Corona-Infektion durch Aerosole 23. Nov 2020 Von Bettina Reckter

Aachener Forscher: Hörsäle und Klassenräume brauchen mehr Luft

Maske hin oder her: Voll besetzte Hörsäle sind in Corona-Zeiten nicht vorstellbar. Dabei ist hier das Risiko, sich über Aerosole anzustecken, geringer als in vielen Klassenräumen. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende der RWTH Aachen. Ihre Daten lassen auch Rückschlüsse auf Familienfeiern zu.


Foto: panthermedia.net/ matej kastelic

Das Infektionsrisiko in Klassenräumen bewerten Wissenschaftlerteams der RWTH Aachen als kritischer als in anderen Raumtypen. Klassenzimmern fehlten meist eine maschinelle Lüftung, zudem gebe es keinen einheitlichen Lüftungsleitfaden. Gründe seien die mitunter hohe Belegungsdichte und die lange Nutzungsdauer von Klassenräumen, meint Dirk Müller vom RWTH-Lehrstuhl für Gebäude- und Klimatechnik nach Vergleichsrechnungen. Für unterschiedliche Raumtypen hatten die Aachener das Ansteckungsrisiko analysiert. Müllers Fazit aus dieser Studie: Bei der Nutzung von Klassenräumen und Sporthallen müsse man mehr aufpassen als bei großen, voll besetzten Hörsälen mit 1000 Studierenden.

Unter die Lupe nahmen die Forschenden Klassenzimmer, Hörsaal, Großraumbüro und Sporthalle im Vergleich zu einer bestimmten Referenzsituation: ein mit 25 Personen für die Dauer einer Schulstunde plus Pause besetztes durchschnittlich großes Klassenzimmer, das automatisch belüftet und dessen Luftvolumen 4,4-mal in der Stunde ausgetauscht wird. Diese Referenzsituation erhielt im Modellansatz ein relatives Risiko von eins. Das Infektionsrisiko in Hörsälen und Großraumbüros sei gemessen daran relativ gering, meinen die Wissenschaftler. Lediglich in Sporthallen könne es bei starker körperlicher Belastung und einem hohen Ausstoß kleinster luftgetragener Partikel noch etwas kritischer werden als in einem schlecht belüfteten Klassenraum.

Private Feiern sind riskant

„Die Daten haben jetzt bestätigt, dass eine größere Feier zu Hause viel riskanter sein kann als Veranstaltungen im öffentlichen Rahmen. Im privaten Bereich bei einer üblichen Fensterlüftung ist der Luftwechsel oft so gering, dass die Übertragung des Virus über den Aerosolweg gut funktioniert“, sagt Müller. Dagegen sei in vielen öffentlichen Gebäuden, die über eine raumlufttechnische Anlage verfügen, die Infektionsgefahr deutlich geringer. Auch ein gut belüfteter Raum wie ein moderner Hörsaal sei selbst bei einer hohen Belegungsdichte viel weniger problematisch.

Vor allem im Winter könne sich deshalb in Klassenräumen ohne maschinelle Belüftung ein höheres Ansteckungsrisiko entwickeln, wenn nicht ausreichend über die Fenster gelüftet werde. Oft sei es draußen zu laut, die Schülerinnen und Schüler säßen im Durchzug und würden frieren. Das könne dazu führen, dass trotz aller Vorgaben zu wenig gelüftet werde. Untersuchungen aus den letzten Jahren zeigten, dass sich bei einer Fensterlüftung in Klassenräumen oft nur ein unzureichender Luftwechsel einstellt, was sich anhand von hohen CO2-Konzentrationen nachweisen lässt, wie Müller fest-stellt.

Ein fast zwölffach höheres Risiko

Wird eine angenommene Maximalbesetzung von 35 Personen erreicht, könne sich ein fast zwölffach höheres Infektionsrisiko im Vergleich zum Referenzraum ergeben. Selbst wenn die Belegung auf 18 Personen gesenkt würde, müsste die Luft in dem Raum 3,3-mal pro Stunde ausgetauscht werden. Das entspricht einem Außenluftvolumenstrom von umgerechnet 660 m³ pro Stunde.

Ein Mund-Nasenschutz könne eine Lüftung nie ersetzen, wohl aber den notwendigen Luftaustausch senken, so die Forscher. Dabei komme es darauf an, wie hoch die Aktivität in einem Raum ist. Spricht nur der Lehrer oder sind es mehrere Personen in Gruppenarbeit? Sport solle demnach in Hallen nur mit deutlich reduzierter Personenzahl oder draußen durchgeführt werden.

Mit Maske in den Hörsaal

In großen Hörsälen empfehlen die Forscher zwar einen Mund-Nasenschutz, aber das Infektionsrisiko sei nach ihren Berechnungen vergleichsweise gering. Obwohl die Personendichte auf der Fläche mit der in einem Klassenraum vergleichbar sei, gebe es für jeden Anwesenden eine deutlich größere senkrechte Luftsäule. Ein für diese Gebäude typischer zwei- bis dreifacher Luftwechsel pro Stunde reiche aus, damit das relative Infektionsrisiko nicht steige.

Großraumbüros mit Lüftungstechnik bewerten die Aachener als unproblematisch. Die Raumabmessungen und Bewegungsflächen seien nach den Arbeitsschutzregeln so großzügig bemessen, dass selbst bei einer Vollbesetzung das Ansteckungsrisiko durch Aerosole relativ gering sei. „Aus meiner Sicht sollten wir genauer hinschauen, bevor über Maßnahmen entschieden wird“, betont Müller auch mit Blick auf die Maskenpflicht in einigen Fußgängerzonen: „Rein lufttechnisch gesehen ist eine Virusübertragung nicht vorstellbar, wenn dort die Abstandsregeln eingehalten werden.“

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