Offshore-Windkraft Deutschland 2021 13. Jan 2022 Von Stephan W. Eder

Windkraft: Offshore-Branche fordert schlanke Verfahren für mehr Tempo beim Ausbau

Die Bundesregierung setzt beim schnellen Ausbau der deutschen Ökostromkapazitäten massiv auf den Ausbau von Windkraftanlagen auf See, kurz Offshore-Windkraft. Erstes Ziel: 30 GW Offshore-Nennleistung bis 2030 – statt 20 GW, wie bisher vorgesehen. Die Branche findet die Zielvorgabe „gut“, gleichzeitig macht sie heute Mittag auf der jährlichen Branchenpressekonferenz zu Jahresbeginn deutlich, wie groß die Herausforderung ist. Es gelte, den Zubau zu beschleunigen und zu entzerren, Beschäftigung und Wertschöpfungskette zu stärken.

Offshore-Windkraft gitl als essenziell, um eine relativ stabile Ökostromversorgung herzustellen. Im Bild eine schwimmende 3,6-MW-Offshore-Windturbine, das Tetra-Spar-Projekt, in dessen Rahmen die Partner RWE, Shell, Tepco und Stiesdal Ende 2021 die erste Anlage vor Norwegen offshore installiert hatten.
Foto: RWE

Null, nichts – wirklich keine einzige Windkraftanlage – wurde im letzten Jahr in den deutschen Gewässern vor der deutschen Ost- und Nordseeküste neu errichtet. Am 31. Dezember 2021 waren in Deutschland 1501 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Nennleistung von 7,8 GW in Betrieb. Zumindest die installierte Nennleistung stieg leicht, um 24 MW aufgrund eines Leistungs-Upgrades für 132 bereits installierte Anlagen.

Euphorie war bei Anna-Kathrin Wallasch, der Leiterin der Abteilung Markets & Politics bei der Deutschen Windguard, demnach nicht zu spüren, als sie das Zahlenwerk über den Stand der Offshore-Windkraftbranche in Deutschland vortrug. Zusätzlich zu den produzierenden 7,8 GW liegen für 2,2 GW Investitionsentscheidungen vor, für weitere 1,9 GW wurden in Ausschreibungen bisher Zuschläge erteilt. Im Flächenentwicklungsplan 2020 des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie sind weitere 8,7 GW für eine Ausschreibung vorgesehen. Damit ist also das bisherige politische Ziel der vorherigen Bundesregierung von 20 GW bis 2030 erreichbar.

Offshore-Windkraft soll zum Zugpferd der Energiewende werden

Die neue Bundesregierung will mehr, deutlich mehr: bis 2030 30 GW, bis 2035 40 GW und bis 2045 rund 70 GW. Ein steiler Anstiegspfad, der, das ist zu merken, auch der mit dieser Aussicht gesegneten Branche Respekt abfordert. Zwar, so Wallasch, würde in neueren Papieren die Zeile bis 2035 (40 GW) bereits berücksichtigt, für 2045 jedoch „müssten noch in erheblichem Umfang weitere Flächen ausgewiesen und erschlossen werden“. Der Kampf um die Nutzung von Flächen im Offshore-Sektor wird durch die neue Priorisierung pro Klimaschutz im Bundeswirtschaftsministerium, die Hausherr Robert Habeck am Montag mit seiner ersten Klimabilanz festlegte, jetzt eröffnet.

„Die geplanten Ausschreibungsmengen müssen schnellstmöglich deutlich erhöht werden, um das vorhandene Innovationspotenzial sowie die Beschäftigung und Wertschöpfungskette in Deutschland zu erhalten und auszubauen“, so die Branchenorganisationen BWE, BWO, VDMA Power Systems, WAB und die Stiftung Offshore-Windenergie. Die Flächenpotenziale in deutschen Gewässern müssten „voll ausgeschöpft werden“. Es sollte bei Nutzungskonflikten um pragmatische und klimaschutzfreundliche Lösungen gehen, nicht zuletzt im Sinne des Umweltschutzes.“

Windkraftanlagen auf See werden in den kommende Jahren deutlich größer und leistungsstärker

Die durchschnittliche Anlagenkonfiguration eines Windrads auf See in Nord- oder Ostsee sieht bisher so aus: Im Schnitt haben die Mühlen 5,3 MW Nennleistung, eine Nabenhöhe von 95 m und einen Rotordurchmesser von 133 m. In Zukunft (2025) dürften es 11,2 GW sein, 127 m Nabenhöhe und 196 m Rotordurchmesser. Die Parks liegen zwischen 40 km und 120 km offshore in Wassertiefen zwischen 20 m und 40 m. Die neuen Anlagen würden, so Wallasch, bislang „weiter alle mit Monopiles geplant“. Floating-Offshore-Anlagen, wie RWE sie derzeit im Projekt Tetraspar in Norwegen testet, spielen bisher keine Rolle.

Wallasch wies darauf hin, dass Ökostrom aus Offshore-Windkraftanlagen in letzter Zeit teuer geworden ist. Verkaufte sich die Kilowattstunde 2020 immer unter 4 Cent, so lag das Mittel 2021 bei 9 Cent. „Das ist zweieinhalb Mal so hoch wie 2020“, so Wallasch. Im Dezember erreichten die Preise mit 18,4 Cent/kWh im letzten Jahr einen Höchstwert.

Flächen für grünen Wasserstoff ausschreiben

Die Bundesregierung sollte frühzeitig klären, welchen zusätzlichen Offshore-Wind-Ausbaubedarf das auf 10 GW erhöhte Ziel für die Elektrolysekapazität für grünen Wasserstoff notwendig macht, betonten die Verbände. Diese Flächen sollten ebenfalls umgehend lokalisiert und zügig ausgeschrieben werden.

Wichtig für den mittel- bis langfristigen Ausbau der Windenergie auf See ist die entsprechende Infrastruktur. Dazu zählt auch der koordinierte Ausbau der Strom- und Gasnetze für die Erzeugung von grünem Wasserstoff in Nord- und Ostsee.

Offshore-Windkraft schnell auszubauen gelingt nur, wenn die Genehmigungsverfahren schneller werden

Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer beim VDMA-Fachverband Power Systems, zu dem auch die Windkraftanlagen-Hersteller und die entsprechende Zuliefererbranche gehören, betonte die „guten Voraussetzungen“ der deutschen Offshore-Windkraftbranche, um den avisierten raschen Ausbau stemmen zu können.

„Deutschland ist Innovationscluster“, betonte er; es gebe in Deutschland eine tiefe Einbindung in Lieferketten, eine technologisch breite Aufstellung und ein „signifikantes Niveau an Wertschöpfung“. Wichtig sei, dass der Ausbau beschleunigt wird und gleichzeitig verstetigt werde. Die hierzu notwendigen politischen Maßnahmen müssten in zwei Stoßrichtungen gehen: Flächenausweisungen und Abbau von Genehmigungshemmnissen. Dazu brauche es eine „zügige Anpassung der Rahmenbedingungen“ im Windenergie-auf-See-Gesetz.

Deutsche Offshore-Branche braucht Vorlauf und Verlässlichkeit.

„Die neuen Ausbaupläne machen eine umgehende Mobilisierung aller Kräfte auf Bundes- und Landesebene erforderlich“, betonte Karina Würtz, Geschäftsführerin bei der Stiftung Offshore-Windenergie in Berlin. Durch die sehr starke Hochlaufkurve bis 2030 sei eine ganze Reihe von Maßnahmen in fünf Bereichen notwendig. Behördenkapazität und effiziente Regulatorik, Netzausbau, Flächenverfügbar, Infrastrukturertüchtigung und Ressourcenverfügbarkeit.

„Ohne Netzausbau keine Offshore-Windenergie“, brachte es Würtz auf den Punkt. Derzeit dauerten die Planungs- und Genehmigungsprozesse dreimal so lange wie die reine Bauzeit. „Wir müssen beschleunigen bei den Flächenausweisungen und beim Netzausbau, sonst bringen wir in Zukunft den Strom mit Eimern an Land“, sagte sie.

Boom der Offshore-Windkraft wird globalen Wettbewerb entfachen

Würtz blickte auch in die Zukunft. So sehr die Branche sich freut, so ist die Konkurrenz in Europa und weltweit, allen voran China und die USA, groß. Und der deutsche Offshore-Windkraftsektor hatte zu leiden in den letzten Jahren. Fast alle Länder mit Offshore-Potenzial hätten sich Ausbauziele gegeben, das werde zu einem hohen Maß an internationalem Wettbewerb führen.

Rohstoffe wie Stahl, Komponenten wie Kabel, Spezialschiffe, die derzeit fast ausschließlich in Asien gefertigt würden, Kabelverleger und Crew-Transporter – „um all das werden wir konkurrieren und es wäre in industriepolitischem Sinne absolut wünschenswert, wenn hier frühzeitig gegen diese erwartbare Knappheit gegengesteuert wird“, betonte Würtz. „Wir haben heute kaum noch eine eigene Rotorblattfertigung mehr, kaum noch Kabel. Uns muss klar sein, in welche Konkurrenzsituation wird da hineinlaufen werden.“

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