam. Genauso, wie er selbst erzogen wurde. Er hatte die vier autofreien Sonntage währen der „Ölkrise“ 1973 erlebt, „bin zu Fuß auf der Autobahn spaziert, obwohl es nicht erlaubt war“.

Passend dazu las er die Schriften des „Club of Rome“, die ab 1972 erschienen waren. Sechs Männer hatten im Anschluss an eine erfolglose Konferenz zu Zukunftsfragen der Menschheit beschlossen, ihre Ideen unter dem Namen „Club of Rome“ weiter zu verfolgen.

„Die Gruppe hat damals gegen Windmühlenflügel gekämpft. Im Endeffekt hatte sie nur in einem Detail recht: Dass die Ressourcen begrenzt sind“, resümiert Arlt. Ein anderer Anstoß für ihn: „Weil die Energiepreise hierzulande schon immer hoch waren, waren wir Verfahrenstechniker gehalten, die Anlagen energieoptimiert zu bauen.“

Inzwischen ist Wolfgang Arlt für viele der „Papst“ der Energie tragenden Stoffe wie LOHC. Zunächst kam ihm das Patent einer amerikanischen Firma zu dieser Technologie zupass. „Das LOHC der ersten Art haben also nicht wir erfunden. Die verbesserte Form LOHC 2 wurde von meinem Erlanger Kollegen und Chemiker Peter Wasserscheid entdeckt. Mein Beitrag war, das für den Wasserstofftransport gedachte System auch für die Speicherung, also für die Energieversorgung, entdeckt zu haben.“ Und mit LOHC ist er auf dem Weg zu seinem „wirklichen Ziel, meinen Beitrag zur Energiewende zu leisten“. Dreieinhalb Jahre hat er dafür noch Zeit – dann kann er in den Ruhestand gehen. Dass inzwischen „zunehmend Kollegen auch außerhalb der Erlanger Gruppe mitforschen, ist für mich ein Beweis, auf dem richtigen Weg zu sein“.

Dass er neben seinem Lehrstuhl auch noch den Sessel als „Sprecher der wissenschaftlichen Leitung des Energie Campus Nürnberg“, EnCN, besetzt, ist wohl mehr dem Zufall zu verdanken. Denn von den 160 Wissenschaftlichen Mitarbeitern aus fünf Hochschul- und Forschungsinstitutionen sind ihm nur drei direkt zugeordnet.

„Auslöser war die Nachfrage des damaligen Vizepräsidenten für Forschung, die Energieaktivitäten an der Uni darzustellen und zu bilanzieren. Ich war selber überrascht, wie viel wir schon gemacht hatten. Thermodynamik ist für die Bilanzierung perfekt geeignet“, lacht Arlt.

Als in dieser Zeit klar wurde, die Bayerische Staatsregierung wolle Nürnberg zu einem Spitzenstandort für Energieforschung machen, wurde Wolfgang Arlt die wissenschaftliche Leitung des neuen EnCN angetragen.

Kein leichter Job, wenn drei teils konkurrierende Fraunhofer-Institute, das Bayerische Zentrum für angewandte Energieforschung (ZAE), eine Technische Fachhochschule und eine Universität ihre Forschungen koordinieren sollen.

Doch gab schließlich trotz politischer Differenzen auch Bayerns Landesregierung das „O. K“ für Arlt als Wissenschaftsleiter und für die 50 Mio. € Landesmittel zum Aufbau des EnCN. Inzwischen steht bereits die zweite Förderperiode im Raum.

Trotzdem hat Arlt das Kritisieren nicht verlernt. „Die bayerischen und Berliner Energieziele stimmen nicht überein“, stellt er fest. Und am bundesdeutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beklagt er die Bevorzugung der Methanisierung von Wasserstoff: „Warum wird unsere Technologie so benachteiligt? Energieminister Gabriel wollte doch eigentlich technologieoffen sein!“ Er habe ja prinzipiell nichts gegen die Methanisierung, so Arlt. Doch es sei „eine Technologie, die vom Wirkungsgrad unserer stark unterlegen ist“.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen zu diesem Thema. Arlts Wirken zeigt Früchte: So beschäftigt sich das erste nordbayerische Helmholtz-Institut, das „HI ERN für Erneuerbare Energien“ in Erlangen-Nürnberg, 2013 gegründet, mit „innovativen Methoden für die chemische Energiespeicherung von zum Beispiel Wasserstoff“, sprich: mit LOHC.

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